Was ich als Kind vor 50 Jahren hörte

Schlager- und Unterhaltungsmusik aus dem Jahr 1968 war der Inhalt der Sendung „Lust aufs Leben“ am Sonntag 10. Juni 2018, unter dem Titel „Was ich als Kind vor 50 Jahren hörte“.

1967 kommt es im ORF zu einer Rundfunkreform. Anstelle von zwei Mischprogrammen und einem technischen Versuchsprogramm werden drei vollwertige Strukturprogramme beschlossen. Ö1 wird zum und ich zitiere „Standort des geistigen und musischen Österreich“. Ö Regional und damit Oberösterreich ist für das Länderprogramm verantwortlich und soll die Umwelt in der überschaubaren Region vermitteln. Ö3 wird zum Unterhaltungsprogramm mit Informationsakzenten.

Der erste Sendetag von Ö3 war der 1. Oktober 1967 und startete mit einem Programm, das locker präsentiert werden sollte. Chefsprecher war Ernst Grissemann, Vater von Christoph Grissemann, den die Jüngeren unter ihnen sicher kennen werden. Rudi Klausnitzer, Peter Machac, Evamaria Kaiser, André Heller und Frank Elstner von Radio Luxemburg waren die ersten Moderatoren und Programmgestalter. Die hatten natürlich mit einem Heintje nichts mehr am Hut. Außerdem drang aus dem Büro des allgewaltigen Generalintendanten Gerd Bacher markantes Tigerknurren: er erläßt den Schnulzenerlass, einen Bannfluch für seichtes Schlagergeträller und deren Interpreten, die Bacher als „germanische Schwachsinnige“ bezeichnete.

„Links“ und „bürgerlich“

War die Schlagermusik bis jetzt eine Musik für jedermann, spaltete sich die gesellschaftliche Entwicklung in den 1960er-Jahren deutlich in „links“ und „bürgerlich“ auf. Der Schlager blieb eine Musik der konservativen und bürgerlichen Menschen, während Pop und Rock von der rebellischen, meist links eingestellten Jugend gehört wurde. Das deckt sich mit einer Entwicklung, die sich international bereits abzeichnete, nämlich die Aufspaltung der populären Musik im deutschsprachigen Raum in zwei Lager: in das des deutschen klassischen Schlagers und das der deutschen Popmusik. Man hatte wenn man sich für populäre Musik interessierte die Wahl: Für oder gegen die Beatles, die Jugend, den Rhythmus, den Zeitgeist? Für oder gegen Peter Alexander, die Tradition, die Gemütlichkeit, die Ordnung? So stand auf der einen Seite der rockige Drafi Deutscher, auf der anderen der schnulzige Roy Black.

Foxtrott, Rumba und Cha-Cha-Cha

Für die in dieser Zeit lebenden Jugendlichen brach die Zeit des Tanzschulbesuches heran, wobei die Mädchen durchaus diesem Ereignis freudig entgegenwarteten. Die Wahl lag in Linz zwischen dem „Schlesinger“ und „Horn“ auf der Spittelwiese. Auch wenn nur die klassischen Tänze, von Walzern angefangen über Foxtrott, Rumba, Cha-Cha-Cha, Tango bis hin zu Rock’n’Roll gelehrt wurden, ein Besuch einer Tanzschule war die Grundlage für die weitere gesellschaftliche Entwicklung, die mit dem Debütantenball begann. Die Begeisterung der Burschen hielt sich in Grenzen: Anzug, weißes Hemd und Krawatte, oft auch weiße Handschuhe, das Erlernen der Etikette und die Pflege gehobener Konversation passten so gar nicht zum vorherrschenden Zeitgeist. Nach Beat, Soul, nach einem l’amour-Hatscher mit Tuchfühlung war den jungen Herren, am besten im TIK, im „Tanz im Kerzenlicht“, im Keller des Cafe Goethe an der Ecke Goethestraße/Landstraße oder im nur zwei Häuserblock entfernten „Rosenstüberl“. Auch in der „Zentralbar“ und in der „Bar bei Hanns“, in der 20 Jahre lang ein gewisser Willi Feiglbinder am Klavier klimperte, konnte man das Tanzbein schwingen. Aber: Die Mädchen mussten in der Regel bis spätestens zwei Uhr früh nach Hause gebracht werden, die Burschen schlugen sich die Nacht um die Ohren und stärkten sich in der Früh mit Gulasch und Bier. Peter Alexander und Engelbert Humperdinck waren die Nr-1-Heuler in Ö3.

