Lust aufs Leben: Musik zum Thema Erntedank

In allen Kulturen und Religionen dieser Welt, selbst in der modernen hochindustrialisierten Gesellschaft, war die Ernte der wichtigste Zeitraum des landwirtschaftlichen Jahres. In Lust aufs Leben am 13. Oktober geht es um Musik zum Thema Ernte und Erntedank.

Vor allem wenn die Ernte erfolgreich war, wurde entsprechend gefeiert. Somit zählt das Erntedankfest zu den ältesten Festen im Jahreskreis. Es hat seinen Ursprung in jenen Zeiten, in denen reiche Ernten eine Seltenheit waren, Missernten mit der Folge katastrophaler Hungersnöte, Armut und Tod häufiger auftraten. Jede Ernte war ein Glücksfall, für den man dankbar sein musste. Heutzutage scheint der notwendige Erfahrungshorizont für ein Erntedankfest abhanden gekommen zu sein.

Erntedank

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Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 27.8.17

Ein überreiches Angebot an Nahrungsmitteln aus aller Herren Länder ist in unseren Breiten eine Selbstverständlichkeit geworden. Man vergisst, dass trotz modernster Technik und wissenschaftlicher Arbeitsmethoden die Landwirtschaft und der Ackerbau unter freiem Himmel stattfindet.

Der Erfolg der produzierenden Landwirte ist zu großen Teilen von der Natur und vom Wetter abhängig. Da die Ernten je nach Klimazone zu verschiedenen Zeiten eingebracht werden, gab und gibt es keinen einheitlichen Termin. Ich möchte Sie einladen, mit mir eine Reise in die musikalische Klangwelt des Erntedankes zu machen. Diese Reise wird uns nach Mississippi, nach Kuba, Marokko und Mali führen, über Japan und Israel werden wir nach Europa reisen und in Georgien, Kroatien, Spanien und selbstverständlich Oberösterreich Halt machen. Nehmen Sie an diesem Ausflug teil, Sie werden erstaunt sein, was es alles zu hören gibt.

Erntedank in anderen Ländern

Das erste Erntedanklied kommt aus Japan, es wurde beim internationalen Maultrommelfest in Molln aufgenommen. In der ehemals agrarischen, traditionellen Gesellschaft Japans spielten Erntebitt- und Erntedankfeste stets eine große Rolle.

Ernte

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Japan

„Mukkuri“ nennt sich ein Ensemble, bestehend aus sechs Sängerinnen, die nur von einer Maultrommel begleitet werden. Das Maultrommelspiel wird von den Frauen der „Ainu“ gepflegt, die Ainu werden als die Ureinwohner Nordjapans bezeichnet.

Sie leben in einem Reservat auf der Insel Hokkaido. Das Erntedankfest wird in Japan am 23. November begangen. Ursprünglich war es ein altes kaiserliches Ritual, bei welchem den Göttern durch den Kaiser frisch geernteter Reis geopfert wurde.

Die Religion nennt man Shintoismus, dieser zählt zusammen mit dem Buddhismus zu den beiden größten japanischen Religionsgemeinschaften. Dieser 23. November ist gleichzeitig Nationalfeiertag in Japan, er wird auch „Tag des Dankes für die Arbeit“ genannt. Dankbarkeit für die Arbeit der anderen und die Früchte der Arbeit soll damit demonstriert werden.

Georgien

Sehr lebhaft und üppig geht es in Georgien zu. Die georgische Tafel wird Supra genannt, an der sich Familien und Gäste treffen, um zu essen und zu trinken. Die Küche imponiert durch Qualität und regionale Vielfalt. Das Menü besteht aus etwa fünf Gängen mit mindestens sieben verschiedenen Vorspeisen. Gekochtes Gemüse, Kräuter wie frischer Koreander und Pfefferminze, Walnuss und Knoblauch sind typisch dafür. Gerichte aus Schwein, Rind oder Hammel als Hauptspeise erfreuen sich großer Beliebtheit. Die Festtafel wird von einem Tischmeister geleitet, während der Mahlzeit werden kunstvolle Trinksprüche gesungen. Die Speisen werden in kleinen Portionen auf Tellern und in Schüsseln kunstvoll ausgebreitet. Jeder Gast soll sich von den Speisen seiner Wahl bedienen können ohne dabei seinen Platz zu verlassen. Idealerweise ist der Tisch nach Beendigung des Mahles noch ebenso üppig gedeckt wie zu Beginn. Georgiens Küche gilt als die Haute Cuisine der sowjetischen Küche.

