Warum meine Frau Jodlerkurse besucht

Unter dem Motto „Jodeln Juchzen und Dudeln – Der Jodlersound im Alpenraum“ steht die Sendung „Lust aufs Leben“ im Programm von Radio Oberösterreich am Sonntag, 1.Juli 2018, ab 21.04 Uhr.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben“, 1.7.2018

Es scheint so zu sein, dass das Jodeln in Österreich sich einer anhaltend großen und sogar steigenden Beliebtheit erfreut, was ja nicht immer so war. Vor rund fünfzig Jahren entstand mit der Hippiejugend und der 68er-Bewegung ein quasi ideologischer Graben. Die sogenannte Volksmusik und speziell das Jodeln galt vor allem bei Jugendlichen – und das waren wir damals – als verstaubt und rückständig.

Die Sendung zum Nachhören:

Was wird am Jodeln genossen? Wieso interessiert das Jodeln nicht nur Bergbauern und Hirten? Warum erlernen immer mehr Jugendliche das Prinzip und die Technik des Jodelns? Möchte man mit dem Jodelgesang das Alphorn nachahmen, etwaige Dämonen vertreiben, verbindet man damit einen rituellen Schrei oder will man sich durch Lock- und Verständigungsrufe mit Sennern und Jägern verständigen. Und es stellt sich die Frage, wo kann man jodeln eigentlich hören? Natürlich in den Alpen, auch beim Wettjodeln in manchen Dörfern, in Heimatfilmen, bei Vorstellungen von Jodelgruppen, in Fernsehprogrammen. Jodeln erinnert zunächst an verwandte Wörter wie Juchzen, Jauchzen, Jubeln, Jubilieren, auch ans Johlen und Jaulen – ist nicht im Tarzanschrei, im Indianergeheul und war nicht sogar an den fanatischsten Stellen seiner Reden in Hitlers Stimme ein Jodellaut?

Jodler App

Jodler App

Eine spezielle App, nur für Jodelfreudige

Eigentlich sind die Silben des Jodelgesangs grundsätzlich jedermann vom Wortbild her vertraut. Ähnelt nicht hops duljoe, hullareiduljo den Anfeuerungsrufen wie hu, hott, hopp, hoppauf und den Wörtern der Kindersprache wie Mama, Papa, namnam, pipi. Das Klangbild ähnelt dem begeisterten „Ah“ und dem enttäuschten „Oh“ beispielsweise im Sport. In Sachen Namensgebung werden die gern mehrstimmig gesungenen Jodler mit Stimmkreuzung in der Volksterminologie einfach und klar Füreinand, Gegeneinand oder Durcheinand bezeichnet, während die kanonartigen klarerweise Nacheinand heißen.

Freiluftmusik mit Arbeit und Kult

Wo liegen die Ursprünge? Es ist Freiluftmusik, verbunden mit Arbeit und Kult. Der ständige Registerwechsel von der Brust- in die Kopfstimme ergibt einen lauten, durchdringenden Ton, was das Jodeln als Signalruf und zur Kommunikation in unwegsamem Gelände brauchbar macht. Vor allem bei vielen Hirtenvölkern gibt es die schrillen Schreie, mit denen man sich über weite Entfernungen verständigt hat und mit denen man auch die Tiere rief. Viehlockrufe, wie sie in Österreich und Skandinavien aufgezeichnet worden sind, beginnen immer ganz kopfig in hoher Lage und springen dann ins warme, mütterliche Brustregister. Die Tiere spitzen die Ohren und eilen herbei wie von Sennerinnen, Hirten und auch Zirkusdirektoren glaubwürdig versichert wird.

Katrinalm Hütte

Wolfgang Lehner

Katrinalmhütte

Außer in den Alpen findet man das Jodeln noch auf den Solomon-Inseln, auf Hawaii und Madagaskar, in Skandinavien, bei den Sami, wie sich die Lappen selbst bezeichen, bei den Inuit, ehemals Eskimos genannt, in den USA, Rumänien und Bulgarien sowie bei verschiedenen Pygmäenvölkern im zentralafrikanischen Regenwald, wo Jodlersilben zur Technik der Jagd gehören. Durch den Gesang halten die Jäger, die sich auf der Pirsch oft weit auseinander befinden, Kontakt und zeigen ihre jeweilige Position an. Durch ihre Rufe scheuchen sie das Wild auf und treiben es in ihre Netze. Alle diese Gesänge global als „jodeln“ zu bezeichnen wäre wohl zu eng gegriffen. Ein wichtiger Unterschied liegt im Zweck, der von sozial-kommunikativ bis spirituell-rituell reicht. Bei Feiern der Bayaka-Buschmänner im Kongo werden durch die magischen Gesänge die Waldgeister aus dem Reich der Unsichtbarkeit in die reale Welt gelockt.

