Was Erwachsene vor 30 Jahren hörten

Unter dem Titel „Patrona Bavariae und die volkstümlichen Folgen“ hat Radio OÖ für die Sendung „Lust aufs Leben“ am Sonntag Unterhaltungsmusik im Jahr 1988 zusammengestellt.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben - Kultur aus allen Richtungen“, 8.7.18, 21.03 Uhr

Anfang der 80er-Jahre hatte sich der klassische deutsche Schlager daran gewöhnt, von der internationalen Popmusik aus den Charts und aus den Fernsehsendungen gedrängt zu werden und trauerte den Zeiten von „Ganz in Weiß“ eines Roy Black und Heidi Brühls „Wir wollen niemals auseinandergehen“ nach.

Claudia Jung bei der "Licht ins Dunkel" Gala

Zillertal Bier

Claudia Jung bei einer „Licht ins Dunkel“ Gala

Schlager ins Abseits

Die Schlagermusik ging ihren Weg ins Abseits, da der älteren Generation die neue populäre Musik suspekt war und die Jugend ohnehin ihren eigenen Geschmack hatte. Sie hörte überwiegend internationale englischsprachige Popmusik a la Michael Jackson, U2, Whitney Houston und Milli Vanilli. Die Schlagerszene galt allenfalls als ein Tummelplatz für die Älteren und Gestrigen, der Schlager war auf Dauer nur mehr ein Nischenprodukt.

Natürlich gab es Ausnahmen, Schlagersänger und Schlagersängerinnen wie Claudia Jung, Kristina Bach, Matthias Reim, Wolfgang Petry oder Michelle waren schon auf der Bühne. Andere Musiker waren zum Umdenken gezwungen und mussten sich über Konzertbühnen oder Veranstaltungen wie Volksfeste profilieren. Mitunter traten sie bei der Eröffnung von Warenhäusern auf oder bei einem Kaffeekränzchen im Altersheim. Außerdem bekam der Schlager heftige Konkurrenz durch die Neue Deutsche Welle, die durchaus ein wenig für Spaß sorgte. Ihre Texte waren meist witzig und machten sich oft über den deutschen Schlager lustig. Die Songs waren in der Regel naiv, albern, aber zumindest humorvoll. Die Linie zwischen Schlagermusik und Neuer Deutscher Welle war dabei nicht immer klar zu ziehen, man denke an Nena, Peter Schilling, Trio, DÖF und Geier Sturzflug.

Volkstümliche Musik wiederentdeckt

Eine neue bedrohliche Welle näherte sich Ende der 80er-Jahre. Polka, Marsch und Walzer näherten sich in Form der Volksmusik. Die bunten Haare, das schrille Outfit und der Klamauk der Vertreter der Neuen Deutschen Welle empfanden die Großelterngeneration als Untergang des Abendlandes. Sie dachte an die alten Werte und entdeckte die volkstümliche Musik wieder. In den Radioprogrammen war diese zu jenem Zeitpunkt überhaupt nicht vertreten, die Plattenindustrie reagierte jedoch prompt und förderte sie.

Karl Moik bei einer Probe für den "Silvester-Musikantenstadl" 2003

DPA/Holger Hollemann

Karl Moik bei einer Probe für den „Silvester-Musikantenstadl“ 2003. 2015 verstarb der Entertainer

Volkstümliche Feste erfreuten sich regen Zulaufs und das Fernsehen reagiert in Österreich und Deutschland mit entsprechenden TV-Sendungen, die hohe konstante Einschaltquoten erreichten. Am populärsten wurde der „Musikantenstadl“, der 1983 mit Karl Moik startete, gefolgt vom 1986 initiierten „Grand Prix der Volksmusik“ und dem „Wunschkonzert der Volksmusik“, das Karl Moik zusammen mit Carolin Reiber moderierte. Dort bekam auch der Schlager eine Plattform, daneben gab es Stimmungsmacher wie Tony Marshall und Heino, aber auch Platz für Reinhard Mey und Walzergeiger Andre Rieu.

