Die Story des Blues: Der Country- und Piano-Blues

Im dritten Teil der „Story des Blues“ beschäftigt sich Michael Huemer in der Sendung „Lust aufs Leben“ am Sonntag mit dem zuerst nur akustischen Country- und Piano-Blues.

Während des Ersten Weltkriegs begannen Massen schwarzer Menschen aus den ländlichen Gebieten des Südens in den Norden zu ziehen. Die hohe Armut und die schwere Arbeit lasteten schwer auf den schwarzen Landarbeitern, denen zu Ohren kam, dass es im Norden viel besser war. Die Industrialisierung Amerikas ging zügig voran, im Mississippi-Delta blieb das Leben so hart wie eh und je. Menschen, die lange in Armut und unter rassischer Diskriminierung gelebt hatten, hofften auf bessere Lebensbedingungen und ein wenig mehr Freiheit in Städten wie Chicago, Detroit, Kansas City und New York.

Manhattan

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Manhattan

Blues veränderte sich

Auch für Bluesmusiker waren die Städte voller Verlockungen. So brachten die schwarzen Migranten auch den Blues mit, um bald festzustellen, dass die Musikszene in den Städten anders war wie in den Kneipen und Bars des Südens. Der Blues begann sich zu verändern, er wurde etwas geschliffener und immer mehr Bluesleute lernten, auch andere Instrumente als die Gitarre zu spielen, insbesondere das Klavier. Der Blues wurde immer noch gesungen, aber auf den 88 Tasten begleitet.

Gitarrentricks werden für das Klavier übernommen. Daraus entwickelt sich eine eigene Art von Bluesstil, der Piano-Blues. Das Klavier eignete sich mehr als alle anderen Instrumente dazu, die musikalischen Bedürfnisse der schwarzen Stadtbevölkerung zu erfüllen, vor allem während der Zeit der Prohibition, die das landesweite Verbot der Herstellung, des Transports und des Verkaufs von Alkohol bedeutet. Von 1922 bis 1933 beschränkte sich das Nachtleben der Afroamerikaner vorwiegend auf „rent parties“, die in Privatwohnungen als „speakeasies“ dienten. In diesen „Flüsterkneipen“ wurde illegal Alkohol ausgeschenkt.

Musiker

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Keine Noten

Eine laute Band war unerwünscht, hingegen ein Sänger, der sich auf dem Klavier begleitete, der ideale Entertainer. Jeder Gast wurde gegen die Entrichtung eines Beitrags zur Miete, zur „rent“ des Wohnungsinhabers zugelassen. Klavierspieler waren daher äußerst gefragt. Sie zogen in der Regel von einer Party zur nächsten und versorgten die ganze Nacht die Tänzer mit Musik. Essen und Trinken hatten sie umsonst. Die Blues-Pianisten spielen das Klavier immer sehr perkussiv. Weil sie auch bestimmte Muster ständig wiederholten, entwickelten sie eine besondere Art von Klaviermusik – den Boogie-Woogie. Sie verzichteten auf gedruckte Noten und spielten die rollenden Bassfiguren mit der linken Hand, während die rechte einfache Melodien improvisierte.

Chicago wurde in den 20er- und 30er-Jahren zu einer Hochburg des Boogie-Woogie. In den Tanzsälen, Vergnügungskneipen und Spielhöllen, „barrelhouses“ genannt, sollte der Pianist vor allem die lauten Unterhaltungen überdecken. Neben dem eigentlichen Blues, der dem Ausklang des Abends „after hours“ sozusagen vorbehalten blieb, verlangten die Gäste auch nach Tanzmusik. Viele Musiker verdienten tagsüber ihren Lebensunterhalt mit irgendwelchen Jobs, nachts spielten sie Klavier zum Vergnügen. Albert Ammons, 1907 geboren und Meade Lux Lewis, Baujahr 1909, arbeiteten als Taxi-Fahrer am Tag. Sie wohnten in der gleichen Pension wie Pinetop Smith, der bereits zu den erfahrenen Boogie-Meistern zählte.

