Vom Dialekt zur Prosa – Attwenger

Dem Duo Attwenger ist die Sendung „Lust aufs Leben“ am Sonntag gewidmet: Sie arbeiten mit volksmusikalischer Tradition, die sie seit Kindertagen kennen. Sie mauern die Tradition aber nicht ein, sondern öffnen ihr eine neue Welt.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben“, 4.6.17, 21.03 Uhr

Der Eine, Hans-Peter Falkner spielt Ziehharmonika, der Andere, sitzt am Schlagzeug und heißt Markus Binder. Beiden singen auch, meistens Dialekt, ungehobelt, rau und direkt. Lieder, Songs, Gstanzln mit Attwengscher Verschrobenheit und humoristischer Ruppigkeit, Mundartexte zwischen Nonsens und Tiefsinn.

Attwenger

"Wir sind Wien"-Festival/Gerald von Foris

Attwenger 2017

Schlagzeug, Knöpferlharmonika, Strom, Stimme

Seit nunmehr 27 Jahren sind sie auf heimischen und internationalen Konzertbühnen zuhause. Sie sind selbstbestimmt, selbstsicher und damit in all den Jahren über jeden Zweifel erhaben. Sie haben es nie darauf angelegt, Stars zu werden und sich vom Musikbusiness vereinnahmen zu lassen: Schlagzeug, Knöpferlharmonika, ein bissl Strom, Stimme, fertig. Jetzt sind die beiden Herren unter die Schriftsteller gegangen. Jetzt haben beide - ein jeder für sich - ein Buch herausgebracht. Während sich Hans-Peter Falkner dem Verfassen und Sammeln bodenständiger Literatur widmet, bevorzugt Markus Binder Prosa aus dem Geiste des Punk.

Attwenger Konzert, Wien, 13.11.2008, Hans-Peter Falkner

Manfred Werner - Tsui

Hans-Peter Falkner, Attwenger-Konzert in Wien 2008

In Linz gegründet

1990 heißt der Kulturschock in der heimischen österreichischen Musikszene Attwenger. Das in Linz gegründete Attwenger Duo überspringt mit steirischer Ziehharmonika, Schlagzeug und Gesang die scheinbar unüberwindlichen Schranken zwischen Ländler und Hip-Hop, Polka und Punk, Tradition und Moderne. Ein musikalisches Gebräu, das die volkstümlichen Musikantentiger um Karl Moik in die Rente schickte. Ein Gemisch, das auch überhaupt nicht zu vergleichen war mit dem Heimataustrorock eines Hubert von Goisern und seinen Alpinkatzen. Attwenger trafen zielsicher den wahren Kern alpiner zeitgenössischer Volksmusik.

Attwenger, die gelegentlich unter den Namen „Die Goaß“ oder „Scheißleitnmusi“ als eigene Vorgruppe vor ihren Konzerten auftraten, ist eine Band mit Herkunftsort Linz. Markus Binder, 1963 in Enns geboren, spielt Schlagzeug, sein Partner Hans-Peter Falkner aus Linz, vier Jahre jünger als sein Kompagnon, bearbeitet das Akkordeon. Begonnen haben sie als Mitglieder in der Gruppe Urfahraner Durchbruch. Der erste Tonträger mit sechs Musikstücken erscheint noch als Musikkassette und trägt den klingenden Titel „Auf da Oim gengan di Kia“. Sie wurde am 10. August 1990 bei einem Konzert in Lembach mitgeschnitten. „Verstärkte Volksmusik“ steht als prägnante Zusammenfassung der Musik von Attwenger am Cover.

Volksmusik angepasst

Die Attwenger von damals sind noch relativ an die Traditionen der oberösterreichischen Volksmusik angepasst. Es werden selbstkomponierte Landler gespielt, auf denen Binder und Falkner munter drauflos jodeln und Juchizas einstreuen. Die Art des Schlagzeugspiels und die Verwendung des Akkordeons lassen aber bereits erahnen, dass hier etwas anderes läuft.

Das erste Mal live in Erscheinung getreten sind Attwenger im April 1990 in der Wiener Arena um drei Uhr morgens, so zumindest will es der Bandmythos. Kaum ein Jahr darauf reiten Attwenger mit ihrem ersten Studioalbum ihre erste Attacke gegen überkommene Hörgewohnheiten. „Most“ heißt kurz und bündig die Debütplatte. Mit aufgekrämpeltem Ärmeln und erfrischender Unbeschwertheit schaffen sich die beiden Oberösterreicher ihr eigenes verrücktes Universum.