Hier können Sie in die Sendung hineinhören:

Primär wurden Lieder der Berge gespielt bzw. alles, was irgendwie über einen folkloristischen Klang verfügte, manchmal genügte es, einfach im Dialekt zu singen. Endgültig explodierte der Volksmusik-Boom durch das Original Naabtal-Duo, das 1988 den zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgetragenen „Grand Prix der Volksmusik“ gewann. Die Hardcore-Vertreter der echten traditionellen Volksmusik schäumten vermutlich, zu hören, dass der Siegertitel dieses Bewerbes „Patrona Bavariae“ zu einem der meistverkauften deutschsprachigen Titel 1988 wurde. Die Formel „Akkordeon plus Schlagzeug“ war bereits in den 40er-Jahren sehr erfolgreich. Mit nur zwei Musikanten konnte man auf diese Weise Stimmung für zehn machen.

„Musikantenstadl“ auf Tournee

Der Verkaufserfolg und der Sieg des Naabtal-Duos löste geradezu eine Lawine ähnlich aufgemachter Produktionen aus, die dem Publikum in einer Vielzahl von Fernsehformaten nähergebracht wurden. Alle Shows boomten, der Musikantenstadl gastierte im noch damaligen Jugoslawien in Portoroz, 1988 in Moskau, später gab es Übertragungen aus Toronto, Melbourne, Kapstadt, aus der Disneyworld in Orlando, ja sogar vom Platz vor dem Kaiserpalast in Peking. Auf persönliche Einladung des Scheichs von Dubai durfte Moik 2001 seinen Stadl in den Vereinigten Arabischen Emiraten aufzeichnen.

Um alle Programmplätze zu füllen, wurden auch in Vergessenheit geratene Schlagerstars aus den 1950er und 1960er-Jahren in die Sendungen geholt, die strenggenommen nichts mit volkstümlicher Musik zu tun hatten. Sie waren aber dem vorwiegend älteren Publikum noch bestens in Erinnerung. Auf der Produktionsseite gingen der Gefühlsschlager und volkstümliche Musik eine neue Verbindung ein. Es entstand der „volkstümliche Schlager“, ein Genre, in dem viele ehemalige Schlagerkomponisten ein neues Betätigungsfeld fanden. Unzählige Interpreten eiferten dem Naabtal-Duo nach. Beispielsweise die Wildecker Herzbuben, die 1990 mit „Herzilein“ ebenfalls einen Megaseller landeten. Stefanie Hertel hatte 1991 mit „So a Stückerl heile Welt“ ebenfalls einen Riesenerfolg so wie Patrick Lindner 1989 mit „Die kloane Tür zum Paradies“.

Märchenhaft schöne Sommerstimmung am Attersee

ORF OÖ

Attersee

Dialekt für Volksverbundenheit

Gerade Lieder mit Anklängen an den Dialekt erzielen Volksverbundenheit. Die Texte sollen den „einfachen Mann von der Straße“ ansprechen, die Träume und Vorstellungen einer heilen Welt transportieren. Es geht um Liebe, allgemeine Lebensweisheiten, die Trost und Rat spenden, um rührende Episoden aus dem Alltag. Es dominieren natur- und heimatbezogene Themen wie die Berge in ihrer Schönheit, die geliebte Heimat und auch Heimweh. Herzlichkeit, Gemütlichkeit und die idyllische Kindheit werden gerne von Kinderstars interpretiert. Kritiker werfen der volkstümlichen Szene ein rückwärtsgewandtes, konservatives Weltbild vor, dies gilt insbesondere für das Frauen- und Familienbild.

Zur visuellen Inszenierung des volkstümlichen Schlagers gehört als Bühnenoutfit eine älplerische Kleidung sowie die regional traditionelle Tracht der Sängerinnen und Sänger mit Lederhose, Dirndlkleid und Trachtenjanker, die vor kitschigen Naturkulissen oder in schönen Landschaften auftreten. Man muss schon dazu bemerken, dass der in diesem Genre verwendete Begriff „Volksmusik“ mit der volkstümlichen Welle wenig zu tun hat. Sie hat sie vielleicht ein wenig inspiriert, man spricht daher von einer „Verschlagerung“ dieser Musikgattung.

