Zeitgeschichte - Die Tschernobyl-Katastrophe

Vertuschen, verleugnen, vergessen - Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl jährt sich heuer zum 30. Mal und ist natürlich auch bei Michael Huemer Thema am 24. April ab 21.03 Uhr in einer Sendung zu einem erschütternden Kapitel „Zeitgeschichte“.

"Die Kernkraft ist eine Energiequelle, die so sicher ist, sicherer ist als irgendeine andere Form der Energieproduktion“. Also sprach der damalige SPÖ-Bundeskanzler Bruno Kreisky sein unabdingbares Ja zur Inbetriebnahme des Atomkraftwerks Zwentendorf. Doch die Volksabstimmung am 5. November 1978 brachte ein anderes Ergebnis. 50,47 Prozent der Wahlberechtigten erteilten der Indienststellung von Zwentendorf eine Absage und nur 49,5 Prozent stimmten dafür. Die Volksabstimmung war eine politische und persönliche Niederlage für Bruno Kreisky, die dieser auch einräumte.

Atomsperrgesetz 1978 beschlossen

Das Kraftwerk gibt es heute noch, doch es ging nie in Betrieb. Im Dezember 1978 beschloss der österreichische Nationalrat das Atomsperrgesetz und damit das generelle Verbot von Atomkraftwerken in Österreich. 1999 wurde dieses Verbot der Nutzung der Kernspaltung für die Energieversorung in Österreich in den Verfassungsrang erhoben. Heute ist das Nein der Österreicherinnen und Österreicher zur Kernenergie ein Teil der nationalen Identität.

Demonstranten vor AKW Zwentendorf

ORF

Protest gegen Zwentendorf

Ein anderes Kraftwerk ist noch immer da. Als es am 26. April 1986 havarierte, gelangten große Mengen radioaktives Jod-131, Strontium-90 und Cäsium-137 in die Atmosphäre. Je nach Windrichtung zogen die Wolken mal nach Osten, mal nach Westen und schickten mit dem Regen ihre gefährliche Fracht zu Boden. In Mitteleuropa wurde Österreich am stärksten betroffen. Allein an Cäsium-137 gingen hier regional mehr als 40.000 Becquerel pro Quadratmeter nieder. Jetzt, 30 Jahre später, ist erst die Hälfte dieses strahlenden Materials zerfallen und somit unschädlich. Der Rest vagabundiert weiter in den Ökosystemen herum und reichert sich in Pilzen und Wildtieren an. Man kann davon ausgehen, dass zwischen sechs und sieben Tonnen radioaktives Material in die Umwelt gelangten. In Europa sind 6 Millionen Menschen und 145.000 Quadratkilometer Land betroffen, mehr als 300.000 Personen verloren ihre Heimat. Das unsichtbare Gift ist noch immer da.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 24.4.16

Weltweit 442 Kernreaktoren aktiv

Weltweit sind der IAEO, der Internationalen Atomenergie-Organisation zufolge 442 kommerzielle Kernreaktoren aktiv, 1986 waren es „nur“ 389. Den weltweit größten Anteil an Atomstrom im Stromnetz hat Frankreich, unter den Top 10 der Rangliste befinden sich viele österreichische Nachbarn: Deutschland, Slowenien, Slowakei, Ungarn, Schweiz und Tschechien. Während die Schweiz den Ausstieg beschlossen hat, plant Tschechien einen weiteren Ausbau, und in der Slowakei wird schon weiter ausgebaut. Nach dem Fukushima-Schock am 11. März 2011 wurde in Deutschland trotz des politischen Wechsels der Entschluss der Vor-Vorgängerregierung von SPD und Grünen bekräftigt, bis 2022 alle Kernreaktoren vom Netz zu nehmen.

Das Unglück von Fukushima

ORF

Explosion in Fukushima

Das Aus für Atomkraftwerke in Deutschland

„Das war’s“, verkündete Kanzlerin Angela Merkel, nur einen Tag nachdem die Atomkatastrophe von Fukushima an der Ostküste Japans ihren Lauf nahm und besiegelte damit das Aus für die Atomenergie in Deutschland. Insgesamt zwei katastrophale Atomunfälle, gemeinhin als Super-GAUs bekannt, zwei nukleare Unfälle in den vergangenen 30 Jahren haben dem Märchen von der Kernkraft als saubere Energie ein Ende gesetzt. Spätestens schon seit dem 26. April 1986 ist klar, dass die Kernenergie sehr hohe Risiken, zu hohe Risiken birgt.