Die Gruppe, die das gesamte Jodler-Liedgut im ganzen Alpenraum am meisten geprägt hat, ist der Goiserer Viergesang. Seit 1968 widmen sich die vier von der Tradition geprägten Musiker und Sänger der unverfälschten Weitergabe des reichen Schatzes an Liedern und Weisen. Mit besonderer Liebe gestalten sie die vielen langsamen, verschlungenen Jodler, in denen die archaische Melodik des Almwesens zu hören ist. Der „Kuahmelcher Jodler“, den Sie jetzt hören werden gehört zum Schönsten, was die österreichische Volksmusik zu bieten hat. 2003 sind die Mitglieder des Goiserer Viergesangs, Fritz Hillbrand, Sepp und Willi Winterauer und Lois Neuper von der Bühne abgetreten.

Meine Lieblingshütte Grünburger Hütte

Wolfgang Lehner

Berge, Hütten und Jodeln gehören für viele zusammen

„Das ist pure alpine Mystik“

Wenn der Goiserer Viergesang den Kuahmelcher-Jodler in die Berglandschaft zauberte, empfanden viele, was Hubert von Goisern so treffend ausdrückte: „Das ist pure alpine Mystik“. 1994 hat er mit den Alpinkatzen und Alpine Sabine seine Version des „Kuahmelcher-Jodlers“ aufgenommen, den Sie jetzt zum Vergleich hören können. Es ist einer jener archaischen Melodien, die sich bis zum heutigen Tag einer Kommerzialisierung und damit auch Entmystifizierung erfolgreich erwehren konnten. Apropos Hubert von Goisern: gerade ihm gelang es, frühere grundsätzliche Vorbehalte gegenüber der traditionellen Volksmusik abzulegen und ihr einen neuen Anstrich zu geben, der gut in das Lebensgefühl der Zeit passte. Musiker und Bands wie Otto Lechner, Roland Neuwirt, Klaus Trabitsch, die Knödel und Attwenger ließen sich mit zunehmend ernstem Interesse auf das Traditionsmaterial ein.

Jodeln ist Volksmusik, ist Show und bisweilen Spektakel. Jodeln ist Volkskunst, die vom Vater und von der Mutter auf die Söhne und auf die Töchter traditionell weitergegeben wird. Jodler sind Tonfolgen mit Selbstlauten und Registerwechsel, genau dass, was die Kunstmusik eigentlich zu eliminieren versucht, außer es handelt sich um den Koloraturgesang, einer Gesangstechnik des Belcanto und der Opernmusik. In Österreich gehören die Obersteiermark zusammen mit dem Salzkammergut, dem Ennstal, der Gegend um den Schneeberg zu den ausgeprägtesten Jodellandschaften. Jodler sind aber auch in anderen Bergregionen Österreichs, insbesondere in Salzburg, Tirol, Vorarlberg und Oberkärnten heimisch. Sie nehmen dann regionale Bezeichnungen an wie Hullatza oder Wullatza in der Steiermark. Im Salzkammergut verwendet man den Ausdruck Ludler, in Salzburg Hegitzer und im Innviertel wird gern gealmert. In Wien beherrschen manche Natursänger bis heute die Kunst des „Dudelns“. Ungekrönte Königin war Trude Mally, die 2009 gestorben ist.

Agnes Palmisano

Laurent Ziegler

Agnes Palmisano

Wien jodelt anders, es dudelt

Der Dudler ist die in Wien praktizierte Form des Jodlers. Im Unterschied zu diesem wird in geschlossenen Räumen wie Wirtshäusern, Buschenschanken und Heurigenlokalen gedudelt. Die wienerische Art ist in ihrer Stilistik grundlegend komplexer, hat mehr Harmonien und verschleift sich mehr, die „unsaubere“ Melodik ist typisch dafür und gewollt. Kunstvoller, verzierter und schwieriger als der alpenländische Jodler steht das Dudeln in der Nähe zum Wienerlied und der begleitenden Schrammelmusik.

Diese Art des Jodelns ist in Wien ab zirka 1820 beschrieben, die Lautform „Dulie“ hat andere Jodlersilben ersetzt, daher der Name Dudler. Außerdem geht es beim Dudeln im Gegensatz zum Jodeln immer um Emotionen wie Lust, Leid, Freude, Trauer. Dort, wo die Worte fehlen, wo die Fantasie Raum greift, da fängt der Dudler an. Die führende Interpretin des Wiener Dudlers ist heute Agnes Palmisano, die sieben Jahre mit Trude Mally gearbeitet und das Dudeln vor dem Aussterben bewahrt hat. Palmisanos Stimme vermag wie keine andere der Musik Wiens und des Heurigen Ausdruck zu verleihen.

Michael Huemer