Der 12. Februar 1934 in Linz

Am Mittwoch ist es genau 80 Jahre her, dass die beiden großen politischen Lager Österreichs die Waffen gegeneinander sprechen ließen. Heimwehr und Militär gegen Schutzbund, Christlich-Soziale gegen Sozialdemokraten. Es war der 12. Februar 1934 und der bewaffnete Kampf begann in Linz.

Sendungshinweis

" Schwerpunkt oö. Zeitgeschichte", 9.2.2014

In der Radiodokumentation, die am 9. Februar ab 21.03 Uhr im Programm von Radio Oberösterreich zu hören ist, kommen Augen- und Ohrenzeugen zu Wort, die den 12. Februar 1934 miterlebt haben: Alfred Maleta, Ernst Koref, Albert Mair, Peter Kammerstätter, Rudolf Henz, Alfred Klimesch, Theodor Grill, Wilhelm Pöschl, Leopold Hablig. Ebenso sind Ausschnitte aus Ansprachen von Ernst Rüdiger Starhemberg und Engelbert Dollfuss sowie ein Wochenschaubericht zu hören.

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Land ohne demokratische Traditionen

Dass es 1934 zum Bürgerkrieg in Österreich kommen konnte, liegt in der Geschichte der 1. Republik. Ein kleines Land blieb übrig 1918 nach dem Zusammenbruch der Donaumonarchie. Ein Land ohne demokratische Traditionen, ein Land, in dem sich zwei große politische Parteien formierten und schließlich gegenüberstanden. Die christlich-soziale Partei und die Sozialdemokratie. Anfangs miteinander scheitert die Koalition rasch vor allem an sozialen Fragen. Die Weltwirtschaftskrise in den 1920ern und 1930ern führte zu Massenarbeitslosigkeit, ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung in Österreich war ohne Arbeit. Als dritte Strömung kamen die Deutschnationalen hinzu, die die Vereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich anstrebten. Sie fungierten auch als Koalitionspartner der Christlich-Sozialen.

Parallel dazu entwickeln sich die bewaffneten Wehrverbände. Heimwehr auf christlich-sozialer Seite, republikanischer Schutzbund auf sozialdemokratischer Seite. Die Heimwehren waren freiwillige, ursprünglich überparteiliche Selbstschutzverbände, die sich unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg in den Bundesländern gebildet hatten. Ihr Zweck lag in der Sicherung der Grenzen und im Abwehrkampf gegen Gebietsansprüche der Nachbarländer.

An ihre Spitze traten allmählich konservative und reaktionäre Kräfte, die das System der parlamentarischen Demokratie zutiefst ablehnten. Auf der linken Seite des politischen Spektrums stand der republikanische Schutzbund, eine paramilitärische Organisation der Sozialdemokratie. Sie sah sich als Wächter der Republik. Ein Volk und drei Armeen also. Heer, Heimwehr und Schutzbund.

Brand des Justizpalastes

Die politischen Gegensätze eskalieren vor allem nach dem Brand des Justizpalastes 1927. Die Sozialdemokratie trat zwar kämpferisch auf, nahm jedoch gegenüber den politischen Ereignissen eine zögernde bis abwartende Stellung ein. Das erleichterte der Regierung Dollfuss ihren zunehmend autoritären Kurs. Der war auf die Auflösung des demokratischen Systems und letztlich der Arbeiterbewegung hin ausgerichtet. Diese Taktik zermürbte große Teile der Arbeiterschaft.

Nicht zuletzt deshalb begannen in den oberösterreichischen Arbeitergebieten viele zu den seit 1933 in der Illegalität agierenden Kommunisten und Nationalsozialisten abzuwandern. Im selben Jahr im März wird das Parlament aufgelöst. Es folgt das Verbot der sozialdemokratischen Partei, der Gewerkschaften, aller Arbeiterorganisationen. Alle gewählten sozialdemokratischen Gemeinderäte, Landtags- und Nationalratsabgeordnete verlieren ihr Mandat. Der republikanische Schutzbund ist zerschlagen und die Ankündigung des Vizekanzlers Emil Fey am 11. Februar, Zitat „Wir werden morgen an die Arbeit gehen und wir werden ganze Arbeit leisten“ wirkt bedrohlich.