Sowjetunion: „Tschernobyl ist Musteranlage“

In der damaligen Sowjetunion wird das Atomkraftwerk von Tschernobyl als Musteranlage gepriesen, obwohl Fachleuten etliche Mängel durchaus bewusst waren. Im Westen war über die Funktionsweise dieses graphitmoderierten Siedewasserreaktors nur wenig bekannt. Ein Grund könnte darin liegen, dass die Atommeiler nicht nur für die Stromerzeugung sondern auch für die Gewinnung von waffenfähigem Plutonium gebaut wurden. In diesem Block IV soll getestet werden, ob bei einem Stromausfall und der Abschaltung des Reaktors die Rotationsenergie der Turbinen ausreicht, um Strom für die Kühlwasserpumpen zu liefern, bis die Notstromaggregate angelaufen sind.

Reaktorleistung wird für Test reduziert

Im Normalfall wird der Energiebedarf aus dem öffentlichen Energieversorgungsnetz gedeckt. Testbeginn ist um 13.00 Uhr. Die Reaktorleistung wird reduziert, das Notkühlsystem wird entsprechend der Testprozedur ausgeschaltet. Um 14.00 Uhr muss der Test unterbrochen werden, weil aus Kiew Strom angefordert wird, die Bedienungsmannschaft verschiebt das Experiment, die Notkühlsysteme bleiben ausgeschaltet. Kurz nach 23.00 Uhr wird der Test neu gestartet, allerdings nach dem Schichtwechsel mit ganz anderem Personal als ursprünglich geplant war. Der Reaktor soll auf 25 Prozent seiner Leistung abgefahren werden.

Samstag, 26. April 1986

Um 0.28 Uhr fällt die Reaktorleistung aus bis heute ungeklärten Gründen auf unter 30 Megawatt, das ist nur ein Prozent der Nennleistung. Unterhalb von etwa 20 Prozent Leistung kann der Reaktor nicht mehr sicher gesteuert werden und wird instabil. Er müsste eigentlich laut Vorschrift abgeschaltet werden. Stattdessen fährt die Mannschaft die Steuerstäbe aus dem Reaktorkern aus, um so die Leistung zu steigern. Eine halbe Stunde später läuft der Reaktor weiter, erreicht jedoch nur sieben Prozent seiner Nennleistung. Für den Test werden etliche Sicherheitssysteme abgeschaltet, nur vier von acht Kühlpumpen sind in Betrieb. Außerdem werden zu viele Steuerstäbe aus dem Reaktorkern ausgefahren.

Kurz nach Testbeginn um 1.23 Uhr werden die Turbinenschnellschlussventile geschlossen, um das Notkühlsystem zu stimulieren, dieses war jedoch ausgeschaltet. Die Temperatur des Kühlmittels steigt und damit der Druck, 36 Sekunden nach Testbeginn versucht der Schichtleiter eine Notabschaltung. Diese besiegelt das Schicksal des Reaktors. Grund dafür ist ein Konstruktionsfehler: Beim Einfahren drücken die Steuerstäbe Graphitelemente durch den ohnehin schon instabilen Reaktorkern und verstärken so die nukleare Kettenreaktion. Innerhalb von Sekunden kommt es zu einem Leistungsanstieg auf das Hundertfache. Die enorme Hitze verformt die Steuerstäbe, die nicht weit genug in den Reaktorkern eindringen können, um ihre volle Wirkung zu erzielen, was wiederum die Druckröhren bersten lässt. Das Kühlwasser im Reaktor verdampft schlagartig. Im Abstand von wenigen Sekunden, es sind nur vier, kommt es zu zwei Dampfexplosionen, wobei das Dach des Reaktorgebäudes weggesprengt wird. Durch das offene Dach gelangt Luft in den Reaktor, das heiße Graphit gerät in Brand, der über 1000 Tonnen schwere Deckel des Reaktorkerns hebt ab und wird zerstört.

