„Lust aufs Leben:“ Kultur aus allen Richtungen

In „Lust aufs Leben“ wird über ein einzigartiges Werk berichtet: Ein Mühlviertler Autor kam auf die Idee, das Nibelungenlied auf Mundart zu schreiben. Zu hören am 30. September um 21.03 Uhr in Radio Oberösterreich.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 30.9.2018

1755 wird in der Bibliothek des Grafen von Hohenems in Vorarlberg ein literarischer Text entdeckt. Anfänglich war das Interesse an dem sensationellen Fund nicht besonders groß, bis man bemerkte, dass er eine wichtige Quelle der mitteleuropäischen Frühgeschichte darstellt. Es handelt sich um ein schriftliches Zeugnis, das jedoch nur mit äußerster Vorsicht bewertet werden darf, weil die in dieser Niederschrift beschriebenen historischen Ereignisse mit mythischen Elementen überlagert sind. Die Welt schaute in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ins klassische Griechenland. Kurze Zeit später, als Deutschland von Napoleon geschlagen darnieder lag, wurde das „Nibelungenlied“ von der deutschen Romantik zum Nationalgedicht erklärt. Von da an war seine Karriere als deutsches Nationalepos kaum mehr aufzuhalten. Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts tröstete es über die gescheiterte Revolution von 1848 hinweg. Die Nationalsozialisten sollten es endgültig zu ihrer bis in den Tod treuen Gefolgschaftshymne machen. Sie schlachteten die Sage im nationalsozialistischen Sinne aus und machten sie dienstbar zum Zwecke ihrer imperialistischen Politik.

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2009 wird das Werk zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt, was seine kulturelle Relevanz betont. Es ist um 1200 im bayerisch-österreichischen Donauraum entstanden und es ist zu vermuten, dass es aus einer langen mündlichen Sagentradition hervorgegangen ist. Der Urtext des Nibelungenliedes ist nicht rekonstruierbar, da die drei ältesten Manuskripte unterschiedliche Fassungen überliefern.

Geschichten an der Donau

In insgesamt 35 Handschriften bzw. Handfragmenten aus der Zeit zwischen dem 13. Jahrhundert und der Mitte des 16. Jahrhunderts erzählt das Heldenepos in 39 Aventiuren und rund 2400 Nibelungenstrophen über die Donau, an der Gunther, Hagen, Kriemhild und andere Helden entlangzogen, um zum Hofe des Hunnenkönigs Etzel zu gelangen. Aventiuren sind Bewährungsproben, die ein Held zu bestehen hat und aus denen sich neuhochdeutsch der Begriff Abenteuer entwickelt hat. Wir kennen den Autor nicht, aber es ist anzunehmen, dass er aus einem Ort kommt, der mit der Donau verbunden ist. Darauf verweist seine treffliche Kenntnis der Donaugegend und seine Feindschaft gegen die Bayern. Er ist unbekannt und wird es wohl immer bleiben.

nibelungenliad

www.bibliothekderprovinz.at

Der 1. Teil der Sage handelt kurz gesagt vom Drachentöter Siegfried, der die Wormser Prinzessin Kriemhild umwirbt und von ihrem Streit mit Brünhild, der Frau ihres Bruders Gunther. Siegfried wird von Hagen ermordet. Der 2. Teil berichtet von der Werbung des Hunnenkönigs Etzel um die Witwe und den Zug der Nibelungen die Donau abwärts über Passau, Eferding, Enns, Pöchlarn, Traismauer, Tulln und Wien bis nach Ungarn an den Hof Etzels. Kriemhild rächt sich an Hagen und stirbt selbst durch Hildebrand. Zum Schluss finden alle den Tod. Es ist also ziemlich verwirrend. Uns interessiert dieser 2. Teil, weil die Nibelungen auf ihrem Weg von Worms zur Etzelsburg zwangsläufig auf heute oberösterreichisches Gebiet gelangen. Man würde das heute als Transitland bezeichnen. Das Epos kennt natürlich nicht den Namen Oberösterreich, sondern es spricht vom „Beyerlands“, das zwischen dem gastlichen Bischofssitz Passau und der Enns liegt. Es wird auch Eferding explizit als Station genannt, wo angeblich besonders viele Räuber und Wegelagerer anzutreffen sind. Kriemhild bleibt allerdings von diesen verschont und nach Überquerung der Enns beginnt das Hunnenland. Das Hauptmotiv des Nibelungenliedes ist die Treue. Verletzte Eide und Verrat setzen die Handlung in Bewegung und bedingen das Geschick der Menschen. Die Tragik des Epos entsteht aus der Treue, die in der Blutsbande, in der Ehe oder im Dienstverhältnis besteht. Sie verlangt dem Feinde gegenüber Haß und Rache. Auf der Treuepflicht der Verwandten beruht die Pflicht der germanischen Blutrache. Treue zu halten ist die Grundlage der Sittlichkeit, Untreue ist das schlimmste Laster – so der dem Nibelungenlied zugrundeliegende Grundgedanke.

