Die Befreiung der KZ in Oberösterreich

Die Sendung „Schwerpunkt oö. Zeitgeschichte“ widmet sich am Sonntag, 3.5., ab 21.03 Uhr der Befreiung der oö. Konzentrationslager. Anlass für diese Dokumentation ist der 5. Mai, der Jahrestag der Befreiung des KZ Mauthausen und seiner Außenlager vor 70 Jahren.

Zur Vorgeschichte: Am 30. Jänner 1933 wird Adolf Hitler zum Kanzler des Deutschen Reiches ernannt. Die Nationalsozialen entmachten daraufhin das demokratisch gewählte Parlament und setzen grundlegende Bürgerrechte außer Kraft. Die bewaffneten Verbände der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter Partei heißen SA und SS, SA für Sturmabteilung, SS für Schutzstaffel. Sie verfolgen politische Gegner und verschleppen sie ohne gerichtliche Verurteilung.

KZ Dachau wird zum Modell künftiger Lager

Die SS schafft eine neue Form der Haftstätte: das Konzentrationslager. Das KZ Dachau bei München wird zum Modell für künftige Lager. Während der ersten Jahre der Diktatur durch die Nationalsozialisten in Deutschland bildet sich durch Zeitungsberichte und Gerüchte in der Bevölkerung eine Vorstellung davon, was „KZ“ – die gängige Abkürzung, die amtliche lautet „KL“ – bedeutet. Was damit gemeint war, war anfänglich nicht so klar. Am 22. März 1938, zehn Tage nach dem Anschluss Österreichs, kündigte Heinrich Himmler, Reichsleiter der SS, in Linz an: „Der Führer hat genehmigt und befohlen, dass die Schutzstaffel Österreichs zwei Standarten aufstellen darf, eine Standarte der Verfügungstruppen mit drei Sturmbannen und eine Standarte der Totenkopfverbände mit ebenfalls drei Sturmbannen, welche letztere nach Oberösterreich kommen werden.“

Zaun bei Gewitter im KZ Auschwitz-Birkenau

Gerald Lehner

Sendungshinweis

„Schwerpunkt oö. Zeitgeschichte“, 3.5.15

Es handelte sich nur um eine indirekte Ankündigung der Errichtung eines Konzentrationslagers. Bereits fünf Tage später prahlt Gauleiter August Eigruber in einer Rede in Gmunden: „Wir Oberösterreicher erhalten aber noch eine andere, besondere Auszeichnung für unsere Leistungen während der Kampfzeit. Nach Oberösterreich kommt das Konzentrationslager für die Volksverräter von ganz Österreich.“ Die Zuhörerschaft jubelt, in diesen Tagen fällt die Entscheidung für den genauen Standort des Lagers.

Zweimal täglich Zählappell zur Kontrolle

Der Appellplatz in Mauthausen war die zentrale Achse und der funktionale Mittelpunkt des Häftlingslagers. Zweimal täglich, in der ersten Zeit sogar dreimal, fand hier zur Kontrolle des Häftlingsstandes der Zählappell statt – sowohl der Lebenden als auch der Toten. Der Pole Stefan Krukowski erinnert sich: „Eine andere Form der Freizeitbeschäftigung waren mehrstündige Appelle. Manchmal waren sie begründet, etwa im Fall einer Flucht. Dann standen wir so lange, bis der Häftlingsstand stimmte. Manchmal handelte es sich um Veranstaltungen mit Exerziercharakter. Wir wurden vorwiegend dann gedrillt, wenn es regnete. Die mehrstündige Steherei war erst dann zu Ende, wenn wir bis auf die Knochen durchnässt waren, wenn wir die Beine kaum noch vom Boden heben konnten und wenn hinter dem Block schon etliche Kandidaten für das Krematorium lagen. Ein plötzlicher Befehl – und zitternd marschierten wir zu den Blöcken.“

Rüstungsindustrie in unterirdischen Anlagen

Unterirdische Anlagen sollen ab 1943 die Rüstungsindustrie vor Bombenangriffen schützen. So entsteht im Herbst 1943 das Außenlager Redl-Zipf, das die Tarnbezeichnung „Schlier“ erhält. Bis zu 1900 Häftlinge bauen die Brauereistollen für eine Flüssigsauerstoff-Fabrik aus. Im selben Jahr gründet die SS unter dem Tarnnamen „Zement“ ein großes Außenlager in Ebensee. Mehrere tausend Gefangene treiben riesige Stollen für Rüstungsanlagen in den seit 1909 bestehenden Steinbruch der Firma Hatschek.

