Jazz
pixabay/SeppH
pixabay/SeppH

Geschichte des Jazz in „Lust aufs Leben“

JAS? JASZ? JAZZ? Der Soundtrack aus zwei Jahrhunderten oder die Story einer Musik von 1890 bis übermorgen – So lautet der Titel einer siebenteiligen Sendung „Lust aufs Leben“, die ab 12. Jänner im Zweiwochenrhythmus jeden Sonntag ab 21.03 Uhr zu hören sein wird.

1964 hat kein Geringerer als Martin Luther King die ersten Berliner Jazztage eröffnet. Damals konnte man noch nicht wissen, dass dieses Festival einmal zu den ältesten und angesehensten Jazz-Veranstaltungen Europas zählen wird. Ab 1981 werden die Jazztage zum Jazzfest Berlin umbenannt und finden nach wie vor noch immer im Herbst jeden Jahres auf den Bühnen der Berliner Philharmonie, dem Haus der Berliner Festspiele, der Akademie der Künste am Hanseatenweg und in Jazzclubs wie „Quasimodo“ und „A-Trane“ statt.

Martin Luther King
APA/dpa
Martin Luther King

Das Festival dient als Spiegel aktueller Strömungen, der das lebendige Genre Jazz bis in all seine Randbereiche ausloten soll – aufregend oder widersprüchlich, provokant oder versöhnlich, der Tradition verbunden oder von überbordender Neugier angetrieben. Die Berliner Jazztage regten immer auf, gleichgültig ob der künstlerische Leiter Joachim-Ernst Berendt, George Gruntz, Albert Mangelsdorff oder Bert Noglik hieß.

Ein kurzer Vorgeschmack auf die sieben Sendungen:

„Eine Musik des Trostes, Triumphes und Ermutigung“

Der US-Bürgerrechtlicher Martin Luther King schrieb zum Auftakt der Jazztage damals im Jahr 1964 ein Geleitwort, in dem er den Jazz mit sehr poetischen Worten charakterisiert: Als eine Musik des Trostes, als eine Musik des Triumphes, als eine Musik der Ermutigung und des Freiheitsstrebens: „Der Jazz spricht vom Leben. Der Blues erzählt die Geschichten der schweren Seiten des Lebens, und wenn Sie kurz nachdenken, werden Sie erkennen, dass sie beide die schwierigsten Realitäten des Lebens nehmen und sie in Musik fassen. So entsteht neue Hoffnung, ein Gefühl des Triumphes. Diese Musik triumphiert.“ (Martin Luther King Jr., Geleitwort Berliner Jazztage 1964)

Soundtrack einer Protestbewegung

Mehr als fünf Jahrzehnte sind seitdem vergangen und obwohl Musikgenres wie Hip-Hop, Rock, Rhythm & Blues und Rap mittlerweile in den Vereinigten Staaten und international populärer sind als der Jazz, prägen schöpferische schwarze und weiße Jazzmusiker den Soundtrack einer Protestbewegung wie „BlackLivesMatter“ im frühen 21. Jahrhundert. Es sind Namen wie Vijay Iyer, Matana Roberts, Christian Scott, Ambrose Akinmusire, Robert Glasper, Kamasi Washington, Jaimeo Brown oder Kendrick Lamar, die auf die Unruhen und den Rassismus in den USA reagiert haben. Eine neue und starke Bewegung mit Protestmusik ist wie in den 1960er-Jahren jedoch nicht entstanden. Eher besteht der Trend seit Nine Eleven, dass sich der Jazz aus der Politik heraushält.