„Mühlviertler Mundart-Poet“

Joschi Anzinger, 1958 in Altlichtenberg bei Linz geboren, ist eigentlich in seiner beruflichen Tätigkeit Angestellter bei der Linz AG. Sein Steckenpferd ist die heimatliche Dichtkunst. Als „Mühlviertler Mundart-Poet“ trat er Anfang der 90er-Jahre in Erscheinung. Er verfasst zahlreiche Beiträge in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften, arbeitet für den Rundfunk und das Fernsehen. Seine Gedichte in Mühlviertler Mundart sind in der Regel kurz und prägnant und beschreiben häufig das Alltagsgeschehen seiner Umgebung. Sein Dialekt ist aufgrund der phonetischen Schreibweise für den Lesenden nicht ganz leicht zu entschlüsseln. 2007 kommt er auf die Idee, das Nibelungenlied auf Mundart zu schreiben. Anzinger wollte aber nicht einfach das berühmte Werk nacherzählen, sondern in seine Heimat transferieren. Die Figuren werden in das Mühlviertel einer nicht näher bestimmten bäuerlich-vorindustriellen Vergangenheit versetzt. Beispielsweise wird der Wormser Hof mit einem Bauernhof im Granithügelland vertauscht, aus Gunter, dem König von Burgund, macht er den „fredl va da zwedl“, aus Gunters Schwester Kriemhild wird die „Lena“. Die Geschehnisse um Kriemhild und ihre Brüder werden in konkrete oberösterreichische Orte wie Kefermarkt, Wildburg, Waxenberg verlegt. Die blutrünstige ins Mühlviertel verlegte Sage nimmt Formen an und zwei Jahre später ist die Mühlviertler Version des Nibelungenliedes fertig. Anzinger läßt viel Persönliches einfließen. Entstanden ist eine Geschichte, die zeitlos ist, weil Liebe, Haß, Eifersucht und das Streben nach Ruhm ewig gültige Themen sind.
Der Verlag „Bibliothek der Provinz“ hat das „Mühlviaddla Nibelungenliad“ in Dialektform auf 176 Buchseiten herausgebracht. Den Text so im Vorbeigehen zu lesen ist für den Leser aufgrund der Mundartschreibweise nicht leicht möglich. Es werden unzählige kaum mehr gebräuchliche Vokabel im Erzähltext benutzt wie „grischbindl“, „zniachddl“, „schdanddabedi“ oder „beaschn“. „Grischbindl“ steht für „spindeldürr“, ein „zniachddl“ ist ein „kleinwüchsiger Mensch“, „schdanddabei“ meint „justament, akurat“ und „beaschn“ sind einfach „Burschen“. Anzinger zwingt damit den Leser, jedes Wort zu entziffern, was mühsam werden kann. Praktisch ist, dass im Buch auf der gleichen Seite ein Fußnotenkommentar die von Anzinger verwendeten Dialektbegriffe quasi übersetzt. Dem Lesebuch ist ein Hörbuch bestehend aus vier CD’s beigelegt, auf denen Joschi Anzinger den Text selber vorliest. Sich das gesamte Mühlviertler Nibelungenlied anzuhören würde vierdreiviertel Stunden benötigen.

Michael Huemer