Die Rolle der Musik im Ersten Weltkrieg - Teil 2

Im 1. Teil der dreiteiligen Hörserie wurden Original-Tonmaterial und Kriegsmusik vorgestellt, die von den kriegsbeteiligten Staaten als Waffe eingesetzt wurde. Teil 2 trägt den Untertitel: „Musik zum Trost und zur Trauerbewältigung“.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 12.8.18

Die Menschen von 1914 zogen vielfach jubelnd ins Gefecht. Die Militäruniform zeigte noch jene Wirkung, die sie in Friedenszeiten ohne Gefahr für Leib und Leben ausüben konnte. Militärs prägen das Straßenbild aber auch die Unterhaltungskultur. In der österreichisch-ungarischen Monarchie und im deutschen Kaiserreich dienten beispielsweise patriotische Lieder dazu, den Kampfeswillen der Truppen zu stärken.

Musik fördert Disziplin

Musik steigert aber nicht nur die Motivation. Sie fördert auch Disziplin, Rhythmus und Takt im Dienst von Hass und Gewalt. Das gemeinsame Singen von Liedern dient der Formationsbildung, der Herstellung einer Gruppenidentität und dem Marschieren im Gleichschritt. Gleichschrittmusik macht Körper zu Gleichschrittmaschinen und psychisch zu Gleichdenkenden, da bietet sich am besten der Marsch und österreichische Militärmusik an, gespielt von Militärkapellen der k.u.k.-Infanterie-Regimenter. Zu den bekanntesten österreichischen Märschen zählt der „Deutschmeister-Regiments-Marsch“ von Wilhelm August Jurek. Er komponierte diesen während der Ableistung seiner Militärzeit bei den Hoch- und Deutschmeistern.

Wirkung der Marschmusik

Der Wirkung von Marschmusik konnte sich kaum einer entziehen. Ein kleiner musikalischer Vergleich einhundert Jahre später. Was sich amerikanische GI‘s während des Irakkrieges hineinzogen, klingt ziemlich anders. "Welche Musik benutzten die Menschen, um während des Krieges zu überleben? Wie half Musik den Soldaten im Feld? Was hörten Menschen an der Front, in der Etappe und in der Heimat?

Von der Schulbank, vom Traualtar, vom gerade erst übernommenen Bauernhof weg werden junge Männer ins Feld geschickt. Jeder Zweite, der im Krieg sein Leben verlor, ist noch nicht einmal 30 Jahre alt. Im letzten Kriegsjahr liegt das Durchschnittsalter der Gefallenen gar nur bei 19 Jahren. Zuhause bleiben Eltern, Freunde, Frauen mit kleinen Kindern, die den täglichen Kampf ums Überleben alleine meistern müssen.

Frauen übernehmen Männer-Arbeiten

So sind es denn auch die Frauen, die die Arbeitsplätze der an der Front kämpfenden Männer einnehmen, um ihre Familien versorgen zu können. Ob Briefträgerin, Arbeiterin in der Rüstungsindustrie, in Munitions-, Textil- oder Stacheldrahtfabriken, Schaffnerin, Straßenkehrerin, im Laufe des Krieges wurden Frauen in fast allen Männerberufen tätig. In Berufen und Positionen, die zu Friedenszeiten noch außer Reichweite gewesen waren. Sie werden sozusagen zu den „Soldaten im Hinterland“, die mittels Feldpost mit den Soldaten an der Front den Kontakt halten. Das Feldpostsystem ist gut ausgebaut, unter dem wachen Auge der Zensur legen Feld- und Bildpostkarten sowie Kriegsbriefe oft tausende Kilometer zurück, bevor sie ihre Adressaten erreichen.

Gemälde Frau als Schaffner

ORF/Stadt Melk

Schon nach Kriegsbeginn reden die Heerführer immer nur von Entscheidungsschlachten. Truppen werden über weite Distanzen mit der Bahn hin und her manövriert, um je nach taktischer Ausrichtung und militärischer Lage den Gegner zu umzingeln, einzukesseln oder ihm auszuweichen. Für den einzelnden Soldaten manifestiert sich dieser Bewegungskrieg in ständigem Drängen und Hasten. Da auch die Nachschubeinrichtungen nur langsam vorankommen, geht die Masse der Truppen bereits physisch erschöpft ins Gefecht.