Jaimeo_Brown
Jaimeo Brown auf dem INNtöne Jazzfestival 2018

Geschichte des Jazz von Anfang an politisch

Dabei ist die Geschichte des Jazz von Anfang an politisch, nicht weil die Musiker es so wollten, sondern weil ihre Musik auf eine Gesellschaft traf, die sich instinktiv zu ihr in Widerspruch und Widerstand fühlte. Die Jazzmusik ist der Sound der Integration, entstanden um 1900 im Mississippi-Delta, aus einer Ko-Existenz, die kreativ war und in gegenseitiger Toleranz aufging. Zumindest passierte das in der Musik, indem Kulturen, die sich vorher fremd waren, auf sich zugingen, sich begegneten, Schwarze, Weiße, Kreolen, Sklaven. Klagelieder trafen auf europäische Marschmusik, afrikanische Rhythmen auf Kirchenmusik, sie vermischten sich mit swingenden Trauer-Prozessionen und in ausgelassener Zirkus- und Bordellmusik. Das war die Geburtsstunde des Jazz, immer schon eine Musik der Unterprivilegierten, der Fremden, der Immigranten. Guter Jazz ist der, der andere gewähren lässt, gleichgültig welche Hautfarbe die Musikerin oder der Musiker hat, egal welches noch so exotische Instrument sie oder er spielt.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 12.1., 26.1., 9.2., 23.2., 8.3., 22.3. und 5.4.

Würde man den berühmten Satz von Rosa Luxemburg „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden“ etwas abwandeln und auf den Jazz übertragen, dann käme es zu einer richtig guten Definition von Jazz: Freiheit ist auch und gerade die Freiheit des „Anders-Klingenden“. Das sind die Stärken dieses Musikstils: ein völlig buntes Miteinander, das harmoniert; Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem; Toleranz gegenüber dem Fremden und im wahrsten Sinn des Wortes offene Ohren.

Erste Jazzplatte der Welt – Original New Orleans Jazz Band
wikimedia.org/FredrikT
Erste Jazzaufnahme aus dem Jahr 1917

Erste Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1917

Der Jazz verfügt über eine außerordentliche Bandbreite, seine Geschichte ist geprägt vom vitalen und spannungsgeladenen Zusammenwirken von Musikern wie Komponisten. Mehr als 100 Jahre sind seit den Anfängen schon vergangen. Die ersten Aufnahmen von Jazzmusik wurde 1917 gemacht. Sie erlebte einen bemerkenswerten Aufschwung nach 1923, wobei sich neben New Orleans die Städte Chicago, Kansas City und New York zu Musikzentren in Sachen Jazz mauserten. In den 1930ern wurde die Jazzmusik im zunehmenden Maße seriöser, konnte aber noch immer nicht seine Wurzeln im Milieu von Prostitution und Unterwelt gänzlich abschütteln. Entspricht die Fröhlichkeit des Dixieland in den 1910er-Jahren der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, verkörpert der Swing-Stil zwanzig Jahre später die Sicherheit und die massierte Standardisierung des Lebens vor dem Zweiten Weltkrieg.

Miles Davis und der Cool Jazz

Die unruhige Nervosität der vierziger Jahre ist im Bebop zu spüren. Dieser Stil ist hektisch, die Tempi sind schnell und wirken radikal. Miles Davis versuchte, die Aggressivität des Bebop abzumildern und schuf gegen Ende der 40er-Jahre den Cool Jazz. Dieser verbindet eine dunkle Instrumentierung mit entspannter Stimmung und anspruchsvollen Melodien. In dieser Zeit kam es zu den ersten Versuchen, den modernen Jazz mit Elementen der europäischen Avantgarde unter der Bezeichnung Third Stream zusammenzufassen. Dem Raffinement des Cool Jazz steht im darauffolgenden Hard Bop ein äußerst vitales Spielideal gegenüber, voller Protest samt Rückgriff auf die sozusagen schwarzen Wurzeln des Jazz. Es kommt zur Bewußtseinsänderung afroamerikanischer Musiker.