Die großen Jahre

Viele Musikhistoriker halten die Jahre von 1926 bis zum Beginn der großen Wirtschaftskrise im Herbst 1929 für die fruchtbarste Periode, was Schallplattenaufnahmen des Blues betrifft. Seit die klassischen Bluessängerinnen wie Mamie und Bessie Smith, Victoria Spivey, Ida Cox, Ma Rainey und auch andere - wir haben sie bereits im 2. Teil kennengelernt – seit diese „Blues Queens“ in den frühen 20er-Jahren in den Theatern New Yorks auftraten und viel Erfolg hatten, begannen sich die Schallplattenfirmen immer mehr für Aufnahmen auch mit anderen Blueskünstlern zu interessieren.

Michael Huemer

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Es war die Firma Okeh, ein kleines 1918 gestartetes Label, das im November 1920 den revolutionären Schritt wagte, Mamie Smiths „Crazy Blues“ zu veröffentlichen. Drei Jahre später waren auch „Columbia“ und „Victor“ in Sachen „race music“ aktiv – also Schallplatten für eine schwarze Käuferschaft zu produzieren. Paramount gehörte später ebenso dazu. Sie begannen mit „field trips“ und „field recordings“, unternahmen Reisen, um in den Südstaaten nach unentdeckten Talenten zu suchen. Bis tief in die 30er-Jahre unternahmen die Plattenfirmen solche Feldaufnahmen, die in der Geschichte des Blues eine entscheidende Episode darstellen. Ohne sie wäre das Bild unvollständig geblieben, da viele Musiker nie eine Chance für eine Aufnahme sonst bekommen hätten.

Die vier Gebiete der Musikhistoriker

Musikhistoriker haben vier Gebiete mit einem signifikanten eigenen Stil ausgemacht: Texas, das Piedmont, das Mississippi-Delta und den Memphis Blues, die alle unter dem Oberbegriff „Country-Blues“ zusammengefasst werden. Sie stützen sich hauptsächlich auf die akustische Seite des Blues, vornehmlich auf die Gitarre als Begleitinstrument, wobei sich in dieser Aufteilung auf regionale Stile weniger eine echte kulturelle Differenz widerspiegelt als vielmehr eine Praxis der damaligen Schallplattenfirmen.

Im Westen von New Orleans dehnte sich der texanische Einflussbereich aus, der einen Teil des Territoriums von Louisiana, von Texas, von Oklahoma und New Mexico umfasst. Diese riesige Region – allein der Staat Texas ist anderhalbmal so groß wie Frankreich – war lange Zeit von den übrigen Staaten der USA isoliert. Das erklärt auch die Entwicklung spezieller kultureller Traditionen und die Beibehaltung einer betonten Sklavenhaltermentalität. Stilistisch ist der Texas-Blues durchaus eigenständig, weil er eher entspannt und zurückhaltend gespielt wird. Im Gegenstück zur Ostküste begleitet die Gitarre im eigentlichen Sinn nicht die Sängerin oder den Sänger, sondern antwortet vielmehr auf die Stimme mit Arpeggiophrasen, bei dem die einzelnen Töne eines Akkordes nicht gleichzeitig, sondern nacheinander in kurzen Abständen erklingen. Auch sind die Texte des Texas-Blues immer voller Ideen und Witz.

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Der Piedmont-Blues

Im Unterschied zu Texas mit seinen erst vor relativ kurzer Zeit eingetroffenen schwarzen Zuwanderern war das Piedmont die Heimat einer der alteingesessensten afroamerikanischen Bevölkerungsgruppen, die es im ganzen Süden gab. Die Region erstreckt sich entlang der Gebirgskette der Appalachen im Osten der USA und umfasst die Bundesstaaten Georgia, die beiden Carolinas North und South sowie Alabama. Der Piedmont-Blues ist durch sehr schnelles Zupfen der Gitarrensaiten gekennzeichnet und wird stark durch Ragtime und Countrymusik beeinflusst.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben - Kultur aus allen Richtungen“, 17.3.19, 31.03 Uhr

