Auf den Flügeln des Gesanges - Teil 1

An den vier Adventsonntagen widmet sich die Sendung „Lust aufs Leben“ der Stimme. Am zweiten Adventsonntag dreht sich in der Sendung mit Michael Huemer alles um „Glaube – Religion – Spirit“.

Die einen machen es unter der Dusche oder in der Badewanne, die anderen gehen damit auf die Bühne und wieder andere versuchen es in der Gruppe: singen. Es ist mir geradezu unverstellbar, dass es jemand geben könnte, der noch nie in seinem Leben gesungen hat. Ich behaupte einfach einmal, dass das Singen in der Natur des Menschen liegt. Wie es nicht treffender formuliert werden könnte: Singen ist Leben und kommt vor allem anderen: in der Menschheitsgeschichte und in jeder individuellen Menschwerdung.

Singen ist Emotion und Information

Singen ist die erste Mitteilung von Emotion und Information, schon vom ersten Baby-Brabbeln an ist das wahrnehmbar. Seine Stimme muss man nicht kaufen oder ausleihen oder nachher wieder abgeben. Singen ist nicht Haben, sondern Sein. Singen ist erst einmal keine Kulturtechnik, sondern gehört zum Menschsein wie der aufrechte Gang, wie essen, schlafen, lieben. Und nichts verrät einen Menschen so sehr wie der Klang seiner Stimme.

„Voices for Peace"

1999 erschien unter der Federführung von Timna Brauer „Voices for Peace – Lieder eines Gottes, zweier Nationen und dreier Religionen“. Dabei kam es zu einer Zusammenarbeit, in der orthodoxe israelische Juden über Allah und Maria sangen sowie Palästinenser muslimischen und christlichen Glaubens jüdische Synagogenliturgie interpretierten.

Timna Brauer

Karina Schwarz

Timna Brauer

Im selben Jahr fand zu Pfingsten in den Ruinen des El-Badia-Palastes im marokkanischen Marrakesch ein besonderes Fest der Spiritualität statt, bei dem Musikgruppen, Sängerinnen, Sänger, Tänzerinnen und Tänzer aus 14 unterschiedlichen Kulturen zusammentrafen: das Festival „Stimmen Gottes“, zu dem André Heller rief. Schon zehn Jahre zuvor, also 1989, brachte der bereits verstorbene Joachim-Ernst Berendt eine noch auf analogen Schallplatten aufgenommene Sammlung von Stimmen und Chören heraus, die sich „Stimmen! Stimmen! – Der riesige Ruf“ nannte. Diese Projekte waren es, die den Anstoß zu meiner Stimmen-Trilogie „Auf den Flügeln des Gesanges“ gaben.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 9.12.18

Musik aus verschiedensten Kulturen

Aufgrund der von mir zusammengestellten Musikliste hören Sie nicht nur großartige Chormusik aus den verschiedensten Kulturen und Traditionen. Es geht auch um die Übergänge zwischen den einzelnen Stücken, in der Stille, in dem Schweigen und in dem, was aus der Spannung zwischen den einzelnen Liedern entsteht. Ursprünglich wollte ich sie kommentarlos aneinanderreihen, weil die von mir subjektiv ausgewählten Vokalstücke eigentlich für sich alleine sprechen und ihre Wirkung ausüben. Da Hörerinnen und Hörer aber gern Bescheid wissen wollen, was sie gerade hören, habe ich vier Gesangsblöcke gebildet, vor denen jeweils ein informativer Zusammenhang in Worten hergestellt werden wird.