Rauch steigt kilometerhoch in die Atmosphäre und reißt große Mengen radioaktiven Staub mit sich. In den Flammen steigen die giftigen Partikel auf und der Wind verbreitet sie über ganz Europa. Um 5.00 Uhr sind die Brände außerhalb des Reaktorgebäudes durch die Werksfeuerwehr gelöscht, Block III wird abgeschaltet. Der Versuch, das Innere des brennenden Reaktors mit Wasser zu kühlen, schlägt fehl, stattdessen läuft kontaminiertes Wasser aus dem Gebäude. Noch eine halbe Stunde zuvor, also um halb fünf Uhr früh, meldet der Schichtleiter der Kraftwerksleitung, dass der Reaktor intakt geblieben sei. Obwohl überall Bruchstücke der Brennstäbe sowie Graphitelemente verstreut lagen und das bei Tageslicht völig offensichtlich war, beharrten die Operatoren bis zum Abend desselben Tages darauf, dass der Reaktor in Ordnung sei und nur gekühlt werden müsse. Inzwischen hat die Strahlung im drei Kilometer entfernten Pripyat das 600.000-fache des normalen Werts erreicht und steigt weiter an.

Tschernobyl

www.tagesschau.de

Sonntag, 27. April 1986

Die Reaktorblöcke I und II werden abgeschaltet. Es wird begonnen, den – wie es in der Fachsprache heißt - havarierten Reaktor von Block IV zuzuschütten. Aus 80 Hubschraubern werden Blei, Sand, Lehm, Bor und Dolomit in den Reaktor geworfen, um den Brand unter Kontrolle zu bringen. Rund 1800 Hubschrauberflüge samt Lösch- und Erstickungsgut bewirken den gegenteiligen Effekt. Die Temperatur steigt, selbst in 200 Metern Höhe herrschen bis zu 180 Grad Celsius. Die radioaktive Strahlung ist so hoch, dass sie nicht mehr gemessen werden kann. Die sowjetische Regierung schickt sogenannte „Liquidatoren“ für Aufräumarbeiten auf das Gelände.

Schon um 2.00 Uhr erreichten am Vortag verschiedenste Transportfahrzeuge Pribyat, die allerdings noch außerhalb der Stadt abgestellt werden, um Panik in der Bevölkerung zu vermeiden. Sonderzüge kommen wenige Stunden später im Bahnhof der Stadt an. Die Behörden vertuschen, verleugnen, bagatellisieren, sie wissen aber, was auf sie zukommt. Die Einwohner werden gegen 14 Uhr am Nachmittag angewiesen, sich vor ihren Häusern zu versammeln und auf die Busse zu warten, die Evakuierung beginnt. Die Menschen werden angehalten, nichts mitzunehmen. Ihnen wird eine baldige Rückkehr versichert, offiziell handelte es sich um eine „vorübergehende Evakuierung“. Jeweils zwanzig Busse und fünf Lkws fahren in einem Intervall von zehn Minuten in die Stadt ein. Die Evakuierungsmaßnahmen werden von der Miliz streng überwacht. Sie durchsucht alle Gebäude und findet Personen, die versuchen, der Evakuierung zu entgehen.

Montag, 28. April 1986

Auch zwei Tage nach der Katastrophe wissen die westlichen Staaten Europas nichts von den Ereignissen. Erst als die radioaktive Wolke in Nordfinnland und in Schweden ankommt, wird Alarm ausgelöst. Der Verdacht kommt auf, dass es einen Unfall gegeben haben könnte. Nachdem die sowjetischen Behörden zunächst eine Nachrichtensperre erlassen hatten, meldete die amtliche Nachrichtenagentur TASS erstmals einen „Unfall“ im Kernkraftwerk Tschernobyl. Um 21.30 Uhr wurde in der Nachrichtensendung „Wremja“ eine entsprechende Meldung verlesen.

Dienstag, 29. April 1986

Die Wahrheit über Tschernobyl kommt scheibchenweise ans Licht. Internationale Medien berichten erstmals ausführlicher über den Unfall, offiziell gibt es kein Bild- oder Filmmaterial vom Unglücksort. US-Militärsatelliten liefern ab dem Nachmittag erste Aufnahmen und Informationen, die allerdings der Öffentlichkeit vorenthalten werden. Die Bewohner des größeren Umkreises um Tschernobyl erfahren zunächst nichts, lediglich die direkte Umgebung des Atomkraftwerkes wird in einem 30-Kilometer-Radius nach und nach evakuiert.

