Soundwalking in „Lust aufs Leben“

Dem Gehen in der Stadt widmet sich die Sendung „Lust aufs Leben“ im Programm von Radio Oberösterreich am Sonntagabend ab 21.03 Uhr - urbanes Soundwalking im Radio sozusagen.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 21.6.15

Tourismusbüros versuchen alles, um Menschen zu verführen, ihre Region und ihre Städte zu besuchen. Das Schlüsselwort ist dabei meistens: Erlebnis. Der Besuch einer Stadt muss einen gewissen Wert haben, man muss eine Stadt spüren können. Neueste moderne Medien wie Tablets, Apps und Smartphones machen das möglich. Aber auch sogenannte Soundwalks sind in diesem Zusammenhang von der Tourismusbranche entdeckt worden. Ausgerüstet mit diesen intelligenten Werkzeugen werden die Besucher in die Stadt geschickt.

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Audioguides erzählen den Touristen von den Sehenswürdigkeiten, die bei der Sightseeing-Tour angefahren werden. In Wien werden Grätzlspaziergänge in den Bezirken angeboten; der Friedhofstourismus, bei dem berühmte Friedhöfe mit ihren Grabstätten zum touristischen Ziel werden, boomt in den europäischen Großstädten. In der Zwischenzeit wurden Apps zusammen mit Künstlern professionell entwickelt und sollen den Aufenthalt in der Stadt unvergesslich machen. Künstler, die sich diesen Hörspaziergängen, man könnte sie auch Klangspaziergänge nennen, widmen, laden das Publikum zum genaueren Hinhören ein und damit auch zu einer Beziehung zwischen Klang und Raum. Mit unterschiedlichen und jeweils eigenen Techniken wird ein Kontext zum Hören angeboten, der es erlaubt, die klangliche Umgebung zu entdecken.

Soundwalking Haltestelle

Michael Huemer

Die Lebendigkeit und Mobilität einer Stadt zeigt sich in den Aktivitäten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, wie, wann und wo sie sich in ihr bewegen. Die individuellste Fortbewegungsart ist das Zufußgehen. Nur beim Gehen hat man die größte persönliche Freiheit in Bezug auf Richtung und Geschwindigkeit im Gegensatz zum Autoverkehr. Gehsteige, Fußgängerzonen, verkehrsfreie Straßen und Plätze sind die öffentlichen Räume, auf denen sich zu Fuß Gehende vorzugsweise durch die Stadt bewegen und ihre Abdrücke quasi in die Pflasterungen, in den Asphalt und in die Wege einschreiben. Die Art und Weise des Gehens ist individuell verschieben. Es entsteht dabei ein Rhythmus, hörbar durch den Klang der Schritte und in der Regelmäßigkeit, wie wir einen Fuß vor den anderen setzen.

Die Wirklichkeit und das Leben

Für die Wahl der Größe und der Geschwindigkeit unserer Schritte im Stadtraum gibt es verschiedene Gründe und Parameter, welche die Gehbewegung beeinflussen wie z. B. ob der Weg zum ersten Mal gegangen wird oder ob es ein bekannter Weg ist, wie sich der Untergrund in seiner Materialität, seinem Aussehen und seinem Klang befindet, Temperatur, Wetter- und Lichtverhältnisse spielen dabei eine Rolle. Das architektonische Gefüge des Raumes ist ebenso bedeutsam, denken Sie nur daran, wenn Sie durch eine Passage gehen, so hört sich das anders an als auf einem großen freien Platz. Nicht zu vergessen sind die Aktivitäten, die sich direkt oder indirekt dem Gehenden stellen, ob eben starker Verkehr herrscht oder andere Passanten vor Ort sind.

Soundwalking Haltestelle

katrinem

Komponisten, Musiker und Künstler beschäftigen sich und beziehen sich mit Klängen auf die Wirklichkeit und das Leben. Sie reagieren mit ihren Arbeiten darauf. Das wiederum hat Konsequenzen für die Reflexion darüber, was Musik ist, Themen wie Sound, Klang, Wahrnehmung, Hören, Erleben rücken immer mehr in das Bewusstsein. War das Beschäftigen und Nachdenken über körperliche Erfahrungen von und Studien über den Klang noch in den 60er-Jahren eher eine Domäne der Popmusikforschung, hat sich das in den letzten Jahrzehnten enorm verändert und erweitert. Langsam beginnen sich auch in Europa eigene Studiengänge zu etablieren, die sich mit Musik- und Kunstwissenschaft, Musikwissenschaft und Ethnologie, Architektur oder Landschaftsgestaltung beschäftigen.

„Zu Fuß im Stadtraum“

Eben so eine Auseinandersetzung mit Klang und Raum ist seit vielen Jahren ein Schwerpunkt in der künstlerischen Arbeit von „katrinem“. Ihr Fundament ist dabei eine fundierte Musikausbildung samt einer Spezialisierung auf Raumperformances und außergewöhnlichen Aufführungspraxen. Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sich die Künstlerin katrinem speziell mit dem Thema Gangbilder und Gehrhythmen. Es sind dabei Studien, Versuche und Projekte unter dem Titel „go your gait!“ – mit „gait“ ist das Gangbild gemeint – entstanden. Die in Berlin lebende Künstlerin befasst sich dabei mit Abdrücken und Mustern von Gehbewegungen im öffentlichen Raum und den damit verbundenen Wechselwirkungen von Durchgehräumen und öffentlichen Plätzen. Es interessiert sie vor allem besonders dabei, wie Menschen in städtischen Umgebungen ihre Räume zum Gehen finden, wie sie diese Pfade einnehmen und wie sich die Umgebung auf das Zufußgehen auswirkt.

„Zu Fuß im Stadtraum“ hieß eine Ausstellung von katrinem im Linzer Architekturforum Oberösterreich, die Einblick in ihr künstlerisches Schaffen und Forschen gab.

Was die Hörerinnen und Hörer in der Sendung erleben werden, ist nicht spektakulär. Es ist eine Verbeugung der Sinne vor dem Ohr, ein Klangerlebnis mit dem Ziel der Mobilmachung der Fantasie. In der Videoinstallation von „katrinem“, die im Ausstellungsraum des Architekturforums gezeigt wurde, konnte man den Rundgang am Bildschirm verfolgen. Dabei wurde bei jedem 20. Schritt ein Standbild sichtbar, das eine visuelle Orientierung während des Weges ermöglichen sollte. Dieses Standbild blieb exakt für 10 Schritte sichtbar, um dann in ein Schwarzbild überzugehen und damit den Fokus wieder mehr auf das Auditive, also das zu Hörende zu legen. Der Rhythmus der Bilder richtete sich also nach dem Gehrhythmus. Lehnen Sie sich zurück und schließen Sie Ihre Augen.

Soundwalking Haltestelle

Michael Huemer

Der Rundgang wurde am 22. April, an einem Mittwoch, aufgenommen, Startzeit: 9 Uhr 35, Länge der Strecke: 2,1 km. Wir starten am Horst-Baier-Platz vor dem Architekturforum und gehen über den Hauptplatz in die Altstadt, queren dabei die Promenade und den Adalbert-Stifter-Platz. Wir gehen durch die Arkade und das Landhaus und bemerken, wie sich der Rundgang durch die Architektur akustisch verändern kann.

Michael Huemer