Lust aufs Leben: Faszination Jodeln

In der Sendung „Lust aufs Leben – Kultur aus allen Richtungen“ steht die Kunst des Jodelns bei Michael Huemer noch einmal im Mittelpunkt. Um jodlerische Verwerfungen und Stimmüberschlagungen geht es am Sonntag am 21.03 Uhr.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben- Kultur aus allen Richtungen“, 15.7.18, 21.03 Uhr

Jodeln gilt als eine der ältesten Kulturtechniken des Menschen. In allen Hirtenkulturen der Welt sind Jodler bekannt, in unterschiedlichen Ausformungen und Interpretationen. Jodler eignen sich als Kommunikationsform der Menschen über weite Distanzen hinweg, auch als Lockruf für das Weidevieh ist der Jodler verbreitet. Für viele Menschen ist das Jodeln nicht unbedingt positiv besetzt, weil es sich oftmals zu fortgeschrittener Stunde und entsprechender Stimmung abspielt. Viele verbinden damit Alpenkitsch mit Edelweiß, Gamsbart, Trachtenhut und Schnaps.

Im weißen Rössl am Wolfgangsee, Neuverfilmung, Ausschnitt

ORF

Ralph Benatzky schrieb das Libretto zur Operette „Im Weißen Rössl am Wolfgangsee“ - das Stück wird immer wieder neu verfilmt

Filme mit Jodelromantik

Gerade die Heimatfilme der Nachkriegszeit im 20. Jahrhundert haben Vorstellungen dieser Edelweiß- und Jodelromantik produziert, denken Sie an „Sound of Music“ über die Familie Trapp, das als Rustikal bezeichnete „Der Watzmann ruft“ oder die Verfilmung des Singspieles „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“. Die Klischees wirken noch immer, wie zum Beispiel in der Werbung. Wenn besonders Österreichisches angesprochen werden soll, dann funktioniert das immer noch gut mit einer Unterlegung mit einem Jodler. Er symbolisiert Wärme, Behaglichkeit, Heimatgefühl, so etwas wie Urvertrautheit wie im folgenden Werbespot.

Grundsätzlich ist das Intonieren eines Jodlers eben dieser Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme, aber was dabei herauskommt, liegt an der Musikalität der jeweiligen Sängerin und des jeweiligen Sängers und das wiederum hängt davon ab, wo sie herkommen. Die Herkunft ist wieder gebunden an die Tradition eines Landes, seiner Landschaft und seiner Eigenheiten, die maßgeblich die Stimmgebung beeinflussen. So haftet dem Jodeln etwas Archaisches an, etwas Erdhaftes und Elementares.

Edelweiß

Josef Gfrerer

Zur Jodelromantik gehört auch das Edelweiß

Jodler nach Amerika

Das Jodeln gelangte als Importartikel in die Vereinigten Staaten. Erfolgreiche Gastspiele österreichischer und Schweizer Künstler lösten einen stetigen Anstieg seiner Popularität ab den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts aus. Die erfolgreichste Tirolertruppe waren die Geschwister Rainer aus dem Zillertal, die als Rainer Family mit Tracht und Walzer den Jodler und das Tirolerlied nach Amerika brachten und dort auch die Musikgeschichte prägten. Als Einwanderungsland funktionierten die USA wie ein gigantischer Schmelztiegel, der riesige Immigrantenströme absorbierte. Die Communities der verschiedenen Einwanderergruppen pflegten auch fernab ihrer früheren Heimat ihre traditionelle Musik - da gehörte das Jodeln dazu.

Hören Sie hier die Sendung nach:

Jodler wurden bald zur Verständigungsformel im multikulturellen Dschungel der amerikanischen Großstädte. Unterschiedliche Kulturen und Traditionen verbanden sich nach und nach miteinander. In diesem Gewühl der Rassen und Nationalitäten, in diesem Gewirr von Sitten und Gebräuchen, Dialekten und Sprachen, war Verständigung ein fortwährendes Problem. Ein Jodler, der ohne Worte und semantische Bedeutung auskam, musste wie ein Magnet wirken, konnte er doch für Menschen unterschiedlicher Herkunft zum kleinsten gemeinsamen Nenner werden. Jodelmotive werden erstmals mit dem Blues, insbesondere dem Delta Blues und dem Vorläufer des Jazz, dem Ragtime verbunden. Man nannte das dann „American Yodeling“ oder „Blue Yodeling“.