Geprägt wurde dieser Musikstil durch eine große Partnerschaft zwischen zwei Musikern, die schon als Kinder mit einer schlechten Gesundheit gesegnet waren. Brownie McGhee wurde 1915 in Knoxville, Tennessee, geboren, er zog sich als Junge Kinderlähmung zu. Er lernte in der Zeit, als er das Bett hüten musste, Gitarre. Sein verkürztes rechtes Bein beeinträchtigte seine Bewegungsfähigkeit. Sein Partner Sonny Terry kam 1911 in Greensboro, Georgia, zur Welt und erblindete im Alter von acht Jahren auf einem Auge und mit 18 auch auf seinem zweiten. Die Brücke zwischen den beiden Musikern war Blind Boy Fuller, auch er blind, allerdings durch einen anderen Umstand. Eine eifersüchtige Frau hatte sein Gesichtswasser mit Vitriol versetzt. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass der Blues vielen Behinderten eine Möglichkeit gab, zu arbeiten und sich in einer Gesellschaft, die auf den Umgang mit behinderten Menschen nicht eingestellt ist, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Zu jener Zeit waren es noch die Familien, die für Unterstützung aufkamen, und in einer Gegend, wo die Familien groß waren und die Not verbreitet, konnte ein behindertes Familienmitglied eine schwere Bürde sein. Die Verbindung zwischen Brownie McGhee, der Gitarre spielte, und Sonny Terry, dem Sänger und Mundharmonikaspieler, war die fruchtbarste und längste Verbindung in der langen Geschichte des Piedmont-Blues.

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Der Mississippi Blues

Wenn man den Mississippi hinauffährt, ist die erste große Stadt Memphis. Sie wurde im 19. Jahrhundert zur Hauptstadt der Baumwollindustrie an der Kreuzung der großen Südstaaten Tennessee, Mississippi, Missouri, Arkansas, Alabama und Louisiana. Vom Hinterland all dieser Staaten aus in ein paar Stunden Flussfahrt leicht zu erreichen, war Memphis das Vergnügungsviertel für alle Landarbeiter, Grundbesitzer und Kleinpächter, ob schwarz oder weiß.

Altes Piano

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Es war ein einziges großes Vergnügungsviertel mit Spielhöllen, scharfen Getränken, Prostitution und auch Musik. Gegen diesen Krawall konnten sich nur Bands durchsetzen, die im Gegensatz zu New Orleans aus Saiteninstrumenten bestanden. Der Memphis-Blues drückt wohl die meiste Lebensfreude aus. Die Musiker versuchten auf billigen oder selbstgebauten Instrumenten lautstärkemäßig durchzukommen.

Selbstgebaute Instrumente

Mundharmonikas und Kazoos, die so klingen, wie wenn man auf einem Kamm blasen würde, mussten als Ersatz für Klarinetten, Trompeten oder Posaunen herhalten. Ein Krug trat an die Stelle einer Tuba, aus einem Waschzuber, einem Besenstiel und Wäscheleine bastelte man einen Bass, ein Waschbrett, auf dem man mit Löffeln oder mit Fingerhüten herumschrammte, sorgten für den Rhythmus. Man spricht auch von Jugband- oder Washboardband-Musik. Namensgebend ist der jug, ein bauchiger Krug. Wenn man über die Öffnung des jug bläst, entsteht ein durchdringender Basston.

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Der Delta-Blues

Der Bundesstaat Mississippi brachte einige Blues-Stile hervor, die langfristigen Einfluss ausübten, und er gilt vielen als das eigentliche Mutterland dieser Musik. Er wird bis heute von den weißen Bluesfans als der einzig gültige angesehen und wird in den 60er-Jahren die Folk- und Rockmusik vor allem in Großbritannien stark beeinflussen. Ein ausschlaggebender Faktor war, dass der als Mississippi-Blues bezeichnete Stil mit dem Delta-Blues gleichgesetzt wird, dass dieses Gebiet so dicht von Schwarzen besiedelt war. In einigen Deltadistrikten betrug der Anteil der Afroamerikaner an der Bevölkerung mehr als 90 Prozent. Mit Delta ist nicht das Mündungsdelta des Mississippi gemeint, sondern die Gegend von New Orleans bis Memphis entlang des Mississippi und der „Hauptstraße“ des Deltas, dem Highway 61.

Die eher trostlos wirkende Landschaft mit ihrer beängstigenden Natur wurde immer wieder durch den Mississippi und seinen Zuflüssen durch Überflutungen und Hochwasser zerstört und neu geschaffen. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass gerade die Blueskünstler dort den bewegendsten und herzzerreißendsten Blues hervorgebracht haben. Charakteristika sind vor allem der wuchtige Bass und ein konstant durchgehaltener, eindringlicher Rhythmus, der in direkter Linie auf den afrikanischen Ursprung dieser Musik zurückgeht.

Michael Huemer; ooe.ORF.at

Hier können Sie die Sendung nachhören:

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