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„1984 – Orwells Kinder“ in Lust aufs Leben

„Die Zukunft Österreichs – Leben im Jahr 2019“ war der Titel eines Symposions im Jahr 1984 anlässlich der Ars Electronia. In „Lust aufs Leben“ am Sonntag, 27.10. ab 21.03 Uhr, können Sie die Visionen von damals mit der Wirklichkeit von heute vergleichen.

1984 war ein bemerkenswertes Jahr war, ein Kultjahr würde man heutzutage sagen. Kultig deswegen, weil jeder Tag des 1984er-Jahres gemessen wurde an der Vision von George Orwells Roman „Nineteen Eighty-Four“. Das Buch erschien eigentlich 1948, Orwell hat die Jahreszahl einfach umgedreht. So war es eigentlich ein Zufall, dass 1984 zu jenem Jahr wurde, dass von der damaligen Generation mit einer Mischung aus Unglauben und Unbehagen erwartet wurde.

Jugend war von Zukunftsoptimismus beseelt

Was war eigentlich 1948 los? Der Zweite Weltkrieg war eben erst vorbei, nach fünfzehn Jahren Faschismus in unterschiedlichen Ausprägungen waren die Menschen damit beschäftigt, nicht nur die kriegszerstörten Städte sondern auch die zerstörte Demokratie wieder aufzubauen. Die Jugend war von einem äußerst starken Zukunftsoptimismus beseelt, von der felsenfesten Überzeugung, dass sich diese düstere Zeit nicht mehr wiederholen darf. George Orwells Roman riss die Menschen aus dieser Euphorie, weil vor allem die junge Generation der Meinung war, dass der Faschismus überwunden sei. Sie war vom Sinn und Wesen der Demokratie überzeugt, die auf einmal von einem englischen Schriftsteller zerschlagen wurde.

George Orwell
Branch of the National Union of Journalists (BNUJ)
George Orwell

„1984“ eigentlich schon während des Krieges geplant

Orwell hat seinen Roman „1984“ bereits 1943 geplant, also mitten im Krieg, er hatte damals schon eine schreckliche Vision. Nach dem Erscheinen des Buches im Jahr 1948, begriffen die Menschen sehr schnell, dass ein von Orwell beschriebener totalitärer Überwachungsstaat durchaus möglich sei und Realität werden könnte. 1948 – das war die Zeit, als in den östlichen Nachbarländern Österreichs die Demontage der Demokratie westlicher Prägung begann, die Sowjetisierung des Ostens nahm seinen Lauf.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 27.10.19

Der östliche Teil Österreichs war von den Truppen der Roten Armee besetzt, vom Staatsvertrag wurde vorerst zwar geredet, in Wirklichkeit schien er aber in unerreichbarer Ferne. Würden die östlichen Besatzer jemals abziehen? Ähnliche Entwicklungen konnte man aus dem Buch herauslesen und führten hierzulande zu einer Beklemmung der Leser. Orwell schrieb den Roman unter dem Eindruck der Terrorsysteme von Hitler und Stalin, durch seine Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg, durch den Aufstieg und der Etablierung des Faschismus und durch die Dreimächtekonferenz von Potsdam 1945, als England, die USA und die Sowjetunion die Weltordnung für die Nachkriegszeit skizzierten.

Der „gläserne Bürger“

Vereinfacht gesagt geht es im Buch um Winston Smith, der am 4. April 1984 ein geheimes Tagebuch zu schreiben beginnt. Er arbeitet im „Ministerium für Wahrheit“ in London. Seine Aufgabe besteht darin, alte Zeitungsberichte und das vergangene Geschichtsbild fortlaufend umzuschreiben und an die gerade herrschende Parteilinie anzupassen. Er ist in dem totalitären fiktiven Staat Ozeanien ein „gläserner Bürger“, der rund um die Uhr von Mikrofonen und Kameras der sogenannten Gedankenpolizei überwacht wird.

Monitore mit Augen
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Der Diktator Ozeaniens nennt sich der „Große Bruder“. Er ist überall präsent, er lächelt auf eingerahmten Bildern in den Wohnungen, schaut herab von riesigen Plakaten an den Häuserwänden und flackert auf den Bildschirmen der Fernseher. Er macht vor nichts und niemandem Halt. Er kontrolliert nicht nur das Verhalten der Einwohner von Ozeanien, sondern auch ihre Gedanken. George Orwell schildert uns also für 1984 eine Gesellschaft, in der der einzelne Mensch zum willenlosen Objekt eines totalen Staates geworden war.

