Beruf des Landarztes vom Aussterben bedroht

Dem vom Aussterben bedrohten Beruf des Landarztes widmet der ORF Oberösterreich am Sonntag, 26. Februar 2017, um 18.25 Uhr im Programm ORF 2 eine Dokumentation in der Reihe „Österreich-Bild“.

Den Arztkoffer immer griffbereit, rund um die Uhr erreichbar, bei jeder Witterung unterwegs zu Notfällen in entlegenen Gebieten – bei starkem Schneetreiben ebenso wie bei dichtem Nebel oder heftigen Gewittern. Der Beruf des Landarztes hat auch in Zeiten von Internet, Smartphone und High-Tech-Medizin nichts von seinen Extremen eingebüßt. Romantische Vorstellungen verbinden aber immer weniger angehende Ärzte damit. Darum wird es immer schwieriger, in ländlichen Regionen offene Arztstellen nachzubesetzen.

Viel Zeit für die Patienten

139 Patienten sind bereits versorgt an einem heißen Tag im August. Landarzt Walter Titze aus Unterach am Attersee schließt seine Ordination, setzt sich ins Auto und will gerade losfahren. Da läutet sein Handy. Ein Patient bittet ihn darum, einen Verband zu wechseln. „Komm um halb sechs, dann machen wir das“, antwortet der 64-Jährige, der arbeiten möchte, bis er 70 ist.

Landarzt Dr. Walter Titze aus Unterach bei einem Hausbesuch.

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Landarzt Dr. Walter Titze aus Unterach bei einem Hausbesuch.

Zu Walter Titzes Patienten zählen in der beliebten Ferienregion am Attersee auch viele Prominente. „Ich mache da jedoch keinen Unterschied“. Auf Urlaub fährt der Allgemeinmediziner, der auch die Ausbildung zum Facharzt für Unfallchirurgie absolviert hat, kaum. Für seine Kinder habe er zu wenig Zeit gehabt, wie ihm einer seiner Söhne vorwerfe, der mittlerweile selbst Arzt ist. Ob der Sohn einmal die Ordination übernehmen wird, steht noch nicht fest.

Während viele „Landbader“ alten Schlages in den nächsten Jahren in Pension gehen werden, zeigen die Vertreter jüngeren Generationen, wie sich die Arbeit eines Landarztes mit Familie und Privatleben durchaus kombinieren lässt: Etwa die 38-jährige Silke Kranz, die vor kurzem eine Ordination in Bad Zell im Mühlviertel eröffnet hat, aber nicht im Ort wohnt. Die Alleinerzieherin hatte davor jahrelang in Linz als Sportärztin und Allgemeinmedizinerin gearbeitet. Nach der Pensionierung ihres Vorgängers blieb dessen Stelle als Kassenarzt in Bad Zell monatelang unbesetzt, bis sich Kranz darum beworben hat.

Landärztin Dr. Silke Kranz aus Bad Zell auf Visite im Haus für Senioren.

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Landärztin Dr. Silke Kranz aus Bad Zell auf Visite im Haus für Senioren.

„Ich bin mit offenen Armen aufgenommen worden“, erzählt die gebürtige Steirerin, die selbst am Land aufgewachsen ist und immer schon als Landärztin arbeiten wollte. „Man muss ein offener Mensch sein, aber auch belastbar.“ Oft bekomme sie – wie das am Land so üblich sei – als kleines Dankeschön von ihren Patienten Speck, Schnaps oder Selbstgebackenes: „Ich mag das gern.“ Der hausärztliche Notdienst ist Teil ihrer Arbeit. Gemeinsam mit einem Sanitäter des Roten Kreuzes, der ihr als Fahrer zur Seite steht, macht sie regelmäßig in der Nacht und am Wochenende Hausbesuche im Bezirk Freistadt.

Wie man mit Patienten kommuniziert, richtig Rezepte ausstellt oder Blut abnimmt, sollen die Studierenden im Rahmen des neuen Medizinstudiums an der Johannes Kepler Universität in Linz möglichst bald lernen. Landärzte aus ganz Oberösterreich kommen einmal pro Woche an die Uni, unterrichten die Studierenden und üben mit ihnen Situationen aus ihrem beruflichen Alltag. „Man muss das Interesse wecken“, meint die Vizerektorin für Medizin, Petra Apfalter. Im Laufe ihres Studiums müssen die angehenden Mediziner auch Praktika in den Ordinationen absolvieren, um dort das echte Leben eines Landarztes oder einer Landärztin kennen zu lernen.

Professor Roland Girtler in Spital am Pyhrn mit einer ehemaligen Patientin seiner Eltern.

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Professor Roland Girtler in Spital am Pyhrn mit einer ehemaligen Patientin seiner Eltern.

Auf die Spuren der „alten Landärzte“ begibt sich in diesem „Österreich-Bild“ der für seine Studien über Prostituierte, Wilderer und Vagabunden bekannte Soziologie-Professor Roland Girtler, der als Kind eines Landarzt-Ehepaares in Spital am Pyhrn aufgewachsen ist. „Die alten Landärzte waren immer da für die Leute“, meint Girtler, der sich erinnert, dass sein Vater einmal während eines Hausbesuchs einer Frau die Mandeln entfernt hat. „Sie wäre beinahe erstickt“, erzählt der umtriebige Professor, der auch ein Buch mit dem Titel „Landärzte – Als Krankenbesuche noch Abenteuer waren“ geschrieben hat. „Wenn mein Vater diese Patientin damals ins Krankenhaus geschickt hätte, dann wäre sie wahrscheinlich gestorben.“

„Vom Aussterben bedroht – Der Beruf des Landarztes“
„Österreich-Bild“ am Sonntag, 26. Februar 2017, um 18.25 Uhr in ORF 2.

Eine Produktion des ORF Landesstudio Oberösterreich.

Gestaltung: Johannes Reitter
Kamera und Schnitt: Bertram Verdezoto Galeas
Kameraassistenz: Roland Freinschlag