Kampf gegen totale Entmachtung

Linz war Ausgangspunkt der Februarkämpfe 1934 und Signal für den Schutzbund und die Sozialdemokraten in ganz Österreich. Auch außerhalb von Linz an anderen Orten Oberösterreichs wehrten sich Schutzbund und Sozialdemokraten gegen ihre totale Entmachtung. In Ebensee, im Salzkammergut, in Mauthausen, in Attnang-Puchheim, am heftigsten jedoch im Hausruck-Kohlerevier und in Steyr.

Die Situation verschärfte sich zusehends, als die Heimwehren Anfang Februar versuchten, in einer putschähnlichen Art und Weise einen Umbau des Staates in ihrem Sinn zu erreichen. Am 6. Februar 1934 spricht die Landesführung der oberösterreichischen Heimwehr bei Landeshauptmann Josef Schlegel vor und verlangt – so der Wortlaut – „mit berechtigter Ungeduld, dass endlich die Hindernisse, die im Land Oberösterreich der Durchführung der Richtlinien des Bundeskanzlers entgegenstehen, beseitigt werden“. Gefordert wird unter anderem ein Landesausschuss bestehend aus Heimwehr und Vaterländischer Front, die Einsetzung eines Regierungskommissärs für Linz und Steyr und die Säuberung der Ämter und Schulen von Staatsfeinden.

„Fassungswidrig wegbringen lasse ich mich nicht“

Landeshauptmann Schlegel an Dollfuss: „Fassungswidrig wegbringen lasse ich mich nicht“. Die Sozialisten bestehen auf Ablehnung der autoritären Forderungen. Schlegel wendet sich dreimal an den Kanzler, ohne Antwort zu erhalten. In einer Meldung an Kanzler Dollfuss sagt Schlegel, ich werde mich bemühen, jedes Tun und Treiben zu unterdrücken, das auf Bürgerkrieg hinzielt. Landeshauptmann Schlegel weiß aber, dass ihm zur Wahrung des inneren Friedens die Hände gebunden sind, denn seit Juni 1933 sind den Landesregierungen die Sicherheitsdirektionen entzogen und direkt dem Bundesminister für öffentliche Sicherheit unterstellt. Seit der Forderungskatalog der Heimwehr vorliegt, tagt der sozialdemokratische Parteivorstand in Oberösterreich in Permanenz.

Die unmittelbare Parteiführung ist aber nicht eingeweiht. Der Parteiobmann und Linzer Bürgermeister Josef Gruber liegt in Wien im Krankenhaus, sein Stellvertreter Ernst Koref ist in Tirol unterwegs. Landesparteisekretär Richard Bernaschek, zugleich Schutzbundführer für Oberösterreich, sammelt fünf Vertrauensleute um sich. Seinen Bruder Ludwig, Ferdinand Hüttner, Franz Schlagin, Josef Glasner und Otto Huschka. Am 9. und 10. Februar hatte es strenge Waffendurchsuchungen beim Schutzbund in Steyr gegeben. Eine für 10. Februar im Linzer Parkbad anberaumte Durchsuchung, so erfahren die Sozialisten, wurde auf 12. Februar verschoben. Bernaschek schreibt am 11. Februar an einem Sonntag an die Parteiführung in Wien an Otto Bauer.

„Vorläufig noch nichts unternehmen“

Otto Bauer, der in der Nacht durch einen Kurier diesen Brief erhält, versucht die Aktion zu stoppen. Ein Telefonanruf, eine verschlüsselte Botschaft gehen nach Linz ans Hotel Schiff auf der Landstraße 36. Dort befand sich das Parteisekretariat der Linzer Sozialdemokraten. Samt Gastwirtschaft und Kino wurde es auch als Arbeiterheim, Bibliothek und Lesesaal genutzt. Der Text der Botschaft: „Das Befinden des Onkel Otto wird sich erst morgen entscheiden. Ärzte raten abwarten, vorläufig noch nichts unternehmen.“ Es ist 3 Uhr nachts, der 12. Februar, ein Montag.

Der Linzer Sicherheitsdirektor Hans Hammerstein-Equord entschließt sich, die Waffensuche am Morgen im Hotel Schiff und nicht im Parkbad zu beginnen. Um 7 Uhr klopft die Polizei dort zur Durchsuchung. Richard Bernaschek schließt sich ein. Er telefoniert zuerst mit dem Parteifreund Theodor Grill, der ihn noch nachts getroffen hat. Währenddessen dringt Polizei in den ersten Stock des Hotels Schiff vor, Bernaschek ruft vor seiner Verhaftung um 7.15 Uhr noch Landeshauptmann Schlegel an und beschwört ihn, die Einsatzkräfte zurückzuziehen. Schlegel, der mit den Sozialdemokraten in gutem Einvernehmen steht, will sich bei der Sicherheitsdirektion erkundigen, nicht wissend, dass diese längst der Regierung untersteht.