Unempfindlich gegen Verlustzahlen

Das Feuer der Repetier- und Maschinengewehre mäht die ersten Linien nieder, die weiter hinten agierenden Infanterielinien brechen unter dem Granat- und Schrapnellfeuer der Artillerie zusammen. Es ist erstaunlich, dass sich die militärischen Führungsstäbe in der ersten Kriegsphase weitgehend unempfindlich zeigen gegen die gewaltigen Verlustzahlen. Sie glauben noch immer an eine rasche Entscheidung und an die alte Handarbeit des Schwertes im Kampf Mann gegen Mann. Sie befehlen immer noch Bajonettangriffe gegen Maschinengewehre, Handgranaten, Panzer, Flammenwerfer, ganz zu schweigen von Giftgas. Die Mentalität der Kommandierenden hielt mit der technischen Modernisierung des Militärs nicht Schritt.

„Das einzige, was mir wirklich zu Herzen geht, ist der Gedanke an die Pferde. Ich verfluche Gott dafür, dass er es zulässt, wie stumme Kreaturen gequält werden.“

Etwa acht Millionen Pferde starben während des Ersten Weltkriegs. Der Grund: Massenweise - vor allem im ersten Kriegsjahr - schickten die Armeen berittene Truppen an die Front. Die mit Maschinengewehren ausgestattete Infanterie schoss die Kavallerie einfach vom Schlachtfeld.

Medienkampagnen zur ideologischen Musikverbreitung

Schon bald kam es zu ersten, gezielten Medienkampagnen seitens der Regierungen zur ideologischen Musikverbreitung. Neben den europaweit für den Weltkrieg bewusst produzierten Schellacks wurden die deutschsprachigen Länder von etwas überschwemmt, das bisher beinahe unbekannt war: „Phonola“, die besondere Papierlochstreifen-Technik.

Um 1911 war die Ludwig Hupfeld AG in Leipzig bereits auf dem Markt. Sie war die größte Fabrik für selbstspielende Klaviere mit über 1.500 Mitarbeitern und stellte auch Notenrollen her. Diese lieferten die neuesten Musikstücke und Melodien, die eben auf Notenrollen gestanzt waren. Die Phonola selbst war ein Klavier. Man konnte darauf selbst klimpern und auch die Notenrollen abspielen. Zielgruppe von Ludwig Hupfeld war das gehobene Bürgertum, denn ein Phonola-Pianino war etwas teurer als ein gutes Klavier, es wurde 1913 ab 1.550 Mark, das wären heute 6.500 Euro, je nach Ausführung angeboten.

„Hupfelds Original Tongemälde Weltkrieg 1914“

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellten sich Komponisten, Texter und Verleger in großer Eile auf die Produktion kriegsverherrlichender und nationaler Lieder um. Eine Notenrolle sticht dabei heraus. „Hupfelds Original Tongemälde Weltkrieg 1914“, weil es den Weltkrieg musikalisch umsetzt und den Krieg zu Ohren bringt. Es handelt sich um ein Potpourri von 24 Melodien wie Choräle, Volkslieder, Vaterlands- und Soldatenlieder, Märsche und Nationalhymnen, die aneinandergereiht in einen textlichen Zusammenhang gestellt wurden.

„Niemals ist das Befreiende, Beflügelnde, Entführende der Musik stärker empfunden worden als in diesen Tagen; niemals ist die Sehnsucht nach ihrer Botschaft intensiver gewesen.“

Vor 1914 geht niemand von einem länger andauernden Konflikt aus. Keine europäische Macht ist daher auf die Folgen eines mehrere Jahre dauernden Weltkrieges vorbereitet. Gleichgültig ob es sich um Rohstoffe, Nahrungsmittel oder Kriegsmaterial handelt; es sind keine Reserven vorhanden, um die enormen Verluste auszugleichen.

Ab Herbst 1914 wird auch der politischen Führung klar, dass der Krieg so bald kein Ende finden wird. Die Wirtschaft muss mobilisiert, d. h. rasch auf Kriegsbetrieb umgestellt werden, das wiederum harte staatliche Interventionen nach sich zieht. Der Staat greift immer mehr in das Leben der Menschen im Hinterland ein. Ab dem Frühjahr 1915 darf Brot nur mehr gegen Brotkarten verkauft werden, Zucker, Milch und Fett werden rationiert. Und einmal eingeführt, lassen sich die Rationen laufend senken.

