Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF
ORF

Tagebuch einer verlorenen Jugend

Eindrücke und Erfahrungen von Zeitzeugen machen die Geschichte des Zweiten Weltkriegs greifbar und begreifbar. Michael Huemer hat für Radio OÖ einen zweiteiligen Zeitgeschichteschwerpunkt zusammengestellt. Sein Augen- und Ohrenzeuge ist sein Vater Ludwig Huemer.

Dieser führte nicht nur ein Tagebuch während seines Einsatzes als Wehrmachtssoldat, er hat seine Erlebnisse überdies aufgesprochen und so ein einzigartiges historisches Dokument hinterlassen. Zu hören sind die beiden Sendungen am 1. und 8. September ab 21.03 Uhr.

Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF
Ludwig Huemer

Wert von subjektiven Erinnerungsquellen steigt

Aus der Sicht der Wissenschaftsgeschichte bezieht die Forschung nicht nur klassische Quellen der Geschichtsschreibung wie zum Beispiel Akten, Urkunden, Memoiren in ihre Untersuchungen ein, sondern auch subjektive Erinnerungsquellen wie Tagebücher, Fotoalben und private Briefe. Ihnen wird zunehmend mehr Stellenwert eingeräumt.

Darüberhinaus werden durch mündliche lebensgeschichtliche Befragungen wie Zeitzeugeninterviews und autobiographische Erzählungen neue Quellen geschaffen, die von Historikern und Forschern durchaus kritisch beurteilt werden. Das Gedächtnis, die Erinnerung, die Rückschau, das Nachsinnen und die Weitergabe von Erlebtem und Erfahrenem sind schon aufgrund des meistens oft sehr hohen Alters der Augen- und Ohrenzeugen anfällig für Verformungen, Verzerrungen und Konstruktionen. Die Gefahr, dass das nachträglich erworbene Wissen um die Geschichte die eigene Erinnerung verfärben kann, ist groß.

Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF

Sendungshinweis

„Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte: Tagebuch einer verlorenen Jugend“, 1.9.19 und 8.9.19

Das ursprüngliche Ziel der sogenannten „Oral History“ war, diejenigen in das Geschichtsbild zu holen, die nicht im Rampenlicht gestanden haben, also die Geschichte sozusagen von unten erzählen können. Geschichtsschreibung ohne Mitwirkung der Betroffenen ist trotz berechtigter Einwände nicht mehr denkbar, weil es gerade sie und nur sie sind, die mit ihren persönlichen Erlebnisgeschichten es möglich machen, weit zurückliegende Ereignisse eindrücklich und emotional nachzuvollziehen.

Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF

Das erfolgt meistens in Interviews, in denen das Erzählte mit einem Tonaufnahmegerät oder einer Videokamera festgehalten wird. Quellentechnisch dienen sie wie Autobiographien nicht nur als Ergänzung zur Rekonstruktion von Fakten sondern ermöglichen Einblicke in persönliche Erlebnisse.

„Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst zum Zeugen werden“ sind Worte von Elie Wiesel, Friedensnobelpreisträger und Überlebender der Shoa. Sie haben ihre Bedeutung und gelten heute mehr denn je, weil Zeitzeugen zuhören auch heißt, aus der Vergangenheit für die Zukunft zu lernen.

Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF

Zeitzeugen gelten als authentisch

Zeitzeugen gelten als authentisch und als lebendige Verbindung zum Früher. Diese Generation stirbt. Mit ihrem Verschwinden, das ist jetzt schon klar, wird sich die Erinnerungskultur verändern. Es ist daher ein seltener Zufall im Fall meines Vaters, der vor 80 Jahren dabei war, als die ersten Vorzeichen des Zweiten Weltkriegs sich abzuzeichnen begannen. Ludwig Huemer hat nicht nur während seiner Zeit als Wehrmachtssoldat seine Erinnerungen in einem Tagebuch schriftlich festgehalten sondern danach auch mit einer mechanischen Schreibmaschine auf Papier gebracht. Viele Jahre später im Alter von 83 Jahren hat er den Text gelesen und auf Audiokassetten aufgenommen. Diese sind bei der Aufarbeitung seiner Hinterlassenschaft aufgetaucht. Entstanden ist ein 160 Minuten langes Zeitdokument, das in seiner Art einzigartig ist.

1. Dezember 1938 bis 13. März 1946

„Das Tagebuch der verlorenen Jugend“ erzählt in zwei Folgen die Erlebnisse von Ludwig Huemer als Wehrmachtssoldat. Sie beginnen mit der Einberufung am 1. Dezember 1938 in Linz in der Nachrichtenabteilung 65. Für den damals 21-jährigen jungen Mann beginnt ein Lebensabschnitt, der bis zum 13. März 1946, dem Tag seiner Rückkunft aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft, dauern wird.

Tagebuch einer verlorenen Jugend
ORF

Reise eines jugendlichen Soldaten

Der Hörer wird auf dieser Reise einen jugendlichen Soldaten in Kriegsgebiete in Polen, Libyen, Frankreich und Italien begleiten. Die Ängste bei den Bombardements, die Gewalterfahrungen bei verschiedenen Einsätzen, die Ausweglosigkeit als Kanonenfutter zu dienen und die traumatischen Erfahrungen werden beklemmend in den Sendungen spürbar. Die Sehnsucht meines Vaters, mit heilen Knochen nach den Kriegserlebnissen seinen Heimatort Haag am Hausruck einmal wiederzusehen, ermutigt ihn immer wieder zum Durchhalten und Überleben trotz aller Schreckensszenarien.

Programminhalt „Das Tagebuch der verlorenen Jugend“:

  • Sonntag, 1.9.19, 21.03 Uhr
    „… Ich will möglichst bald weg …“
    Teil 1: Mährisch Ostrau, Brünn 1939 – Tripolis, Bengasi 1941

Hier können Sie Teil 1 nachhören:

  • Sonntag, 8.9.19, 21.03 Uhr
    „… wir müssen gewinnen sonst wird die Rache furchtbar sein…“
    Teil 2: Radom 1942 – Genua 1943 – Aversa 1944

Hier können Sie Teil 2 nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at