Attwenger

www.attwenger.at

In diesem darf im Dialekt gereimt und gerappt werden darüber türmen sich Lautstärke, Schepperer und Rückkoppelungen. Das Fundament besteht aus Stücken oberösterreichischer Folklore und witzige, vom Sprechgesang der amerikanischen Rapper beeinflusste Texte, die zu einem ansehnlichen, wenn auch manchmal windschiefen Bauwerk mutieren. Wo sie auch hinkommen, sie stiften Verwirrung und entziehen sich irgendwie jedweder musikalischen Einordnung.

Stilmix: Volksmusik mit Pop

Mit ihrem dritten Album „Pflug“ sammeln Attwenger Anerkennung und mediale Aufmerksamkeit. Attwenger verfügt über das, wonach viele Bands vergeblich streben: Einzigartigkeit. Das Duo verkörpert absolut einen perfekten Stilmix: Während Falkner also tief in der Volksmusik seiner Region verwurzelt ist, hatte Binder schon immer eine Neigung zum globalen Pop und zum politisch-engagierten Text.

Es fehlte bloß die 4. Platte, vielleicht mit zwei, drei radiotauglichen Titeln, dann würde die Karriere der beiden Linzer so richtig abheben, samt Funk und Fernsehen und vollen Hallen. Diese 4. Platte bekam den Namen „Luft“. Sie war die bisher radikalste Stellungnahme von Attwenger, schlicht das Gegenteil einer Konzession an den Publikumsgeschmack, unberechenbar, explosionsartig, mit dem Arsch voran.

„Luft“ zum „Album des Jahres“ gekürt

„Luft“ wird, wie sein Vorgänger „Pflug“ von den österreichischen Musikjournalisten zum „Album des Jahres“ gewählt, worauf dieser Wettbewerb wieder abgeschafft wird. Nach Fertigstellung des 35-mm-Streifens „Attwengerfilm“ im Jahre 1995 und einer Konzerttournee nach Sibirien löst sich die Band wegen musikalischer Erschöpfungszustände und der Verweigerung, Teil des alpenländischen Neuen-Volksmusik-Hypes zu sein, auf, um zwei Jahre später ihre fünfte CD auf den Markt zu werfen.

„Song“ wird sie heißen und bedeutet erneut einen musikalischen Richtungswechsel. Binder und Falkner erweitern ihr Spektrum mit Hilfe des Drum-Computers, sonorem Sprechgesang, endlosen Wiederholungen und trendigen Techno- und Dancefloor-Elementen. Was als Verbindung bleibt sind Dialekt und Sprachverfremdung, Ziehharmonika und Schlagzeug.

Schallplatten, Plattenspieler, LP, Vinyl

ORF

Nach mehreren Konzerttourneen, die Attwenger nach Zimbabwe, Malaysia, Vietnam und Pakistan führen, produzieren sie ihr sechstes Album. Auf „sun“, schon wieder zweideutig, im Sinne von „Sonne“ auf Deutsch bzw. „sun“ auf Englisch, erweitern sie ihr Repertoire mit dem Boban Markovic Orkestar, einer 11-köpfigen Blaskapelle aus Serbien, dem Gitarristen Fred Frith aus der improvisierenden Avantgarde-Jazz-Szene und der deutschen Band Couch.

Motto: Weglassen was geht

Und es geht bei den 15 Stücken um das Murmeln der Männer, um das, was im Kalender steht, es geht um die Kleinkarierten und dass es gut ist, den Hut, bevor er brennt, vom Kopf herunterzunehmen – die damalige Deutung des Attwengerschen Begriffs von Dialekt und Sound. Motto: Weglassen was geht damit das, was fehlt, entsteht.

2005 erscheinen „dog“ und „dog 2“, was außer Hund auch Tag übersetzt heißen kann. Sie wirken auf den ersten Blick ein wenig gefällig, gemütlich, aber die Botschaften dahinter stimmen wie eh und je. Attwenger bringen Alltagssituationen, Plattitüden und Binsenweisheiten, Volksmund und dazugehörige Gemeinplätze zusammen. Sie nehmen Stellung zu Natur und Wirtschaft, zu Geschichten über Erlebnisse während ihrer Tourneen samt Ansichten und Beobachtungen zu Österreich.