Foto vom  dem Kriegsgefangenenlager im ersten Weltkrieg

ORF

Schlager prägen die Unterhaltungskultur

Um die Produktivität zu erhöhen wird die Sommerzeit eingeführt: Je länger der Tag dauert, desto mehr können die Menschen arbeiten. Trotzdem werden die Schlangen vor den Geschäften länger und der Unmut wächst. Die Qual der täglichen Überlebenskämpfe und die demütigenden Erlebnisse des Anstellens und Hamsterns schaffen ein Klima des Aufruhrs. Jetzt muss Ablenkung und Zerstreuung her. Schlager prägen die Unterhaltungskultur und die Menschen lassen sich auch gerne ablenken. Vicky Leandros landete 1974 mit dem Schlager „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ einen großen Hit.

Wenn man sich die Vorgeschichte dieses Schlagers ansieht, muss man wissen, dass er bereits 1915 von den beiden Österreichern Fritz Löhner-Beda und Artur Werau veröffentlicht wurde, aber da heißt er „Rosa, wir fahr’n nach Lodz“. Die polnische Stadt Lodz erlebte im 19. Jahrhundert einen industriellen Aufschwung.

Franzls schwere Braut Rosa

Weite Teile der Landbevölkerung verließen die Dörfer und zogen eben in diese Stadt. Lodz galt als Industriemetropole. Die „Rosa“ ist ein schweres Artilleriegeschütz, ein 30,5 Zentimeter-Mörser, der als österreichische Wunderwaffe von den böhmischen Skoda-Werken hergestellt wurde.

Im österreichischen Text, den Karl Ujvari singt, ist Franzls schwere Braut Rosa also eine Kanone, mit der er die Hochzeitsreise nach Lodz antritt. Die „Rosa“ war das Pendant zur „Dicken Bertha“ der Deutschen. „Dick“ wegen des gewaltigen Umfanges der Geschützrohre. Die „dicke Bertha“ galt als die deutsche Wunderwaffe und war ein Artilleriegeschütz der Firma Krupp in Essen.

Je weiter der Krieg fortschritt, desto entbehrungsreicher wurde er für die Menschen. Und trotzdem: Sie vertrauen noch immer gottselig auf den Kaiser und das Militär. Dabei bekunden die Wiener auf ihre spezifische Art und Weise ihren Patriotismus und ihre Loyalität zum greisen Kaiser.

Serie Erster Weltkrieg: Automobile

ORF

„Gold gab ich für Eisen“

Franz Niernsee sang 1915 ein Wienerlied, indem das alter Muatterl dazu bewegt werden soll, ihren letzten Goldring für die Erzeugung von Waffen zu spenden. Das Lied hat einen berühmten Kriegsslogan: Die treue Bevölkerung erhielt für ihre Spende einen eisernen Ring oder eine Medaille mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“.

Die Absurdität des Krieges erfährt im Sommer 1915 mit dem Kriegseintritt Italiens noch eine Steigerung. Ein neuer Kampfschauplatz tut sich hoch oben in den Alpen auf. Mit Unterstützung der örtlichen Bevölkerung, Kriegsgefangener und Freiwilliger werden Mensch, Tier und Material in Eisregionen bis weit über 3000 Meter gebracht. Von Mai 1915 bis 1918 standen einander in den Dolomiten Kaiserjäger, Standschützen und Infanteriegruppen der österreichisch-ungarischen Monarchie sowie deutsche Gebirgsjäger einerseits und italienische Alpini-Soldaten andererseits in einem Stellungskrieg gegenüber. 150.000 Menschen sterben im Alpenkrieg. Die meisten verhungern, erfrieren oder werden unter Lawinen begraben.

„Wenn man für die Nachwelt nach einem Sinnbild des Ersten Weltkrieges suchen würde, dann würden es der Grabenkrieg, der Stacheldraht und der Schützengraben sein. Millionen von Soldaten versinken in ihm im Schlamm oder lassen ihr Leben, nur um winzige Geländegewinne zu erzielen“.

Die Zither immer dabei

Wie schon erwähnt: zu Beginn des Ersten Weltkriegs bereiteten sich alle beteiligten Streitkräfte auf einen kurzen Krieg vor, der in seinen Taktiken den vorangegangenen Kriegen gleichen sollte. Bald erkannten sowohl die deutschen als auch die alliierten Truppen, dass auch die kleinste Deckung es ermöglichte, einen Angriff relativ problemlos zurückzuschlagen. Frontale Angriffe von Mann zu Mann führten nur zu dramatischen Verlusten. An der Westfront wurde ein Grabensystem erstellt, das sich von der Nordsee bis zur Schweiz erstreckte.