Volksmusik, Ziehharmonika

pixabay.com

Im Gegensatz zur strikt handgemachten und vollständig live gespielten „echten“ Volksmusik sind bei der gesungenen oder auch instrumentalen volkstümlichen Musik Vollplayback, synthetische Rhythmusloops und der Einsatz des Schlagzeuges üblich. Dass vor allem der süddeutsch-österreichische Einfluss wirksam wurde, kommt nicht von ungefähr. Die dort beheimateten Polkas und Ländler, das Jodeln, die Instrumente und Instrumentation mit Akkordeon, Gitarre und Blasinstrumenten prägen die volkstümliche Musik. Böse Stimmen ersetzten manchmal das harte „t“ in „volkstümlich“ durch ein weiches.

Letztlich sind es Klischees, die immer wieder eingesetzt werden. Selbst für einen glühenden Anhänger dieser Musik dürfte es schwierig sein, eine x-beliebige Instrumentalpolka einem der zahlreichen Ensembles zuzuordnen, die dann mit dem Wort„Original“ beginnen und „Buam“ oder „Dirndln“ enden. Dazwischen kommt der Gruppenname, der einen Hinweis auf die geographische Herkunft der Musikanten bietet wie Original Kogler-Buam oder Original Preinfalk-Dirndln.

Schlager rockig oder volkstümlich

Gegen Ende der 80er-Jahre scheint sich dann der Schlager mit seinen typischen Strukturen wieder durchzusetzen. Er konnte eine volkstümliche oder rockige Note haben, von der Country Music oder von einer folkloristischen Seite geprägt sein, er konnte durchaus auch nachdenklich wirken oder ausgelassenen Frohsinn erzeugen. Eine eindeutige Grenzziehung in musikalischer Hinsicht zwischen Pop und Schlager ist beinahe unmöglich geworden. Interpreten wie Roger Whittaker und Udo Jürgens schafften das wie Roland Kaiser, Howard Carpendale, Matthias Reim, Claudia Jung und Kristina Bach. Das Bekenntnis zur deutschen Sprache – eigentlich durchaus ehrenswert - führte in die neu entstandenen Schlagerprogramme und damit weg von ihrem jugendlichen Zielpublikum. Interpreten wie die Gruppe Münchener Freiheit und die Flippers schafften es nicht, ihre Musik langfristig in den englisch dominierten Popsendern zu etablieren.

Udo Jürgens

APA/KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Udo Jürgens 2014

Deutschsprachige Künstler hatten insbesonders auch vor dem Hintergrund der beginnenden Radioformatierung zu leiden. Dabei verabschiedeten sich die Radiomacher vom Mischprogramm und installierten Jugendprogramme, um diese Hörergruppe besser zu bedienen. Damit sollte eine höhere Hörerbindung und eine höhere Einschaltquote erreicht werden. Mit Schlagern in deutscher Sprache verband man ja nicht gerade Modernität und Zeitgeist. Bei vielen Sendern wurde daher der Schlager aus dem Programm genommen.

Letzter Platz für Österreich Beim Songcontest 1988

1988 fand der Eurovision Song Contest in Dublin in Irland statt. Die Starterliste umfasste insgesamt 21 Teilnehmer. In musikalischer Hinsicht machte dieser Gesangswettbewerb einen moderneren Eindruck als die Jahre zuvor, was auch daran gelegen haben mag, dass sich die Sängerinnen und Sänger Halbplayback einspielen lassen konnten. Die Instrumente, die auf der Bühne stehen, müssen die Musiker nicht live spielen, sondern können sie vom Band abspulen lassen. Für Österreich war es ein Fiasko. Wilfried bot mit „Lisa, Mona Lisa“ Anlass zu Heiterkeit und belegte mit null Punkten den letzten Platz aller 21 Teilnehmer.

Wilfried Scheutz selbst erzählte, dass die politische Lage das Abschneiden der österreichischen Delegation in Dublin beeinflusst hätte. Die Waldheimaffäre von 1987 war noch frisch in aller Gedächtnis. Der Musikakt wurde, laut Wilfrieds Einschätzung, de facto politisch und nicht musikalisch bewertet, was der Sänger gar nicht entschuldigend oder als Ausrede meinte, da Wilfried zu seinem Auftritt stand. Andere behaupteten, dass sich der gute Mann durch die Schlagerveranstaltung geschleppt habe, um recht rasch wieder an den heimischen Wirtshaustisch zurückkehren zu können.

Michael Huemer