In Sankt Georgen an der Gusen beginnen 1940 die Arbeiten an einem gigantischen Stollensystem für eine unterirdische Düsenjäger-Fabrik unter dem Tarnnamen „Bergkristall“. Tausende Häftlinge, darunter viele ungarische und polnische Juden, werden zu dieser Arbeit gezwungen.

Granit aus Mauthausen für Linz benötigt

Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Plänen von Adolf Hitler für seine Lieblingsstadt Linz und der Errichtung des Lagerkomplexes Mauthausen. Für die monumentalen Neubauten brauchte man Granit und in der Gegend von Mauthausen ist bester Granit reichlich vorhanden. Die Arbeit in den Steinbrüchen sollten Häftlinge übernehmen. Die SS will die Zwangsarbeit im KZ für eigene wirtschaftliche Zwecke nutzen. Im Mittelpunkt steht zunächst die Produktion von Ziegeln und Steinen für die großen Bauvorhaben. Von der Stadt Wien wird der stillgelegte Granitsteinbruch Wiener Graben übernommen. Günstig ist auch die Nähe zu Linz und zur Donau als Transportweg. Zur Vermarktung der Steine gründet die SS im April 1938 die Firma Deutsche Erd- und Steinwerke. KZ-Häftlinge sollen als Zwangsarbeiter ausgebeutet werden.

Am 8. August 1938 trifft der erste Transport mit etwa 300 österreichischen und deutschen Gefangenen in Mauthausen ein. Bis Ende des Jahres 1939 entstehen auf dem Hügel oberhalb des Steinsbruches zwanzig in Reihen angeordnete hölzerne Häftlingsbaracken mit einem großen Appellplatz. Die Lagerinsassen bauen Mauern und Wachtürme, Wäscherei und Küche, SS-Kommandantur und Baracken für die Wachmannschaften. Bis 1945 sollte das KZ Mauthausen auf einem Areal von über 15 Hektar ständig erweitert werden. Hoch über dem Ort Mauthausen gelegen und weithin sichtbar, verkündet der Standort den Machtanspruch der SS.

Hunderttausende KZ-Häftlinge in Bewegung gesetzt

Mit der Landung der Alliierten im Juni 1944 in der Normandie zeichnet sich die militärische Niederlage des Deutschen Reichs ab. Die in Frontnähe gelegenen Lager werden nach und nach aufgelöst, Hunderttausende KZ-Häftlinge werden in den letzten Kriegsmonaten ins Reichsinnere in Bewegung gesetzt. In den Lagern wird die Ernährungslage immer prekärer. Ab Herbst 1944 beginnt die SS mit der Evakuierung des größten aller Konzentrationslagers, dem KZ Auschwitz. Ab Jänner 1945 gelangen noch zehntausende Menschen in das Lagersystem Mauthausen: ungarische und polnische Juden und Jüdinnen, aufständische Polen aus Warschau, Widerstandskämpfer aus Italien, Männer und Frauen aus anderen Lagern. Innerhalb der ersten beiden Monate des Jahres 1945 verdoppelt sich im Hauptlager Mauthausen die Zahl der Inhaftierten. Die SS bringt einen Teil der Ankommenden in einem provisorischen Zeltlager unter.