Die Kampfhandlungen beginnen

Bernaschek wird kurz vor 8.00 Uhr im Hotel Schiff verhaftet und abgeführt, doch 40 Schutzbündler verschanzen sich im Hintergebäude. Die Kampfhandlungen begannen. Der Maschinengewehrschütze Rudolf Kunst eröffnete nach einer Aufforderung an die Polizei, das Gebäude zu verlassen, das Feuer. Die Polizei zog sich daraufhin in Deckung zurück und forderte Verstärkung durch Militär an. Erst durch eine zusätzliche Maschinengewehrkompanie, die auf dem Dach des Karmelitenklosters und der Handelsakademie Stellung bezog, konnte das Bundesheer das Hotel Schiff stürmen.

Eine der wichtigsten Stellungen des Schutzbundes war in Linz der städtische Wirtschaftshof. Von hier starten als erste Aktion drei Spritzenwagen mit Maschinengewehr, um dem Hotel Schiff Hilfe zu leisten. Sie kommen nur bis zur Dametzstraße, zum ehemaligen Pestalozzi-, dem heutigen Hessenplatz, dort werden sie von Polizei und Bundesheer aufgehalten. Das Hotel Schiff ist mittlerweile vom Militär umstellt. Erst um die Mittagszeit, gegen 13 Uhr, als der Maschinengewehrschütze Rudolf Kunst gefallen war, ergaben sich die Schutzbündler im Hotel Schiff

Linzer Schutzbundführung sehr rasch verhaftet

Obwohl die Linzer Schutzbundführung sehr rasch verhaftet worden war, gab es neben dem Hotel Schiff Widerstandszentren im Osten der Stadt beim Parkbad, dem Gaswerk, den Spatenbrotwerken, dem Schlachthof, der Polizeikaserne Kaplanhof, auf dem Gelände des Südbahnhofs und in der Diesterwegschule.

Nördlich der Donau wurden Stellungen vom Schutzbund an der Eisenbahnbrücke, im Westen der Stadt auf dem Freinberg beim Gasthof Jägermayr, damals ein beliebtes Ausflugsgasthaus, errichtet. Dort schlossen unterdessen die Stellungen der Schutzbündler einen Halbkreis um die innere Stadt. Obwohl in unmittelbarer Nähe, dachte niemand seitens des Schutzbundes daran, den Rundfunksender der RAVAG zu besetzen, was taktisch umso unverständlicher ist, als man wusste, daß ohnehin seit 8 Uhr alle Telefonverbindungen in Oberösterreich von der Post auf Anordnung der Sicherheitsdirektion unterbrochen waren.

Eine Gruppe von Schutzbündlern bezog Posten beim Milchmariandl, um die Römerstraße, die zum Freinberg führt, unter Beobachtung zu halten. Am Vormittag bewegte sich ein Zug Bundesheer auf den Jägermayr zu, um ihn einzukreisen, was aber nicht gelang. Erst durch Verstärkung und mit Hilfe eines Minenwerfers, der vom Zaubertal her das Feuer eröffnete, gelang es der Exekutive, am Abend den Jägermayr einzunehmen. 26 Schutzbündler wurden verhaftet, die anderen flüchteten durch den Wald und über die Wasserstiege Richtung Stadt. Währenddessen versuchen Schutzbündler von ihrer Stellung am Jägermayrhof wieder in der Stadt zu gelangen.

Einheiten der Ennser Heeresschule eingesetzt

Der Wirtschaftshof fällt erst gegen 16 Uhr ans Militär. 100 Schutzbündler werden verhaftet. Damit werden Truppen frei für das Vorgehen gegen die Kreuzung Eiserne Hand, die von Schützbündlern vom Turm der Diesterwegschule mit einem Maschinengewehr kontrolliert wird. Seit 14.00 Uhr ist der Ausnahmezustand verhängt. Im Straßenkampf sind Einheiten der Ennser Heeresschule eingesetzt, schwere Maschinengewehre im Mädchenlyzeum Körnerstraße postiert, sie zwingen die Kämpfer der Diesterwegschule zur Feuereinstellung. Seit 15 Uhr liegt die Schule auch unter Artilleriebeschuss aus der einen Kilometer entfernten Artilleriekaserne.