Erntedank

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Spanien

„… Erntet die Trauben, gebt den Wein in die Flasche und das Brot in den Korb. Schneidet die Trauben, damit die Ernte zu Ende geht und wir uns vergnügen gehen können …“ So der Text eines „Canto de Vendimia“, eines Gesanges zur Weinlese. Dieses fröhliche und schwungvolle Lied kommt aus einem Dorf in der Provinz Orense, das im Nordwesten von Spanien liegt. Eine Gruppe von Mädchen singt es schon auf dem Weg zur Ernte, während des Erntens und wieder auf dem Heimweg.

Nicht ganz 500 km weiter östlich liegt das Baskenland, das ebenfalls zu Spanien gehört, „Euskadi“ auf baskisch. Seine Lage ist politisch und gesellschaftlich umstritten und steht im Spannungsfeld zwischen baskischem, spanischem und französischem Nationalismus. 1959 entstand die radikal-nationalistische Gruppe ETA mit dem Ziel der Befreiung, der Loslösung und Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien durch den bewaffneten Kampf. Erst 2006 erklärte die ETA in einer Videobotschaft einen unbefristeten Waffenstillstand, 2011 erklärte sie den definitiven Waffenverzicht ohne aber ihre Waffen abzugeben. Der bekannteste Sänger des Baskenlandes heißt Benat Achiary, ein inzwischen leicht angegrauter Herr. Sein Leben war kontinuierlich vom Gesang bestimmt, wie er selbst sagt. Beginnend mit der reichen Liedtradition seiner Heimat entdeckte er bald die Improvisation für sich. So singt er äußerst frei in einem Gutteil der Lieder, meistens mit verhaltener und spartanischer Begleitung. Dabei bedient sich Achiary einer ungewöhnlich breiten Palette an vokalen Ausdrucksmöglichkeiten. Er seufzt, wimmert, jauchzt, er schreit um darauf zärtlich nachzusetzen. Durch den gezielten Einsatz dieser Mittel gelingt ihm ein ergreifendes Ganzes.

Erntedank in der Römisch Katholische Kirche

In der römisch-katholischen Kirche ist das Erntedankfest seit dem 3. Jahrhundert belegt. Da die Ernte zu verschiedenen Zeiten eingebracht wird, gab es nie ein einheitliches Datum. Es ist auch kein offizieller Bestandteil des katholischen Kirchenjahres, wird aber praktisch in allen Pfarrgemeinden zu unterschiedlichen Terminen begangen - im allgemeinen an einem Sonntag zwischen Ende September und Mitte Oktober.

Erntedankfest in Wien

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Nicht nur in Österreich wird das Erntedankfest groß zelebriert

Oft findet in Oberösterreich eine feierliche Prozession zur Kirche statt. Eine aus Kornähren kunstvoll gebastelte Erntekrone sowie Brot, Eier, Honig, Wein, Blumen, Feld- und Gartenfrüchte werden mitgeführt und gesegnet. Auf eine vierarmige Erntekrone gehören jedenfalls Hafer, Gerste, Weizen und Roggen gebunden. Am Festzug nehmen Musikkapellen, Kindergartenkinder und Schüler, Ministranten, Trachtengruppen und die Bauern- und Jägerschaft teil. In einer feierlichen Messe wird Gott für seine Gaben gedankt und viele Lieder gesungen. Gabensegnung, Frühschoppen und Pfarrfest gehören dazu. Ein beeindruckendes „Gott hat alles recht gemacht“ singt der Sankt Martiner Dreigesang aus dem Mühlviertel.