NHM

NHM

Mittwoch, 30. April 1986

Im sowjetischen Fernsehen wird erstmals ein Foto vom Unglücksort gezeigt, retuschiert und bekömmlich gemacht. Moskau dementiert dabei Berichte über Tausende Tote, Luft und Wasser in der Umgebung von Kiew seien in Ordnung, bisherige Messungen hätten keinen nennenswerten Anstieg der Radioaktivität ergeben. Im Laufe des Tages werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhöhte radioaktive Daten in der Luft gemessen. Der Fotograf Igor Kostin war Augenzeuge im wahrsten Sinn des Wortes. Er hat das erste Foto des Reaktors elf Stunden nach der Explosion gemacht.

Zu den ersten Einheiten, die zum brennenden Reaktor geschickt wurden, zählte die Spezialeinheit 731. Von Hubschraubern aus, zweihundert Meter über dem Höllenschlund, begann sie, Sand, Blei, Borsäure und dergleichen abzuwerfen. Nicht nur Hubschrauber und Container waren bald verstrahlt. Laut eines Zeitzeugen „strahlte jeder Soldat wie ein kleiner Reaktor“. Die Einheit wurde bald durch Zivilisten aufgestockt, über die Spezialeinheit wurde das Kriegsrecht verhängt. Die notwendige Ausrüstung für dieses Himmelfahrtskommando wurde den Neuen, den Zivilen verwehrt. Sie und andere werden Liquidatoren genannt. Mit ihren Schaufeln sollten sie das herausgeschleuderte Graphit und sonstige strahlende Brocken in den Krater zurückwerfen. Roboter aus Japan und Deutschland, die ebenfalls für Aufräumarbeiten eingesetzt werden, bleiben einfach stehen, die hohe Strahlenbelastung zerstörte ihre Elektronik. In welcher Lebensgefahr sie sich befanden, sagte den Liquidatoren niemand.

Donnerstag, 1. Mai 1986

In Süddeutschland und Oberösterreich trifft eine weitere Welle der Strahlenwolke ein. Durch heftige Regenfälle lagert sich der sogenannte Fallout, der verseuchte Niederschlag ab, vor allem das kurzlebige Jod-131 mit einer Halbwertszeit von acht Tagen und das langlebige Cäsium-137 mit einer Halbwertszeit von 30 Jahren. Der in die Erdumlaufbahn entsandte französische Erderkundungssatellit SPOT 1 lieferte den internationalen Fernsehmedien Aufnahmen von Infrarotbildern der nuklearen Rauchfahne über dem Reaktor.

Besucher vor dem vierten Reaktorblock des Atomkraftwerkes Tschernobyl aufgenommen am Dienstag, 22. März 2011

APA/Helmut Fohringer

Der Sarkophag umhüllt den Reaktor

Wenn man sich Tschernobyl nähert, hört man zu seiner Überraschung ein Geräusch, dass man nicht vermutet, weil man annehmen würde, dass das Atomkraftwerk stillgelegt wäre und die Generatoren abgeschaltet wären. Man wird begleitet von einem Knistern des Stromes in den Hochspannungsmasten. Der Strom fließt also in Tschernobyl in die falsche Richtung, nach Tschernobyl hinein und nicht aus Tschernobyl hinaus. Es ist sozusagen der falsche Weg der Energie, die dadurch von der Umgebung abgesogen wird, wo sie benötigt wird. Die Fahrt aus dem Wald heraus mündet in eine langgezogene Linkskurve.

Nach den letzten Bäumen öffnet sich eine Heidelandschaft und gibt den Blick frei auf eine Reihe von fertigen, halbfertigen und bereits wieder verfallende Gebäude, auf Kräne, auf Hochspannungsleitungen und einen weit geschwungenen Bewässerungskanal. Überragt wird das Gelände von einem Stahlturm und einer wuchtigen Betonkonstruktion: der Sarkophag von Tschernobyl, der den Reaktor völlig ummantelt. Ein Monument der Ikone für die zerstörte Hoffnung auf eine saubere und friedliche Nutzung der Atomkraft. Nicht einmal zehn Jahre hat er seine Aufgabe erfüllt.

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Hier können Sie die Sendung nachhören

Michael Huemer; ooe.ORF.at