90 Jahre Radio in Österreich

Am Sonntag ab 21.03 Uhr gibt es wieder Schätze aus dem Archiv von Radio Oberösterreich zu hören. Michael Huemer hat Sendungen ausgegraben, die Millionen hörten: Der Schalldämpfer – Die Technische Rundschau – Das Traummännlein kommt – Der Dschi-Dschei-Wischer.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 14.12.14

Wenn seit Oktober „90 Jahre Radio in Österreich“ gefeiert werden, so ist das eigentlich nicht korrekt. Bereits ab 1. April 1923 wurde regelmäßig Programm gesendet. Zwei Unternehmen in Wien hatten sich zusammengeschlossen, Czeija, Nissl & Co sowie Johann Kremenetzky. Sie haben sich auch gleich ein Übereinkommen mit dem Technologischen Gewerbemuseum besorgt, die Erlaubnis zum Betrieb eines Versuchssenders für Mess- und Demonstrationszwecke im Schulbetrieb.

Telegrafenverwaltung: „grober Unfug“

Mit Hilfe eines 100-Watt-Senders sendet man vom 1. April 1923 sporadisch unter dem Namen „Hekaphon“. Nach Ansicht der Telegrafenverwaltung handelt es sich bei den Versuchssendungen um groben Unfug. Doch die Rechtslage ist so verwirrend, dass es vorerst nicht möglich ist, gegen die Sendungen einzuschreiten. Erst nach nach neun Monaten wird entschieden, dass der Sendebetrieb illegal und der Sender stillzulegen ist.

Die gesamte Sendung hören Sie hier:

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2.9.1923: Erste offizielle Rundfunksendung

In der Zwischenzeit sendet „Radio Hekaphon“ ohne Konzession im Einmannbetrieb des Technikers Oskar Koton unbehelligt weiter. Koton war Konstrukteur, technischer Direktor, Sprecher und Pianist in einer Person. Die quasi erste offizielle Rundfunksendung Österreichs findet am 2. September 1923 anlässlich der Eröffnung der Wiener Herbstmesse mit einer Ansprache des Bundespräsidenten statt - übertragen eigentlich vom ersten Piratensender Österreichs Radio Hekaphon.

Prominente Künstler wie der spätere Burgtheaterdirektor Raoul Aslan und das Quartett Bert Silving verbreiteten bei den Sendungen Studioatmosphäre und trotzdem wurde Radio Hekaphon aus der Geschichte und aus der Radiochronik beinahe gestrichen.

Ausstellung Studio 3, Tirol

ORF

Sendebetrieb startete

Die RAVAG, der Name ist eine Kurzform der offiziellen Bezeichnung „Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft“, ist der Vorläufer des späteren ORF. Sie nimmt am 1. Oktober 1924 ihren Sendebetrieb auf. Dieses Datum gilt als Geburtsstunde des Radios im heutigen Sinne, das Radio als Massenmedium. Aber auch schon damals gab es spöttische Bezeichnungen für die RAVAG, nämlich „rationelle Ausnützung von alten Grammophonplatten“.

„Der Schalldämpfer“

Bert Breit hat die Signation „Der Schalldämpfer“ komponiert, offiziell hieß sie „Old fashioned“, sie war am 4. Mai 1969 zum ersten Mal zu hören. Über die Melodie wurde die Stimme Ernst Grissemanns gelegt. Die Sendereihe, die zunächst auf Ö3 und später auf Ö1 sonntäglich ausgestrahlt wurde, kündigte man zunächst als eine „satirische Sendung mit Axel Corti“ an.

Radiogerät

ORF

Generalintendant Gerd Bacher hatte dem jungen, vielseitig talentierten Axel Corti aus dem Landesstudio Tirol angeboten, eine Glosse zu produzieren, ganz nach eigenem Gutdünken, um „Qualität über den Sender zu bringen“ wie er meinte. Bacher hatte auch Cortis Bedingung akzeptiert, seine Texte niemandem zur Genehmigung vorlegen zu müssen. Die sonore Stimme Cortis unterbrach gewissermaßen das größtenteils auf Musik ausgerichtete Programm von Ö3.

Fremdkörper am Nachmittag

Zusammen mit der „Musicbox“ wirkte der Schalldämpfer wie ein Fremdkörper am Nachmittagstermin. Er dämpfte mit dem Ertönen seiner Kennmelodie augenblicklich die unbedarfte Popfröhlichkeit. Die Themen waren vielfältig und erstreckten sich über Alltagsbeobachtungen bis hin zur politischen Kultur in Österreich. Die Sendung lebte nicht nur von den klugen Inhalten und Aussagen Cortis, sondern auch von seiner unvergleichlichen Stimme.