Islam

Im Islam ähneln der Fastenmonat Ramadan und das daran anschließende Ramadanfest einer Erntedankfeier. Durch das tägliche Fasten, fünf Gebete am Tag und die Lesungen aus dem Koran setzen sich die Muslime in dieser Zeit sehr stark mit der Schöpfung und Gnade Gottes auseinander. Ali Farka Touré aus Mali in Westafrika wird der islamische Vertreter unserer musikalischen Erntereise sein.

Erntedank in Mali

Mali war ja in der letzten Zeit nicht durch positive Zeilen in der Presse aufgefallen. 2012 fand ein Militärputsch statt, die Regierung wird gestürzt, die Verfassung außer Kraft gesetzt. Der UN-Sicherheitsrat verurteilt den Staatsstreich und belegt die Militärjunta mit Sanktionen. Unterdessen nehmen Tuaregrebellen der MNLA den Norden des Landes ein und rufen einseitig einen neuen Staat aus. Über 250.000 Malier flüchten infolge der politischen Instabilität, der unsicheren Lage und des mangelhaften Zugangs an Nahrungsmitteln in die Nachbarländer Burkina Faso, Mauretanien, Niger.

„… Söhne von Mali….Lasst uns mit der Arbeit beginnen. Nur Arbeit kann dir die Freiheit geben. Unser Land braucht eure Unterstützung, ändere deine Haltung, der Rest folgt dann von selbst …“.

Truthähne in den USA

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Mississippi

Ali Farka Tourés rhythmisch gezupfter Gitarrenstil und der nasal klingende Gesang erinnern sehr stark an den Blues. Und das bringt uns nach Mississippi. In eine Gegend, die durch endlose Baumwollfelder auffällt. Es waren Sklaven, Afrikaner, die in die USA verschleppt wurden, um auf den Baumwollplantagen der Großgrundbesitzer zu arbeiten. Um die harte und monotone Arbeit besser ertragen zu können, begannen die Baumwollpflücker zu singen. Den Rhythmus gab die Arbeit vor. Die Songs waren einfach, sie handelten von Liebe, Leid, Sehnsucht und Schmerz. Dieser wehmütigen Stimmung verdankt der Blues seinen Namen. Wer sich „blue“ fühlt, ist traurig oder melancholisch. „Blue Harvest Blues“, wird gesungen und gespielt von Mississippi John Hurt.

Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1928, 85 Jahre sind seitdem vergangen. Der Staat Mississippi ist eine Gegend, die noch heute geprägt wird durch die einstige Sklaverei und Rassentrennung. Mississippi rangiert unter allen Bundesstaaten auf dem 50. und letzten Platz, wenn man die Rangliste des Durchschnittseinkommens dafür heranzieht. Hier sind die meisten Anhänger und Wähler des schwarzen Präsidenten Barack Obama zu finden. Mississippi John Hurt wurde 1892 geboren und gilt als bekannter Vertreter des Country-Blues.

Im musikalischen Ausdruck ähnlich ist der kubanische Komponist und Sänger Nico Saquito. Auch er besingt das harte Dasein der Arbeiterschaft. Schon lange vor den Aufnahmen des „Buena Vista Social Club“ komponierte er eindringlich einen Song über das unmenschliche Leben eines Landarbeiters. Das „Conjunto Campesino Cuyaguateje“ besingt in dieser Aufnahme einen Fuhrmann, der Zuckerrohr einbringt.

“…. Ich arbeite von Jänner bis Jänner, von Sonne zu Sonne, ich schwitze für ein Geld, das ich nie in der Hand halten werde. Sag mir, wann werde ich endlich sterben, wann ist das alles endlich vorbei …“

Nico Saquito lernte das Gitarrespiel in seiner Heimat Santiago de Cuba, 1936 übersiedelte er nach Havanna, wo er in Formationen wie „Grupo Típico Oriental“ mitwirkte und später die in Kuba berühmt gewordene Band „Guaracheros de Oriente“ gründete. Für Rundfunk und Schallplatte produzierte er über 300 Titel.

