„Lust aufs Leben“: Selbstbildnisse der Irene Andessner

„Die Selbstbildnisse der Irene Andessner – Die Demontage des Porträts“ lautete der Titel der Sendung „Lust aufs Leben“, die Michael Huemer am Sonntag, 16.9., ab 21.03 Uhr präsentierte.

Irene Andessner hat in Wien und in Venedig studiert, Malerei bei Emilio Vedova, Max Weiler und Arnulf Rainer, der Wechsel von der Malerei zur Fotografie bzw. zur Videoarbeit hat in Wien stattgefunden. Waren es zunächst ihre „Vorbilder“, in denen sie selbst bedeutende historische Frauenfiguren nachempfand und inszenierte, so entstanden später „Künstlerkooperationen“ in der Werkgruppe „Ateliermuseum“, in denen sich Kolleginnen und Kollegen als Modell zur Verfügung stellen.

Andessner geht eines Tages in eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum und begegnet dort erstmals den Bildern der italienischen Renaissancemalerin Sofonisba Anguissola. Deren Selbstporträts faszinieren sie. Es ist ein auffallendes Gesicht, nicht aus dem Musterbuch, sondern aus dem Leben: Das volle Oval wird beherrscht von zwei großen, klug und neugierig blickenden Augen, die Nase hebt leicht ab in die Höhe, einer kleiner Mund sitzt weich darunter, das Haar ist glatt zurückgekämmt. In ihrem schwarzen, hochgeschlossenen Kleid sieht die junge Dame eigentlich streng aus.

Irene Andessner I am Mozart

Peter Kubelka

„I.A. Mozart (?)“

Andessner schlüpft in Rollen ihrer Vorbilder

Irene Andessner versucht, sich selbst als Sofonisba Anguissola zu malen. Sie schlüpft in die Rollen ihrer Vorbilder, wechselt entsprechend der Vorlage Haltung und Gesichtsausdruck und empfindet den jeweiligen Stil der Kleidung mit heutiger Mode nach. Andessner nimmt also die Positionen ein, in denen sich ihre Vorgängerinnen wie Frida Kahlo, Gwen John, Angelica Kaufmann verewigt haben. Diese Selbstinszenierung durch die Malerei hat sie aber nicht mehr als zeitgemäß gefunden.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben “, 16.9.18, 21.03 Uhr

Andessner begann, sich selbst vor die Kamera zu setzen und damit einen Wechsel ins Fach der Fotografie- und Videokunst einzuleiten. Seit sie sich mit der Fotografie beschäftigt, arbeitet sie mit großformatigen Polaroids im Ausmaß von 20 x 24 oder 8 x 10 Inches. Sie verwendet deswegen Polaroids, da sie - von der Malerei kommend - auch mit der Fotografie „malerisch“ arbeiten wollte. Das wirkt mit dem Polaroid-Material wegen der Chemie des Papiers am besten. Diese Polaroid-Bilder sind heutzutage völlig unüblich, eigentlich ist das Fotografieren mit einer Polaroidkamera eine historische Technik, das Fotopapier eine Rarität, die Kamera ebenso.

Der Umgang der Frauen mit dem Selbst

„Es hat mich interessiert“, sagt Irene Andessner, „wie Frauen in verschiedenen Jahrhunderten mit dem Selbst umgegangen sind“. Um das zu entwickeln, hat sie sich filmen und fotografieren lassen in der Rolle der Marlene Dietrich, Hedy Lamarr, Barbara Blomberg oder Wolfgang und Konstanze Mozart. Inzwischen sind über fünfzig Personen, vornehmlich Frauen, porträtiert. Die 1954 in Salzburg geborene Andessner folgt bei der Auswahl ihrer Protagonisten strikten Kriterien. Es müssen starke und politisch integre Frauen sein. Frauen, die erfinderisch, kreativ, kämpferisch, klug und bemerkenswert waren, Frauen, die durch ihre Persönlichkeit beeindrucken. Sollte das in die engere Wahl gekommen sein, beginnt Andessner, über das Leben ihrer Person zu recherchieren, indem sie Bildnisse und Informationen über Biografien, Fotografien oder gemalte Porträts sucht. Erst dann entscheidet sie sich, ob die Person bildwürdig als Ausgangsbasis ihrer künstlerischen Verkörperungen ist. Andessner wird damit zum Regisseur und zur Selbstdarstellerin in einer Person.

Zu Gast in „Treffpunkt Kultur“

Irene Andessner war im vergangenen Juni zu Gast im „Treffpunkt Kultur“ im ORF Landesstudio OÖ. Gastgeber und Moderator Johannes Jetschgo unterhielt sich mit der Künstlerin, wir haben das Gespräch und die Begegnung mitgeschnitten.

Johannes Jetschgo und Irene Andessner

ORF

Johannes Jetschgo im Gespräch mit Irene Andessner

Seit 9. September gibt es die Möglichkeit, sich in der Galerie Brunnhofer, in Linz in der Hafenstraße 33 erstmalig einen Überblick über die Zusammenarbeit von Andessner mit anderen Künstlern zu verschaffen: „Collaborations“ heißt es dort seit einer Woche.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at