Jazz mit Bass und Schlagzeug
pixabay/tatlin

Free Jazz = „Great Black Music“

Im Free Jazz der 1960er Jahre wird der Protest der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und der Studentenrevolte bestimmend. In den USA meint man mit Free Jazz „Great Black Music“. Im Jazz der siebziger Jahre verbinden sich Jazz und Rock, der elektronische Jazzsound bringt den überlebensnotwendigen kommerziellen Erfolg zurück. Die bisherigen Jazzstile schienen ausgereizt zu sein, der Free Jazz und die Avantgarde-Szene hatten kein neues Publikum von relevantem Ausmaß gefunden. Der Einsatz von elektronischem Gerät bedingte gewaltig viele neue Sounds, Texturen und Klangfarben, die Jazz-Rock-Fusion hatte ihre intensivste Schaffensperiode zwischen 1969 und 1985. Viele Musiker, die sich im Fusion Jazz einen Namen gemacht hatten, kehrten in den 1980er-Jahren zu einer Art des Jazz zurück, der teilweise bewusst Elemente früherer Perioden wiederbelebt. Der Trompetenvirtuose Wynton Marsalis ist ein führender Protagonist dieser Rückbesinnung auf bewährte musikalische Traditionen. Man spricht vom neoklassizistischen Jazz, der aber nicht nostalgisch ist, weil die Musiker die Jazztradition modernisieren und aktualisieren.

M-Base, Nu-Jazz, Drum’n’Bass, Dancefloor, Acid Jazz …

Danach ist es fast nicht mehr überschaubar. Der Jazz reagiert mit seinem Pluralismus und seiner Multistilistik auf die Datenexplosion des Informationszeitalters. Das Aufkommen der digitalen Signaltechnik und von computergestützten Technologien bringt eine neue Ebene ins Spiel, die noch dazu billig, reisetauglich und überall einsetzbar ist. Das Arbeiten mit dem Laptop, das Spiel mit Computern vom Sampling über Turntablism bis hin zu DJ- und Remixkultur haben den frei improvisierenden Musikern neue Möglichkeiten gegeben. M-Base, Nu-Jazz, Drum’n’Bass and Dancefloor Jazz, Free Electronics, Acid Jazz – wie eh und je beeinflussen sich Jazzstile und Jazzmusiker zu dieser Zeit wechselseitig. Allerdings finden diese Begegnungen auf internationaler Ebene meistens im Internet statt.

Laptop mit Kopfhörer
pixabay/Foundry

Aus dem „Jazz-Baum“ wurde ein Gestrüpp

Ein neuer Typus von Musiker ist in einem ganzen Verbund musikalischer Genres zu Hause, und das ist ganz normal. Er befindet sich in einer Umgebung, in der sich der Zugriff auf eine große Masse Information mittels Soundcloud, Facebook oder Youtube auf Sekunden verkürzt hat und in der sich die musikalischen Genres immer mehr gegenseitig durchdringen. Es wird in der Zukunft durchaus schwierig werden, überhaupt noch zu definieren, was Jazz ist. Aus dem Jazz-Baum mit Wurzeln, Stamm und Ästen, den man bis in die 1980er-Jahre sinnbildlich für die Entwicklung des Jazz zeichnen konnte, ist ein undurchdringliches Gestrüpp mit vielen Büschen und Sträuchern geworden.

Sendungsübersicht:

Nähere Infos zur jeweiligen Sendung finden Sie hier verlinkt:

  • 26.1.2020 „Kansas City here I come and Tuxedo Junction“
    Teil 2: Ab 1920 – Big Band Sound und Swing in Kansas City und New York
  • 9.2.2020 „Salt Peanuts and How high the moon"
    Teil 3: Die 40er und 50er-Jahre – Bebop, Cubop, Cool Jazz und Hard Bop
  • 23.2.2020 „A Love supreme and Freedom now"
    Teil 4: Seit 1960 – Free Jazz, Black Power und Great Black Music
  • 8.3.2020 „Bitches Brew and The Big Gundown"
    Teil 5: Seit 1970 – Jazz Rock, Electric Jazz and Noise Music
  • 22.3.2020 „Sampling, Scratching and Looping"
    Teil 6: Seit 2001 – Jazz post Nine Eleven
  • 5.4.2020 „New Vocabulary for Global Modernism"
    Teil 7: Modern Creative Jazz im 21. Jahrhundert

Michael Huemer; ooe.ORF.at