Erntedank in der jüdischen Religion

Ein musikalisches Beispiel aus der jüdischen Religion wird auch zu hören sein. Seit Jahrhunderten feiern Juden der askenasischen und sephardischen Gemeinschaften das Fest zum Erntedank in einem Dorf namens Meron. Die Siedlung ist seit dem Mittelalter das Ziel für jüdische Pilger. Ähnlich wie Bethlehem für die Christen oder Mekka für die Muslime. Die Feierlichkeiten beginnen mittags mit einer festlichen Eröffnung im Hofe einer ursprünglich marokkanischen Rabbi-Familie. Die Musiker führen danach eine Prozession an, bei der eine Tora-Rolle mitgeführt wird. Die Tora-Rolle ist aus Pergament, auf der die heilige Schrift des Judentums festgehalten ist. Am Abend werden die Feierlichkeiten fortgesetzt und die Musikanten spielen zum Tanz auf.

Marokko

Die musikalische Reise geht weiter nach Marokko zu einer islamischen Bruderschaft, die sich Gnawa nennt. Die Gnawa sind eine ethnische Minderheit, deren Mitglieder Nachkommen von schwarzafrikanischen Sklaven sind. Sie wurden durch Araber von Westafrika in die Gegend um Marrakesch verschleppt. Bei diesem Stück beschwören die Gnawas die Gunst eines Gottes, der eine gute Ernte ermöglichen möge. Eine gute Ernte gibt ihnen Nahrung und Arbeit.

Hauptinstrument ist das Gimbri, eine dreisaitige Langhalslaute mit einem rechteckigen Resonanzkörper aus Holz. Ein anderer, unverwechselbarer Klang dieser Musik kommt von den Garagab, eine Art Metallkastagnetten, die in einem tranceähnlichen Rhythmus geschlagen werden.

Weinköniginnen auf Erntedankfestwagen

ORF/Helmut Utri

Zuguterletzt kehren wir nach Europa zurück und hören uns an, was dabei herauskommt, wenn sich eine Opernsängerin, ein Operndirektor, ein Bassist und ein Kroate zusammentun. Dieses Vokalquartett ist ein Ableger der Wiener Tschuschenkapelle. Das unbegleitete kroatische Volkslied ist dem altslawischen Fruchtbarkeits- und Erntegott Lado gewidmet. Es handelt sich um einen alten Brauch im Spätherbst, wenn die Ernte eingebracht worden war: Junge Burschen und Mädchen ziehen singend von Haus zu Haus, um die Gastgeber zum Herausrücken von Gaumenköstlichkeiten aufzufordern. Ein gefühlvolles Beispiel für einen A-cappella-Gesang, das Quartett setzt sich aus Ljerka Cencic/Mezzosopran, Maksmilijan Cencic/Tenor, Alfred Stütz/Bariton und Slavko Ninic/Bass zusammen.

Vor den Nachrichten ist ein Ensemble abschließend im Einsatz, das man durchaus als außergewöhnlich bezeichnen kann und zum Thema passt. Das Außergewöhnliche ist, daß die Musiker ausschließlich auf Instrumenten spielen, die aus Gemüse hergestellt sind. Keine Gitarren oder Schlagzeug, sondern Paprika, Karotten, Gurken, Lauch und anderes Grünzeug werden verwendet. Musikalisch bin ich ehrlich gesagt nicht so ganz überzeugt, aber ich finde es durchaus originell, dass nach jedem Konzert aus den Instrumenten eine Gemüsesuppe gekocht wird, die dann dem Publikum serviert wird. Sie hören den „Radetzky-Marsch“ des ersten Wiener Gemüseorchesters.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

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Michael Huemer; ooe.ORF.at

Hier eine Programmvorschau für September:

  • 3.9.: „I bin froh, wann i di Zeit umedraht hab – 40 Jahre später“ – Voest-Lehrlinge aus dem Lehrlingsheim am Mühlbach
  • 10.9.: Baumeister und Brückenbauer des Landes: Franz Zauner – Der Diözesanbischof mit seiner Maschin‘
  • 17.9.: Gärten in der Wüste – Nachbetrachtungen zur 19. Ökumenischen Sommerakademie 2017 (Teil 1)
  • 24.9.: Gärten in der Wüste – Nachbetrachtungen zur 19. Ökumenischen Sommerakademie 2017 (Teil 2)