Soundwechsel mit Rock- und Hiphop-Elementen

Nach sechs Jahren Pause kommt „Flux“, in zwanzig Monaten und fünf Studios in Wien und im heimischen Linz entstanden. Flux lässt sich lesen als „flugs“, also rasch, schnell, wie im Fluge, ist aber andererseits eine Anspielung auf die in den sechziger Jahren entwickelte Kunstströmung Fluxus: Aktion und Spiel, Collage und Improvisation. Es kommt der Rock and Roll dazu und nach den akustisch reduzierten Anfängen und Hip-Hop-Experimenten sowie reichlich groovigem Elektrogedaddel ist ein rockig-elektropoppiges Album entstanden. Markus Binder beschreibt die Musik im Waschzettel so: Rock’n’Roll & Swing, Turbopolka & Speedlandler, Brass & Kantri, Dschakkabum und gelegentlich auch langsam. Die Texte behandeln mit viel Sprachwitz und einer gesunden Portion Launigkeit das Zwischenmenschliche.

"Attwenger" in New York

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Attwenger in New York 2012

2013 liegt die vorletzte Produktion vor, sie heißt „Attwenger Clubs“ und die beiden Musiker beschreiben sie kurz und bündig im Pressetext: „Ein virtuelles Attwenger-Konzert mit Live-Aufnahmen aus den Jahren 2001 bis 2012“, mehr eine Restlverwertung bisher unveröffentlichten Materials.

„Spot“ - 23 Songs in 40 Minuten

„Spot“ heißt das letzte Album und die beiden richten ihren Fokus auf die kurze Form. Zwölf Stücke mit einer Länge von zwei Minuten plus wechseln sich konsequent mit elf Jingles um die 60 Sekunden ab. 23 Songs in 40 Minuten. 25 Jahre nach dem allerersten Konzert im April 1990, dem in der Zwischenzeit 750 Auftritte in 20 Ländern gefolgt sind, kann das Publikum das Duo am neuesten Stand hören.

Attwenger bringen auf „Spot“ gewohnt bissige Dialektreime, dabei ist der Sound elektronischer geworden. Textlich werden Themen wie Alleinsein, Nichtalleinsein, leere Versprechungen, Überwachungsfolgen, Automatisierung, Schweigen ….

„890 gstanzln – best of“

Im März dieses Jahres gab es eine Lesung mit Hans-Peter Falkner im Linzer Stifterhaus. Im Rahmen einer Buch- und Verlagspräsentation der Bibliothek der Provinz hat er live gespielt und sein neues Buch „890 gstanzln – best of“ vorgestellt. Im Verlagtext heißt es: „Einen Sachverhalt so knapp und pointiert wie möglich in gesungener und gereimter Form zu beschreiben, ist das Ziel jedes Gstanzls.“ Schon 1996 erschien mit „1234 gstanzln“ eine heute längst vergriffene Sammlung dialektaler Vierzeiler. Ergänzt wurde diese drei Jahre später durch den Nachfolgeband „567 gstanzln“.

Attwenger Konzert, Wien, 13.11.2008, Markus Binder

Manfred Werner - Tsui

Markus Binder, Attwenger-Konzert in Wien 2008

Markus Binder - der Autor

Markus Binder, die schlagwerkende andere Hälfte der Attwenger hat mit „Teilzeitrevue“ sein bereits zweites Buch vorgelegt. Binders Zugang ist ein recht praktischer. Er habe ein Buch wie „Teilzeitrevue“ vermisst und es sich deshalb selbst schreiben müssen. Es ist das Reisen, das im Mittelpunkt des neuen Buches steht. Binder mischt eigenwillig Notizen, Reflexionen und Gedankensplitter zu einer Prosa, die experimentell und gesellschaftskritisch zugleich ist.

Als Umrisse einer Handlung sind erkennbar: Ein Paar unternimmt eine Flugreise nach Mexiko, es hält sich auf einem Flughafenterminal auf, fährt mit dem Zug in die nächste Stadt, zieht in der Nacht durch die Klubs, erlebt verschiedene Bands, streunt durch die Stadt, liebt und streitet sich. Nichts also für strikte Handlungsfanatiker, sehr wohl aber für Freunde des Sprachspiels und der kühnen Verbindung.

Binder weist textlich auf das kapitalistische Gezwungensein zur Rastlosigkeit hin und wie erschöpft wir davon sind. Zitat Binder: „Es ist wie der Song von ‚Ton Steine Scherben‘, einer anarchistische Rockband der 70er-Jahre: Macht kaputt, was euch kaputtmacht! - Heute heißt es allerdings: Macht euch kaputt, bis es der Firma gut geht. Selbst in Kreativkreisen wird mittlerweile alles auf Leistung und ökonomische Aspekte ausgerichtet, dass es schon peinlich ist. Und das Seltsame daran: "Allen geht es am Arsch, aber alle machen mit.“

Hier können Sie die Sendung nachhören:

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Michael Huemer / ooe.ORF.at