„Autofahrer Unterwegs“ - Ein Stück Radiogeschichte

Heuer wird das Jubiläum „90 Jahre Radio in Österreich“ begangen. Das ist Anlass und Grund genug, in der Sendung „Lust aufs Leben“ einige unvergessliche und historische Radiosendungen zu präsentieren. Am 27. April steht ab 21.03 Uhr ein Rückblick auf „Autofahrer Unterwegs“ auf dem Programm

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 27.4.2014

„Blende auf“ heißt der schmissige Titel einer Signation, die 15.153 Mal ausgestrahlt wurde und dem Komponisten Werner Müller durchaus einiges an Tantiemen gebracht hat. „Autofahrer unterwegs“ entstand mit der Motorisierungswelle, die in den 50er-Jahren in Österreich anrollte. Damals besaß nur jeder 30. Österreicher ein eigenes Auto.

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Am 8. April 1957 wurde zum ersten Mal gesendet. „Autofahrer unterwegs“ begann also in einer Zeit, in der in Österreich nur sehr wenige Strecken auf der Autobahn zurückgelegt werden konnten. Auch waren zu dieser Zeit kaum PKWs mit einem Autoradio ausgestattet. Autos mit Radio – kaum vorstellbar, eher Lenker, die mit englischer Sportkappe und Lederhandschuhen ihr Gefährt chauffierten. Die große Mehrheit der Österreicher war mit Bahn, Bus und Tramway unterwegs.

Oldtimer

APA/FLASH/HPK

Das als Servicesendung gedachte Programm rechnete damit, dass Autofahrer, die quer durch das Land unterwegs waren, zur Mittagszeit ein Gasthaus ansteuern würden und dass dort zu Mittag „Autofahrer unterwegs“ zu hören sein würde. Das war auch tatsächlich meist der Fall. Man kann daher annehmen, dass sich die meisten Zuhörer, die das mittägliche Rendezvous nicht verpassen wollten, zu Hause aufhielten. Und das täglich im 2. Programm mit regionalen Angeboten für die noch stark von der Landwirtschaft geprägte Bevölkerung. Für die gute Hausfrau und Mutter signalisierte die Kennmelodie die Halbzeit im Tagwerk und dass schön langsam hungrige Kinder aus der Schule kommen würden.

Louise Martini war eine der ersten Moderatorinnen

Die Schauspielerin Louise Martini zählte mit dem Nachrichtensprecher Emil Kollpacher zu den ersten Moderatoren von „Autofahrer unterwegs“, wobei damals der Begriff „Moderator“ bzw. „Moderatorin“ noch unbekannt war. Man sprach damals noch von Radiosprechern.

Sie waren mehr Conferenciers, die keine fertig formulierten Texte verlasen, sondern live aus dem Stegreif zu agieren hatten. Sie husteten auf jedwedes Format, aufs wissenschaftliche Unterfutter, dafür hatten sie Herz, jede Menge Routine, Schmäh und Geschäftssinn. Von der Werbung für ein Mittel gegen Altersgicht glitten sie plaudernd und zwanglos über zu Verkehrssicherheit und praktischen Tipps für versierte Bastler, um schließlich wieder bei Suppenwürfel von Knorr zu landen oder dass Malzkaffee für die Gesundheit lebenswichtig sei. Es gab keine Computer, keine Regieassistenten, keinen Sendungsverantwortlichen, nur einen Toningenieur. Jeder Sprecher brachte seinen Plattenstapel für die Sendung selbst vom Funkhaus mit. Die gespielte Musik war eher etwas für die Hörer 50+, volkstümliche Musik, Blasmusik und Schlager. Ralf Bendix, Peter Alexander, Connie Francies, Rocco Granata, Peter Kraus, Conny Froboess, Roy Etzel, Gus Backus und andere waren damals die Crème de la Crème.

Lange Zeit wurde die Sendung mit Publikum live aus dem Festsaal im Ausstellungs- und Einkaufszentrum, besser bekannt als AEZ, an der Wiener Landstraße im 3. Wiener Gemeindebezirk gesendet, immer wieder aber auch aus Orten in Österreich und gelegentlich aus dem Ausland.

Rosemarie Isopp und Walter Niesner

Rosemarie Isopp und Walter Niesner wurde fast so popular wie Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Die Isopp war die Quicklebendige, angeblich recht vergesslich; der Niesner war der milde Opa. Niesner war es, der mit unbeirrbarer Sturheit an das Gute im Menschen glaubte. Er war es, der den Begriff „Straßenkamerad“ verwendete. Er war es, der mit väterlicher Sorge und der gehörigen Portion Strenge Schulbuben zur reuigen Umkehr nach Hause bewegte, nachdem sie ausgerissen waren.

Die Moderatoren und Moderatorinnen schienen wie Familienangehörige, die man immer gerne trifft. Und so gehörten sie zu den bekanntesten Personen in Österreich. Zwei Millionen tägliche Hörer – eine Traumquote. Die Moderationen waren immer mit Bedacht und höflich. Kaum wurde jemals etwas Kritisches berichtet, nie ein Gast provoziert. Nicht einmal Politiker brauchten in der Sendung zu fürchten, mit unangenehmen Fragen konfrontiert zu werden.

Brigitte Xander und MIchael Schrenk

Brigitte Xander moderierte von 1995 bis 1999. Günther Frank, der perfekte Peter-Alexander-Verschnitt, Hubert Wallner, Michael Schrenk, Günther Bahr, Herbert Suchanek – unvergessliche Namen, die sich ihr Plätzchen im Radiohimmel schon gesichert haben. Herbert Suchanek moderierte bis vor 1988. Einer ist mir persönlich immer in Erinnerung geblieben, weil er einen ziemlich komplizierten Familiennamen hatte. Das war der Herr vom ÖAMTC, der Verkehrsmeldungen vortrug. Im Winter las er elend lange Listen von gesperrten Alpenpässen mit klingenden Namen wie Falzarego, Galibier, Grimsel und Furka vor. Es handelt sich um Walter Prskawetz. Er las immer die Verkehrsmeldungen über eine Direktleitung vom ÖAMTC aus.

Damals, als es noch keine Handys oder Smartphones gab, fungierte die Sendung auch als Verbindungsglied der Autofahrer mit den Daheimgebliebenen. Wenn Urlauber dringend bei ihrer Familie daheim anrufen sollten, half „Autofahrer unterwegs“, sie zu erreichen. Eine Brücke zwischen Heimat und Ferne sozusagen, damals eine Brücke ins sonnige Italien und ins ausgedörrte Istrien. Wenn Papa etwas zu Hause vergessen hatte, versuchte man, ihn zu benachrichtigen. Reisende konnten aus der Ferne der Oma zum Geburtstag gratulieren und ihr ein Musikstück widmen. Wenn Blutspender knapp wurden oder Hund und Kätzchen entschwunden waren, setzte sich „Autofahrer unterwegs“ dafür ein. Und die Sendung diente auch dazu, Wetter-, Verkehrs- und Straßenzustandsmeldungen von ÖAMTC und ARBÖ an den Mann zu bringen.

1992 stieg das Landesstudio Wien aufgrund einer Programmreform aus der Übertragung aus. Drei Jahre später verabschiedeten sich die Landesstudios Kärnten, Oberösterreich und die Steiermark. Bis 1999 war die Sendung noch im Burgenland, in Niederösterreich, Salzburg, Tirol und in Vorarlberg zu hören. Am 5. April 1999 war dann endgültig Schluss in Ö-Regional. Die Sendung wurde eingestellt, weil sie so schön altmodisch war.

Michael Huemer