Mekka Gebet Islam

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Mekka

Alle Musikstücke werden ausgespielt

Ziel war es auch, alle Musikstücke auszuspielen, was die Auswahl durchaus einschränkte, sind doch sehr viele Liedkompositionen über zehn und fünfzehn Minuten lang. Vielfalt hatte für mich in der Sammlung Priorität. Im heutigen ersten Teil zieht sich ein gewisser roter Stimmfaden durch, der damit beschrieben werden könnte, dass die insgesamt elf Beispiele von Chor- und Ensemblegesang sehr eng mit Religiosität, Spiritualität zu tun haben, also auf etwas Geistiges, Jenseitiges und durchaus Transzendentales ausgerichtet sind. „Amen“ und „Om“ sind beides „Urworte“. Im Johannes-Evangelium heißt es: „Im Anfang war das Wort“. Im Hauptwerk indischer Spiritualität, den Upanischaden, ist „Om“ als Heilige Silbe von zentraler Bedeutung. Die tibetischen Mönche singen es mehrstimmig, eindrucksvoll schwingen Ober- und Untertöne mit, der Londoner Monteverdi-Chor singt das „Amen“ aus dem „Messias“ von Georg Friedrich Händel.

Das Osterfest für die Ostkirche

Was für die christlichen Kirchen des Westens – und für Händels Messias – das Weihnachtsfest ist, das ist das Osterfest für die Ostkirche. Die Mönche des Klosters Sagorsk in der Nähe von Moskau singen einen Osterhymnus in griechischer, lateinischer und altslawischer Sprache, ein chorisches Beispiel für die russisch-orthodoxe Liturgie. Sehr eng mit der Musik der Ostkirche ist der jüdische Chassidismus, eine Strömung jüdischer Mystik, verwandt. Zwei Gesänge werden durch den Israel Kibbutz Choir rhythmisch vorgestellt.

Kloster Sagorsk

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Kloster Sagorsk

Der Sufismus kann als die esoterische Seite des Islam bezeichnet werden, er legt ihn tolerant und friedlich aus. Die Philosophie des Hinduismus, der drittgrößten Religion der Erde, ist in den Sufismus ebenso eingeflossen wie die der jüdischen Mystik und des Christentums. Fast in keiner anderen spirituellen Tradition spielt der Klang und die Musik eine so große Rolle wie bei den Sufis. Einer der Hauptgötter der hinduistischen Religion ist Shiva, er gilt den Gläubigen als die wichtigste Manifestation des Höchsten.

Ganges Indien Fluss

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Der Ganges in Indien

Gopal und seine Sänger vollziehen in ihrem Bhajan-Gesang das, was vor ihnen der Mendocino Camp Sufi Choir singen wird, beide Ensembles verwandeln ihre Anbetungen in ein Freudenlied. Danach verschränken sich die Stimmen dreier Religionen mit ihren Gesängen und vereinen es zu einem gewaltigen islamisch-katholisch-koptischen Requiem, bei dem Sie Wolfgang Amadeus Mozart erkennen werden.

Spirituals - die Wurzeln des Jazz

Aus dem „Ya Allah“ der Sufis strömt schwarze Musik. Man spürt es irgendwie und kann es hören, aber andererseits nicht erklären. Man hört es auch beim Abyssinian Baptist Choir und ihrem Spiritual„Said I wasn’t I’ve gonna tell nobody“. Spirituals bilden nicht nur eine Wurzel des Jazz sondern auch des modernen Gospelgesanges. Sie sind eine in den USA mit Beginn der Sklaverei im 17. Jahrhundert entstandene christliche Liedgattung der Freude und Ausgelassenheit. Die Aufnahme, die Sie hören werden, stammt aus einem Gottesdienst in der Baptistenkirche in New Jersey und die ganze Kirche tanzt mit.

Rhythmik spielt auch bei der argentinischen Markus-Passion eine große Rolle und der Chor singt „Que viva el Rey de los Judios“ – „Es lebe der König der Juden“.

Klagemauer Israel

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Klagemauer in Jerusalem

Schamanistische Bräuche der Samen aus Lappland liegen dem darauffolgenden A-Cappella-Song zugrunde, den ein finnischer Komponist geschrieben hat. Jaakko Mäntyrjärvis Werke sind im deutschsprachigen Raum mehr oder minder unbekannt.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at