Jutz, Zäuerli, Ruggusserli

Kennen Sie Ausdrücke wie Jutz, Zäuerli oder Ruggusserli? Mir waren Sie völlig neu, obwohl sie Inbegriffe des helvetischen Nationsgefühls sind. Es überrascht ja nicht, dass das Jodeln zur Schweiz gehört wie die Milch zur Kuh, aber was viele nicht wissen ist, dass der Schweizer Jodel vergleichsweise jung ist, er galt als typische Tiroler Musik und daher als unschweizerisch. Um ihn zu verdrängen, wurde vom Eidgenössischen Jodlerverband das Schweizer Jodellied geschaffen und mit Schweizer Gründlichkeit reglementiert. „Wir wollen nicht ein Kunstjodeln sondern ein richtiges Naturjodeln“, heißt es in der offiziellen Einladung zur Gründung der Jodlervereinigung Bern 1910. Die vom Verband vorgegebene Form wurde zur einzigen akzeptierten Art des Jodelns erklärt. Da passten die textlosen, freien und unstrukturierten Naturjodel der Bergbauern nicht hinein.

Schweizer Landschaft

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Schweizer Alpen

Erst ab den 1990er-Jahren wurden die starren und verkrusteten Formen ein wenig aufgeweicht und der Jodel entideologisiert und entpolitisiert. Im Appenzellerland versammeln sich zum Jahreswechsel auf den Almen verschiedene Gruppen, sogenannte Chlausä-Schuppel. Maskiert und behangen mit riesigen Schellen und Glocken ziehen sie in der Früh um sechs Uhr tanzend und lärmend von der Alm ins Tal, um jedem Haus auf ihrem Weg ein gutes neues Jahr zu wünschen. Bei diesem Ritual, das den ganzen Tag andauert, zauren sie die uralten „Zäuerli“, dabei wird auch gejodelt.

Die Modulationsfähigkeit der menschlichen Stimme ist schon ein erstaunliches Phänomen. Sie ist die Grundlage von Sprechen, Schreien, Jauchzen, Trillern, Flüstern, Singen, Räuspern und eben auch Jodeln. Klangfarbe, Dynamik, Stimmansatz, Register, Vibrato, Stimmumfang, Atem- und Verzierungstechnik. Alles trägt dazu bei, kulturell bezogene emotionale Inhalte wie Freude, Angst, Glück oder Trauer damit auszudrücken. Rituelle Erzählungen mit Schreien und Rufen sind in zahlreichen Kulturen verbreitet, die ältesten gibt es in Neu-Kaledonien und bei den Maori. Es handelt sich dabei streng gesehen nicht ums Jodeln, aber man kann es durchaus als jodelähnliche Stimmphänomene sehen und hören. Eine modernisierte Form des Brüllens und Schreiens wird seit 1987 von dem 30 bis 80 Köpfen zählenden finnischen Männerchor „Mieskuoro Huutajat“ gepflegt. Deren straff organisiertes Brüllen mutet martialisch an, wobei kurioserweise im kollektiven Urschrei Schlager, Schnulzen und Nationalhymnen herausgebrüllt werden.

Nebenwirkungen des Jodelns

Mein Streifzug durch die Jodelkultur geht nach diesen kleinen stimmakrobatischen Jodelabweichungen zu den sogenannten gutturalen Gesängen, die Ähnlichkeiten mit dem Jodeln aufweisen und ebenso auch als Instrument der Kommunikation benützt wurden und werden. Guttural ist eine Bezeichnung für Sprachlaute, die in der Kehle gebildet also mit gepresster Stimme gesungen werden. Bei diesem Kehlgesang oder auch Kehlkopfgesang werden rhythmisch markierte Atemgeräusche mit speziellen Atem- und Kehlkopftechniken verknüpft. Wird das tiefe Aus- und Einatmen besonders forciert, kann dies bewusstseinsverändernde Nebenwirkungen erzeugen. Diese Technik wird durchaus vor allem zur Herbeiführung von Trancezuständen verwendet, von der Lobpreisung Allahs bis zu Heavy-Metal-Bands. Nusrat Fateh Ali Khan ruft Mohammed an während Justin Hawkins der Gruppe „The darkness“ mit hoher Falsettstimme „Hände weg von meiner Frau“ ins Mikrophon schreit.