Axel Corti begann bei Radio Innsbruck

Axel Corti war am 7. Mai 1933 in Paris als Axel Fuhrmann auf die Welt gekommen. Sein Vater war österreichisch-italienischer Herkunft, seine Mutter stammte aus Berlin. 1943 flüchtete er mit seiner Mutter aus Frankreich in die Schweiz, seinem Vater, der Mitglied der Resistance war, wurde kein Asyl gewährt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Familie aus der Schweiz ausgewiesen, sie zieht nach Italien, England, Deutschland und schließlich Österreich. Hier beginnt Axel Corti in Innsbruck mit dem Studium der Germanistik und Romanistik. Ab 1953 ist er für Radio Innsbruck tätig.

Kurz nach dem Ableben Cortis am 26. Dezember 1993 passierte das, was einem Dokumentar und einem Archivar die Haare zu Berge stehen lässt. Es wurde bekannt, dass fast alle Original-Bandmitschnitte bis auf wenige Ausnahmen gelöscht wurden. Die Gründe dafür blieben verborgen. In einer aufwendigen Rückholaktion konnte mit Hilfe von privaten Kassettenmitschnitten einige CDs mit Ausgaben des „Schalldämpfers“ der Nachwelt erhalten werden.

Altes ORF-Landesstudio

ORF

„Dschi-Dschei-Wischer“

Wissen Sie eigentlich, was ein Wischer ist? Und haben Sie eine Idee, wie Wischer aussehen? Das ist auch unnötig, denn wovon ein Wischer erzählt, das versteht jedes Kind: Von Streit und Versöhnung mit Senioren, von Ärger mit dem Schwesterwisch, von Abenteuern, Freundlichkeiten und Traurigkeiten. Von allem also, was einen Jungwisch in der tiefsten Seele bewegt.

Hinter dem Dschi Dsche-i Dschunior steckt Christine Nöstlinger, 1936 geboren, Tochter eines Uhrmachers und einer Kindergärtnerin. „Haudi, Kollegen!“ – so begrüßte die Radiofigur im Kalenderjahr 1979 an jedem Schultag die Zuhörer im Ö3-Wecker. 1979 wurde von der UNO das „Jahr des Kindes“ ausgerufen und Hubert Gaisbauer hatte die Idee, dafür eine Serie zu produzieren. Es sollten die Anliegen der Kinder in den Mittelpunkt gestellt werden, aber kein Nischendasein im Kinderfunk führen. Am morgendlichen Sendeplatz konnte so etwa eine Million Zuhörer aller Altersstufen erreicht werden.

Ein präpubertäres, bereits schulpflichtiges Wesen

Dschi-Dschei-Wischer ist also eine Kunstfigur, ein präpubertäres, bereits schulpflichtiges Wesen. Auch die Sprache, derer sich Dschi-Dschei-Wischer bedient, ist eine Kunstsprache. Man könnte sie als Schülerslang bezeichnen, die voller Komik steckt. Gerade die Sprache macht den hintergründigen Humor von Christine Nöstlinger deutlich.

Es handelt sich um die technisch verzerrte Stimme von Burgschauspieler Wolfgang Hübsch, der als Sprecher sämtlicher Figuren fungiert, voll von komisch knapper Präzision mit eigenen Wortneuschöpfungen oder Bandwurmwörtern.

Christine Nöstlinger: immer auf Seite der Kinder

Christine Nöstlinger, die sich einmal selbst als höchst produktive „Ein-Mann-Buchstabenfabrik“ bezeichnet hat, setzt sich so auf humorvolle Weise mit Problemthemen auseinander, sie kombiniert realistische Milieuschilderung, Sozialkritik und Phantasie in einer Sprache mit eigenwilligen Neuschöpfungen.

Und die Kinder konnten sich so mit Dschi-Dschei identifizieren. Nöstlinger bleibt sich bei allem Humor stets treu. Sie steht immer auf der Seite des Kindes und setzt sich immer für die Gefühle der Kinder ein.

Radiomikrofon

www3.ebu.ch

Technische Rundschau

Samstag, 16.50 Uhr, Ö1. Manche stellten sich den Wecker, um nur ja nicht den Termin zu verpassen. Für viele, auch Jugendliche, war die Sendung um diese Uhrzeit eine Pflicht, vor allem für Technikinteressierte. Ganze Generationen haben zugehört, wie beispielsweise Raumschiffe, Computer oder ein Faxgerät funktionieren. Es begann immer unspektakulär, zeitweise ohne Kennmelodie.

Hugo Kirnbauer „Für den Radiobastler“

Ing. Hugo Kirnbauer hieß der Moderator und Gestalter der technischen Rundschau. 1918 in Wien geboren war Kirnbauer Radiopionier, Radioautor und Techniker. Begonnen hat seine Karriere 1947 beim amerikanischen Sender Rot-Weiss-Rot. Der HTL-Absolvent erklärte in der Sendung „Für den Radiobastler“, wie man aus Wehrmachtsgerümpel heißbegehrte Empfangsgeräte baut.