Deportation ins KZ

www.ushmm.org

Die Versorgung in Mauthausen-Gusen bricht zusammen. Nahrung und medizinische Versorgung sind praktisch nicht vorhanden. Die Folge ist ein Massensterben mit zehntausenden Toten innerhalb weniger Monate. In der Schlussphase setzt die SS die gezielten Morde in den Lagern fort und beseitigt damit die Augenzeugen und Geheimnisträger ihrer Verbrechen. In der Regel handelt es sich um Häftlinge, die in den Krematorien arbeiten mussten. Im April werden in Gusen die Kranken mit Gas erstickt oder erschlagen, in Mauthausen tausende geschwächte Menschen aus dem Sanitätslager in der Gaskammer getötet. Danach lässt die SS die technischen Einrichtungen zur Tötung abmontieren und Schriftstücke vernichten, um die Spuren des Terrors zu beseitigen. Häftlingen gelingt es aber, viele Totenbücher, Listen und Fotografien als Beweismittel in Sicherheit zu bringen.

Chaos in den Tagen vor der Befreiung

In den Tagen vor der Befreiung herrscht Chaos, die Fronten im Osten und Westen rücken immer näher. In der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1945 flüchten die letzten SS-Offiziere aus dem Lager unter dem Vorwand, gegen die Russen kämpfen zu wollen. In Wahrheit fliehen sie vor den herannahenden alliierten Truppen. Zuvor übertragen sie einer Einheit der Wiener Feuerschutzpolizei die Lagerbewachung. Das war der erste Bote der sich nähernden Freiheit.

In Erwartung der Befreiung bemüht sich ein internationales Häftlingskomitee innerhalb des Lagers für Ordnung zu sorgen, das Rote Kreuz hatte schon davor die Erlaubnis erhalten, einige Häftlinge aus den Lagern fortzubringen. Am 5. Mai 1945, es ist ein sonniger Samstag, ist es dann soweit. Am Morgen wird die Gemeinde Mauthausen von amerikanischen Truppen besetzt und der Großteil der SS-Männer gefangengenommen.

Sprengladungen deaktiviert

Louis Haefliger war Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes, der die Möglichkeit hatte, in die Konzentrationslager zu gelangen, um Hilfstransporte zu begleiten. Er wusste von den Plänen Heinrich Himmlers, die Häftlinge der Lager Mauthausen sowie Gusen I und II in den umfangreich angelegten Stollensystemen einzusperren und durch Sprengung der Stollen die Insassen zu ermorden. Haefliger entschied, alles zu unternehmen, um dies zu verhindern. In den frühen Morgenstunden des 5. Mai fährt Haefliger in die Umgebung, um nach alliierten Truppen zu suchen. Er trifft auf eine Patrouille von 23 Soldaten der 11. Panzerdivision der 3. US-Armee unter dem Kommando von Sergeant Albert Kosiek.

Haefliger überzeugt ihn, das Lager zu befreien und die Sprengladungen zu deaktivieren. Kosiek erreicht mit seinem Panzerspähtrupp als „Erster“ das Lager Mauthausen. Nach einem Erkundungsgang durchs Gelände ruft er die Lagerinsassen auf, Ruhe zu bewahren. Am Nachmittag erhält er den Befehl, seinen Aufklärungseinsatz fortzusetzen. Trotz Protesten der überlebenden Häftlinge fuhren die amerikanischen Soldaten nach wenigen Stunden wieder ab, was zur Bewaffnung einiger Häftlingsgruppen führte, die immer noch die Rückkehr der SS befürchteten.

KZ Mauthausen

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Am Sonntag, den 6. Mai 1945 bekommt Richard Seibel vom Kommandeur der 11. Panzerdivision den Oberbefehl über das befreite Lager Mauthausen übertragen. Er soll sich um die Versorgung der Häftlinge und die Auflösung des Lagers kümmern. Tags darauf, am 7. Mai 1945 übernimmt Seibel endgültig das Lager.