Aus der Diesterwegschule, die vom Militär eingenommen wurde, konnten alle Schutzbundkämpfer entkommen, meist in die anliegenden Schrebergärten. Der Jägermayrhof kapituliert erst gegen Abend, vier Soldaten und ein Schutzbundmann waren gefallen. Zu den am schwersten umkämpften städtischen Bereichen gehörte der Polygonplatz , heute Bulgariplatz, wo der Schutzbund in der Brauerei Poschacher ein Waffenlager hielt und das Gebiet bis zur Neuen Welt hin absperrte.

Von fanatischer Menge aus dem Auto gezerrt

Zu weiteren Zentren zählten die Firma Wick, das Gasthaus Waldegg und die ehemalige Maschinenfabrik Krauß & Co. Am Nachmittag des 12. Februar nähert sich ein Auto von stadtauswärts den Barrikaden. Im Wagen fahren Soldaten der Garnison Wels, Oberleutnant Heinrich Nader in Begleitung von drei Kameraden. Hier kommt es zu unterschiedlichen Erzählungen. Sagen die einen, Nader habe mit dem Revolver das Feuer eröffnet und sei im darauffolgenden Schusswechsel samt seinen Mitfahrern im Auto tödlich verletzt worden, so behaupten andere Historiker, er sei von einer fanatischen Menge aus dem Auto gezerrt und erschlagen worden.

Ob Nader durch eine Spitzhacke oder ein sogenanntes Dum-Dum-Geschoß getötet wurde, ist bis heute unklar. Geschichtliche Tatsache ist wiederum, dass in der Folge dieser Kämpfe der 54-jährige Arbeitersamariter Anton Bulgari des Mordes beschuldigt und elf Tage später im Linzer Gefängnishof gehenkt wird. Das Urteil des Standgerichtes sollte ein Exempel statuieren. Es konnte Bulgari weder im Verhör nachgewiesen werden, daß er Nader getötet hatte, noch fanden sich irgendwelche Hinweise.

Das autoritäre Regime hat gesiegt

Am Abend des 12. Februar, so berichtet Sicherheitsdirektor Hammerstein wörtlich, war „die Stadt ohne Urfahr wieder in unserem Besitz“. Urfahr wird mittlerweile von der Mühlviertler Heimwehrbrigade kontrolliert. Aus dem Innviertel und Hausruck treffen Heimwehrabteilungen in Gaumberg ein. Das autoritäre Regime hat gesiegt.

Der verzweifelte Kampf der Linzer Schutzbündler konnte die Niederlage nicht verhindern. Sie scheiterten nicht nur an ihrer mangelhaften Bewaffnung, sondern auch an ihrer Desorganisation und Führerlosigkeit. Und: Man hatte den Gegner offensichtlich unterschätzt. Die Schutzbündler hatten mit der Heimwehr gerechnet, am 12. Februar standen sie vorwiegend dem Militär und der Polizei gegenüber. Die Gefangenen wurden zunächst ins Polizeigefängnis im Rathaus am Hauptplatz gebracht. In Linz hatten die Kämpfe 13 Opfer gefordert, davon eine Hinrichtung und zwei Selbstmorde.

Verhaftungen und Flucht ins Ausland

Hunderte Schutzbündler wurden verhaftet, vielen flohen in die Nachbarländer. Der christlich-soziale Landeshauptmann Schlegel wird abgesetzt, die sozialdemokratische Partei und ihre Organisationen verboten. Alle sozialdemokratisch dominierten Gemeindevertretungen wurden aufgelöst, alle verloren ihr Mandat. Eine der ersten Maßnahmen war die Umbenennung derjenigen Straßennamen, die in der sozialdemokratischen Ära entstanden.

Der „Platz des 12. November“ wurde wieder in „Hauptplatz“ umbenannt, die „Karl-Marx-Straße“ in Hauptstraße. Das Linzer „Tagblatt“ wird bis zum 31. März eingestellt und erscheint danach wieder – allerdings unter neuen Herausgebern und mit neuem Inhalt.

Bundeskanzler Engelbert Dollfuss hält noch am selben Tag eine Rundfunkansprache an das Volk, in der er sich für die Niederschlagung des Aufstandes bedankt und das mit einem Angebot endet.

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