Ab 1967 von Radio Oberösterreich produziert

Ab 1955 wird die Sendereihe vom ORF übernommen und erhält einen neuen Namen: „Die Technische Rundschau“. Ab 7. Oktober 1967 wird die Sendung im Landesstudio Oberösterreich produziert und in Ö1 an jedem Samstag ausgestrahlt. Die Zielsetzung bestand darin, „laufend über alle aktuellen technischen Entwicklungen und Ereignisse allgemein verständlich und dabei doch wissenschaftlich exakt zu berichten“.

Kirnbauer redete mit monotoner, leicht blecherner Stimme, mit vibrierendem Unterton, aber vor allem mit großer Begeisterung. Ab und zu schiebt er Kommentare ein wie „Autos mit Schallgeschwindigkeit sind interessant, aber genauso sinnlos wie der Formel-Eins-Zirkus“.

Unwort „bemannt“

Auch die erste Mondlandung 1969 „sei keine wissenschaftliche Notwendigkeit gewesen“, sondern eine „technisch-propagandistische Aktion der Amerikaner gegen die Sowjets“. Bemannte Mars-Missionen hielt er überhaupt für überflüssig. „Mit Robotern ist praktisch dasselbe zu erreichen“ meint Kirnbauer. Und überhaupt das Wort „bemannt“ nimmt Kirnbauer ohnehin ungern in den Mund: „Da kommen gleich die Emanzen.“ Der Moderator und Gestalter wurde von Kollegen hier im Linzer Landesstudio als charmanter und wacher Grantler beschrieben.

Er verfügte auch über das notwendige Selbstbewusstsein. Die Sendung wird zum „longseller“ von Ö1, wenn man die Vorgängersendung „Für den Radiobastler“ noch dazuzählt, dann hatte die allwöchentlich gesendete Technische Rundschau eine Laufzeit von 50 Jahren. Sie würde sogar „Autofahrer unterwegs“, die 42 Jahre lang ausgestrahlt wurde, übertreffen.

1997 geht Hugo Kirnbauer in Pension und wird für die Sendereihe mit dem Goldenen Verdienstzeichen des Landes Oberösterreich ausgezeichnet. Neun Jahre konnte er noch den Ruhestand genießen, 2006 ist er in Linz am 2. Mai gestorben.

Zwei Mädchen hören Radio, 1924

ORF

„Das Traummännlein“

Das Lesen einer Geschichte vor dem Einschlafen sollte eigentlich ein festes Abendritual in den Familien sein. Es ist ja hinlänglich bekannt, dass abendliches Vorlesen den Grundstein zur optimalen Förderung eines Kindes legt und der entscheidende Beitrag zur Lesesozialisation ist.

Eine Gute-Nacht-Sendung gab es bereits beim Sender Rot-Weiß-Rot: Das Sandmännchen. Marga Frank, auch „Tante Marga“ liebevoll genannt, war seit 1945 bei der RAVAG tätig. Zehn Jahre später wird sie Leiterin des Kinderfunks und konzipierte als Nachfolger des Sandmännchens das Traummännlein.

Für Generationen

Am 5. September 1955 wurde es zum ersten Mal ausgestrahlt, die Titelmelodie war das Wiegenlied „Guten Abend, gut‘ Nacht“ von Johannes Brahms. Sie sollte nach der Sonntagmorgensendung von Heinz Conrads zur meistgehörten Serie des späteren ORF werden. Für Generationen von Kindern war es ein vertrautes Ritual. Und Generationen von Eltern waren Marga Frank beim allabendlichen Schlafenlegen der Kinder dankbar.

Von 18.55 bis 19.00 gab es jeden Tag eine zirka fünfminütige Erzählung, in der es um Teddys, Haustiere, Zauberer und andere Figuren in einer heilen Kinderwelt ging. Danach musste man ins Bett und das ohne Widerrede. Es gab keine An- und Absagen mit Namen, wer die Geschichte geschrieben hat, wer es spricht, weil das Traummännlein das Traummännlein war und das behielt Marga Frank für sich.

On Air

Thomas Riha

40 Jahre „on air“

Ich werde für Sie zwei Geheimnisse lüften: Die Geschichten stammten von Mira Lobe, Christine Nöstlinger, Käthe Recheis, Leo Parthé, Werner Löw und vielen anderen. Auch ein gewisser Jack Unterweger lieferte regelmäßig Beiträge. 1967 kommt es zu einem Sprecherwechsel und auch einer Änderung der Signation, die Norbert Pawlicki komponierte. Vorher soll noch ein zweites Geheimnis offengelegt werden. Wer war eigentlich der Sprecher der Gute-Nacht-Geschichten?

Die Person hinter dieser wirklich markanten Stimme ist Peter Gruber, ein Schauspieler, übrigens ein Großneffe Gustaf Gründgens. 40 Jahre konnte man „Das Traummännlein kommt“ jeden Tag hören, im Juni 1995 war dann Schluss.

Michael Huemer