Befreier auf Zustände in Mauthausen nicht vorbereitet

Die amerikanischen Befreier sind auf die vorgefundenen Zustände nicht vorbereitet. Eilig werden Sanitäts- und Pioniereinheiten herbeigeordert. Nur ein Teil der Häftlinge kann die Befreier jubelnd begrüßen. Viele sind derart geschwächt, dass sie die Ankunft der US-Soldaten kaum wahrnehmen. Die Mehrheit der Gefangenen ist völlig apathisch. Nach der Befreiung entlädt sich die Wut auf die Peiniger und die Häftlinge üben Lynchjustiz an verhassten Funktionshäftlingen. Das waren von der SS eingesetzte Erfüllungsgehilfen aus den Reihen der KZ-Insassen, die mit Privilegien ausgestattet wurden. Zugleich kommt ungläubige Freude darüber auf, noch am Leben zu sein. Die amerikanischen Truppen übernehmen rasch die Kontrolle, bestatten die Toten in Massengräbern, um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern, stellen die Versorgung für die Überlebenden sicher, sammeln Beweise zur gerichtlichen Verfolgung der Täter und verhaften SS-Angehörige.

Zivilisten fanden im Lager Beschäftigung

Das Lagersystem Mauthausen war von seiner Umwelt keineswegs hermetisch abgeriegelt. Die Häftlingskolonnen waren über Jahre auf ihrem Marsch vom Bahnhof Mauthausen ins Lager für jeden erkennbar. Auch die Gräueltaten im Lager blieben den Anrainern nicht verborgen. Viele Zivilisten aus dem Umland fanden im Lager Beschäftigung, die regionalen Betriebe unterhielten vielfältige Geschäftsbeziehungen mit dem KZ, indem Nahrungsmittel und andere Güter an die Lagerverwaltung verkauft wurden, andererseits Produkte aus dem Lager ihre Abnehmer in der Umgebung fanden.

Während am 5. Mai 1945 Einheiten der 11. Division der 3. US-Armee kampflos die Lager Mauthausen, Gusen I und III, Linz, Steyr-Münichholz und Gunskirchen befreien, stellt sich die Lage in Ebensee am 5. Mai anders dar. Ladislaus Zuk, 1919 in Warschau geboren, wurde im Februar 1944 mit der Häftlingsnummer 52099 von Mauthausen nach Ebensee verlegt. Er überlebte dank der Hilfe einer ansässigen Familie. Am nächsten Tag, am Sonntag den 6. Mai erreichen am späten Nachmittag Soldaten der 3rd Cavalry Group der Vereinigten Staaten, eine Art Aufklärungseinheit unter dem Befehl des Sergeant Timothy Brennan, das Tor des Lagers.

Ebenseer hatten Angst

Eine Augenzeugin aus Ebensee spricht von der damaligen Zeit, dass die Einwohner Angst gehabt hätten, Angst nicht nur vor den einmarschierenden US-Truppen sondern auch vor den freigelassenen Häftlingen. Das hatte auch einen Grund. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner war es im Lager zu einem blutigen Akt der Selbstjustiz gekommen. Nach dem Abzug der SS erschlugen die Häftlinge insgesamt 50 Kapos und Kollaborateure, die sie in den Monaten zuvor bis aufs Blut gequält hatten. Im Ort selbst kam es Plünderungen, auch nach der Befreiung durch die amerikanischen Truppen. Vielfach kam es zu Übergriffen der KZ-Insassen, um an Nahrungsmittel und Kleidung heranzukommen.

Die Interviews und Gespräche mit Zeitzeugen stammen aus dem Hörfunk- und Fernseharchiv des ORF, die zu verschiedenen Anlässen aufgenommen wurden. Als Quellen dienten der Katalog „Das Konzentrationslager Mauthausen 1938 – 1945“, herausgegeben vom Verein für Gedenken und Geschichtsforschung in österreichischen KZ-Gedenkstätten, 2013, der im Studienverlag erschienene Band „Nationalsozialismus in Oberösterreich“, 2014, und Archivbestände der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, die zur Verfügung gestellt wurden.

Hier könen Sie die Sendung nachhören:

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Michael Huemer; ooe.ORF.at