„Keine Emotionen außer Angst, Wut und Triumph“

“In unserer Welt wird es keine Emotionen geben außer Angst, Wut und Triumph. Der Sexualtrieb wird beseitigt, wir werden den Orgasmus beseitigen. Es wird keine Loyalität geben, außer gegenüber der Partei. Aber immer wird es den Reiz der Machtausübung geben, in jedem Moment das Gefühl des Siegesrausches beim Niedertrampeln eines Feindes, der hilflos ist. Wenn Sie an die Zukunft denken, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der in das Gesicht eines Menschen tritt. Wo auch immer. Die Moral, die aus diesem gefährlichen Albtraum gezogen werden kann, ist einfach: Lass es nicht geschehen. Es hängt von dir ab.“

Viele Mechanismen, die der Autor in seinem Roman beschreibt, lassen sich durchaus in gegenwärtigen Gesellschaften und Unrechtsstaaten wiedererkennen. Aber auch in heutigen demokratischen Ländern ist die Angst vor Verlust der Privatsphäre spürbar. Der Roman ist somit brandaktuell und es ist erstaunlich, dass sich noch immer junge Menschen freiwillig rund um die Uhr vor Kameras in ihrem Privatleben zeigen. „Big Brother is watching you“ wird offensichtlich als spaßiger Slogan empfunden.

Überwachungskameras
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1984 und die Ars Electronica

1984 beschäftigte sich die „Ars Electronica“ mit neuer Computerkultur, es war die vierte Ausgabe dieses Festivals in Linz. Die damals erkennbaren Tendenzen waren noch vage. Ebenso deren Auswirkungen. Man ging davon aus, dass 2019 erste Resultate einer Umbruchszeit zu spüren sein würden. 35 Jahre lagen dazwischen, Innovationen und Veränderungen in dieser Zeit hatten für alle bemerkbar eines gemeinsam: einen neuen Rohstoff. Der hieß nicht Gold, nicht Stahl und nicht Öl, sondern Information und Wissen. Die Information wurde zur Währung des Neuen Zeitalters, ihre Produktion zur entscheidenden Triebkraft der Wirtschaft. Die Kinder, die im Orwell-Jahr 1984 geboren wurden, sind heuer 35 Jahre alt, stehen somit in der Mitte des Lebens und bilden die Generation, die mehr oder minder die Verantwortung der Gesellschaft trägt.

1984 markierte Umbruch in der Gesellschaft

Markierte 1984 den Umbruch unserer Gesellschaft, ging man davon aus, dass dieser heuer vermutlich abgeschlossen sein würde mit einer Technologie oder Technologien, die unser aller Leben grundlegend verändern würden. Mit der Digitalisierung ist das eingetroffen. In einem interdisziplinären Symposium mit dem Titel „Die Zukunft Österreichs – Leben im Jahr 2019“ stellten sich Experten und führende Persönlichkeiten Österreichs und Deutschlands anlässlich der Ars Electronica 1984 Fragen über die Zukunft und Lebensziele einer neuen Generation: Wie werden die 35-jährigen leben? Was werden ihre Lebensziele, was ihre Lebensbedingungen sein? Wie werden sie denken, wohnen, arbeiten, ihre Freizeit gestalten?

Hören Sie in der Sendung ihre Statements (Auswahl): Gertraud Czerwenka-Wenkstetten, Peter Menke-Glückert, Roman Sexl, Robert Jungk, Franz Kreuzer, Helmut Detter, Ewald Nowotny, Gerhart Bruckmann, Helmut Kramer, Friedrich Fürstenberg, Roland Rainer, Arnulf Rainer, Herbert W. Franke, Prälat Leopold Ungar u.v.a.

Peter Weibel bei der Ars 1984
AEC
Peter Weibel: Der künstliche Wille, 1984

Sind die Visionen von 1984 schon überholt?

35 Jahre nach dem Erscheinen des Buches „1984“ stellt sich die Frage, ob Orwells düstere Vision im Zeitalter der Digitalisierung nicht längst überholt wurde. Denken Sie an virtuelle Sprachassistenten wie Alexa, Bixby, Siri, Cortana, die sich immer mehr als Stammgäste in die Wohnzimmer einnisten. Wurde eventuell die Angst vor dem Überwachungsstaat abgelöst vom Glauben an Big Data und der Lust an Fake-News? Smart-Phones verschärfen geradezu den Suchtcharakter von Facebook, Google, Youtube und Linkedin. Ist der Mensch nicht vielleicht Sklave der neuen Medien, gefangen in seiner eigenen digitalen Welt? Amazon, Airbnb, Alibaba, App und Co haben unseren Alltag beim Kaufen, Wohnen, Kommunizieren und Arbeiten verändert und uns abhängig gemacht. Lässt uns die Digitalisierung überhaupt die Möglichkeit, diese bedenkliche Abhängigkeit zu überwinden? Eine derart vernetzte Welt hat es vor 35 Jahren auf jeden Fall nicht gegeben und war nach den Aussagen der Experten bei der Ars Electronica 1984 nicht in diesem Ausmaß erwartbar. Die weiteren Entwicklungen werden es zeigen, wohin der Weg führen wird. Ein anderer Schriftsteller, Aldous Huxley hat bereits 1931, also 17 Jahre vor dem Erscheinen von „1984“, in seinem utopischen Roman „Schöne neue Welt“ eine Wohlstandsgesellschaft im Jahr 2540 beschrieben, in der alle Menschen am Luxus teilhaben, in der Unruhe, Elend und Krankheit überwunden sind, in der aber auch Freiheit, Religion, Kunst und Humanität auf der Strecke geblieben sind. Keine guten Aussichten auch bei ihm.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at