In unseren Breiten nahezu unbekannt und weitaus intimer ist der Kehlgesang der Inuit-Völker aus dem arktischen Norden Kanadas. Das Dasein der Inuit, das „Menschen, die in dieser Zeit leben“ übersetzt bedeutet, wird von Wind, Wetter und den Abläufen der Natur bestimmt. Ihre Musik sind eher stimmliche Spiele als Lieder. Der hechelnde Stil des Spiels wird durch den Wechsel von stimmbetonten und stimmlosen „Tönen“ charakterisiert. Dieses Kehlkopfspiel heißt „Katajjak“, er ist schon deswegen außergewöhnlich, weil das Vortragen allein Frauen vorbehalten ist und nicht einzeln, sondern im Duett erfolgt. Die Frauen stehen sich dabei so nah gegenüber, dass sie sich an der Taille oder an den Armen fassen und gegenseitig als zusätzlichen Resonanzkörper nutzen können.

Lappland / Samenland im Sommer

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Samenland

Vom Norden Amerikas zum Norden Europas. In wohl jedem europäischen Land gibt es ein an seinen äußeren Rändern gelegenes Gebiet, wo die Dinge anders und extremer ablaufen und Musik in einer engeren Verbindung zur Natur steht. Europäer neigen dazu, den Blick gegen Norden auf jene Region zu richten, die ihnen unter der Bezeichnung Lappland bekannt ist und heutzutage in der Regel Samenland heißt, einer Region nördlich des Polarkreises, das Gebiete von Norwegen, Schweden und Finnland umschließt. Heute leben in dieser Gegend sowie im nordwestlichen Russland noch rund 140.000 Samen. Die Mehrheit davon auf norwegischem Staatsgebiet. Der Joik ist die traditionelle Musik der Samen, eine archaische Form des unbegleiteten oberstimmigen Sologesangs.

Kehlgesang in Asien

Jetzt geographisch und musikalisch ein Richtungswechsel zum asiatischen Kehlgesang, der rund um das Altai-Gebirge beheimatet ist. Der Altai ist auf dem Atlas im Grenzgebiet von Kasachstan, Russland, der Mongolei und China zu finden. In den weiten Steppen der Mongolei haben verschiedene Stämme eine ganz eigene Gesangstechnik entwickelt, die dem Jodeln ähnelt und doch ganz anders klingt. Es ist eine Mischung aus Obertongesang und jenem heiseren Timbre, das wir bereits als Kehlkopfgesang in den vorhergehenden Musikbeispielen gehört haben. Zwar ist diese Technik auch in Tibet zu finden, doch die Meister dieser Gesangsform sind die Bewohner der Gegend von Tuwa.

Die Republik Tuwa ist eine zur russischen Föderation gehörende autonome Republik im südlichen Teil von Sibirien. Um sich das besser vorstellen zu können, dieses Land ist zweimal so groß wie Österreich, hat aber nur wenig mehr als 300.000 Einwohner. Dieses abgeschiedene Tuwa gehört noch einer ursprünglich nomadischen Kultur an. Seine Einwohner sind Hirten, die immer noch in völliger Harmonie mit ihrer Umwelt leben.

Die Spezialität des Obertongesangs „Khöömei“

Diese tuwinische Musik erinnert an die Ursprünge des menschlichen Gesangs überhaupt, an seine Rauheit und Direktheit, an religiöse und schamanistische Rituale, ihre Philosophie entstand durch ihre Eingebundenheit in die Natur und basiert auf der Indotibetischen Schule des Buddhismus. In Tuwa findet sich ein einzigartiges Phänomen des dort praktizierten Kehlkopfgesanges, bei dem ein einzelner Sänger zwei oder sogar drei Töne gleichzeitig erzeugt. Durch die veränderte Stellung des Rachens und der Mundhöhle können beim Singen eines Grundtones die natürlich mitschwingenden Obertöne verstärkt werden.

Sie nennen diesen Obertongesang „Khöömei“, von dem zehn Stilrichtungen überliefert sind. Sie wurden traditionellerweise beim Wiegen von Kindern, beim Hüten der Herden oder bei der Jagd von Rentieren verwendet. Sie können das auch in die entgegengesetzte Stimmrichtung, beim Untertongesang, einer Gesangstechnik, bei der durch besonderen Einsatz des Kehlkopfes Töne hervorgebracht werden, die unterhalb des Singtons liegen. In Tuwa bezeichnet man diese Vokaltechnik „Kargiraa“.

Michael Huemer / ooe.ORF.at

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