Das Gelände zwischen den feindlichen Schützengräben wurde als Niemandsland bezeichnet, der Abstand lag meistens bei 100 bis 250 Metern. Stacheldraht und andere Barrieren wurden davor platziert, um den Vormarsch feindlicher Truppen zu verlangsamen. So musste der Angreifer erst den Drahtverhau vor den feindlichen Gräben mühselig entfernen, in der Zeit konnte er gut unter Beschuss genommen werden. Josef Bauer vulgo Kraudn Sepp, er wurde in Bad Tölz geboren, wurde zwei Jahre nach Kriegsbeginn zum Militär eingezogen. Er war Fahrer und hatte immer seine Zither dabei. Wenn er nach seinen Kriegserfahrungen befragt wurde, hat er zwar nie etwas erzählt, aber eventuell den „Schützengraben“ gesungen. In sieben Strophen schildert er mit beißender Ironie die Vorzüge des Soldatenlebens.

Über den Tod wird nicht gesungen

Nicht gesungen wird über den Tod, über Verwundung und seelischem Zusammenbruch, nicht über den Stress, den Lärm der Artillerie und das zur Routine gewordene Töten. Die Belastungen waren für viele zu schwer, um sie noch bewältigen zu können. Sie litten unter posttraumatischen Störungen, die man unter „Shell Shock“ zusammenfasste. Der Volksmund sagte dazu „Kriegszitterer“. Kriegszitterer konnten nicht mehr sprechen und sich kaum bewegen. Sie zitterten am ganzen Körper, und das tage-, wochen- oder sogar monatelang. Nachsatz: Nicht selten wurden die Zitterer als Simulanten und Tachinierer denunziert. Und Stacheldraht wurde ursprünglich in Amerika zur Einzäunung von Weidegründen entwickelt. Heute symbolisiert er brutale Regime und Missachtung der Menschenrechte.

Erster Weltkrieg: Kriegsalltag in Kärnten

ORF

Nachdem der Erste Weltkrieg fast schon drei Jahre auf den europäischen Schlachtfeldern getobt hatte, gaben die Vereinigten Staaten von Amerika ihren Kurs des Isolationismus auf. Am 2. April 1917 erklärte Präsident Woodrow Wilson Deutschland den Krieg. Mit dem Kriegseintritt wollte man Europa den Frieden und insbesondere dem Deutschen Reich demokratische Verhältnisse bringen. Bei der großen Chance, das Leben zu verlieren, wurden schwarze Amerikaner nicht wie gewöhnlich diskriminiert. Sie durften mitkämpfen, wenn auch in getrennten Regimentern, insgesamt wurden 380.000 afroamerikanische Soldaten rekrutiert. Mit ihnen kam auf breiter Front der Jazz nach Europa. Nach Kriegseintritt wurde eine Reihe schwarzer Militärkapellen gebildet, unter denen einer der Musiker hoffnungsvoll meinte:

„Alexander’s Ragtime Band"

„Wenn der Kaiser jemals eine gute synkopierte Melodie hörte, würde er sich selbst nicht so ernst nehmen.“ Von Irving Berlin stammt ein Song aus der Vorkriegszeit, betitelt „Alexander’s Ragtime Band“, der in der Melodie verändert und im Text aktualisiert wurde. Darin heißt es:

„Der Ragtime wird die Deutschen in Trance versetzen, sie werden ihre Gewehre wegwerfen und anfangen zu tanzen. Hipooray!“

Selbstverständlich unterlagen alle Lieder in Frankreich einer strengen Zensur und das Musizieren und Singen in der Öffentlichkeit einer ebenso strengen Kontrolle. Beliebter waren aber nicht diese offiziellen Lieder, sondern die, die sich an der Front sozusagen „von selbst“ langsam durchgesetzt haben. Der Kriegsschlager schlechthin war „Quand Madelon“, getextet von Louis Bousquet und komponiert von Camille Robert. Er wurde deswegen so bekannt, weil im Inhalt wesentliche Merkmale des Soldatendaseins in der Kaserne und an der Front angesprochen wurden: Heimweh, sexuelle Not und Gruppengefühl. Dem Lied hat es auch nicht geschadet, daß „Quand Madelon“ weder von Ängsten noch von Gräueln handelt und dass es auch nicht den Krieg beschönigt. Madelon ist eine französische Koseform des Namens Magdalena.

Hier können Sie Teil 2 nachhören:

Hier können Sie Teil 1 nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at