Kampf um jeden Millimeter Haarlänge

Modisch tat sich auch einiges. In der Schule wurden die mit ländlichem Kurzhaarschnitt belächelt, sie wurden sogleich zu „G’scherten“ abgestempelt. Die Burschen kämpften um jeden Zentimeter ihrer Haartracht. In dieser Hinsicht hatten es die Mädchen leichter. Weder ein Kurzhaarschnitt mit „Ponys“ noch lange Haare mit oder ohne Stirnband stellten in der Regel kein elterliches Ärgernis dar. Dafür mussten die Girlies um die Rocklänge kämpfen. Der Mini war ein Muss, je kürzer desto besser. Komplettiert mit enganliegenden Pullovern – meist „Rollis“ – und passenden Kniestrümpfen oder Strumpfhosen orientierte sich die Mode nicht mehr an der eleganten Damenwelt. Außerdem war sie in der Zwischenzeit erschwinglich geworden oder konnte sogar von der Stange gekauft werden. Diejenigen, die nur über ein geringes Kleiderbudget verfügten und handwerklich begabt waren, schneiderten ihre gesamte Garderobe nach „Burda-Schnitten“. Die Mädchen waren scharf auf weit ausgestellte Hüfthosen, Hot-Pants und T-Shirts, Schlapphüte, es war ja Hippiezeit. Sie trugen Mini, Midi und Maxi, im Schwimmbad Bikini und Sonnenbrille. Der blasse Teint wurde mit Make-up aufgepäppelt, ein bisschen Rouge auf die Wangen, Lippenstifte in allen Farben, getuschte Wimpern und Brauen, die Augen schwarz umrandet mit Kajalstift oder Eyeline – fertig war die modebewusste junge Dame. Und Wencke Myhre hatte großen Erfolg mit dem Schlager „Flower Power Kleid“.

Während sich Wencke Myhre 1968 ein Flower-Power-Kleid überstreifte, sah sich Peggy March modisch bereits in London in der Carnaby Street um. Die damals 20-jährige Amerikanerin war einmal kurz auf Platz 1 der US-Hitparade, aber wirklich Erfolg hatte sie eigentlich in der deutschen Musikszene und wurde zu einer der beliebtesten Schlagersängerinnen der 60iger-Jahre. Erinnert sei an „Mit 17 hat man noch Träume“ oder „Memories of Heidelberg“. 1968 war die Carnaby Street die bekannteste Einkaufsstraße Londons, in der die Kreationen der „Swinging Sixties“ angeboten wurden. Und man vergesse nicht auf eine Mary Quant, ohne die es die zaundürre Twiggy nicht gäbe. Sie gilt als Erfinderin des Minirocks.

Politische und kulturelle Aufbruchstimmung

Die politische und kulturelle Aufbruchstimmung im Jahre 1968 erschütterte die Welt. Der Krieg der Vereinigten Staaten in Vietnam, der Prager Frühling, die Revolten gegen erstarrte Strukturen. Der Ruf nach mehr Demokratie und Freiheit erschallte nicht nur im Westen. 1968 war ein sehr fortschrittliches aber auch ein sehr gewalttätiges Jahr und es gab gute Gründe, den Friedensnobelpreis in diesem Jahr nicht zu verleihen. Erschossen: Martin Luther King, Robert Kennedy, Ernesto Che Guevara. Entlaubt: der Regenwald in Vietnam. Niedergewalzt: der Prager Frühling. Auf den Universitäten wird gegen den „Muff von hundert Jahren und den Talaren“ auch in Österreich protestiert. Die einen nahmen die Gewalt in Kauf, für die anderen war die glockenhelle Stimme von Joan Baez entscheidend und die Hinwendung zum Schicksal der Unterdrückten erreichte viele Herzen. Ein Bild geht um die Welt. Der Polizeichef von Saigon tötet live vor Reportern einen festgenommenen Vietcong durch Kopfschuß. Ein weiteres ebenso: die hungernden Kinder mit ihren Hungerbäuchen in Biafra werden zu Signalen einer zunehmend globalisierten Welt. Österreich bekam von den Entwicklungen und Umwälzungen des Jahres 1968 zwar alles mit – aber mehr als Mailüfterl inmitten einer stürmischen Großwetterlage. Man holte sich zwar mit den Räucherstäbchen Indien ins Jugendzimmer, ansonsten galt aber die Devise: hinten anstellen und warten, bis dich der Papa wo unterbringt. Erwähnenswert ist lediglich der Beschluss des Nationalrates, das aktive und passive Wahlalter in Österreich auf 19 bzw. 25 Jahre herabzusetzen. In der Verkaufshitparade war an erster Stelle Louis Armstrong mit „What a wonderful world“, fast ein Afront, wenn man daran denkt, dass Armstrong in den Vereinigten Staaten zu den Vertretern der unterdrückten Schwarzen zählte.

Vorsichtige Annäherung an internationalen Trend

Die Schlagerindustrie versucht eine vorsichtige Annäherung an den internationalen Trend wie Freddy Quinn und Peter Alexander, die sich an Vorbildern wie Tom Jones und Cliff Richard orientieren. Das Publikum verspürte, dass der Schlager dem Trend nur hinterherlief, dass Inhalte und Musik weniger authentisch waren, als jene der britischen und amerikanischen Originale. So pressten die Tonträgerfirmen und –produzenten auf Schlager-Sampler die Beach Boys, The Who oder die Easybeats unverfroren auf eine Rille mit Karel Gott, Heintje oder Peter Orloff. Die Trennung in Pop auf der einen und Schlager auf der anderen Seite ließ sich nicht mehr bremsen, höchstens noch verlangsamen. Jetzt wurden, um dem Publikumsgeschmack Genüge zu tun, einerseits englische, französische, skandinavische und italienische Interpreten, die in ihrem Land bereits erfolgreich waren, mit deutschen Texten auf den Markt geschickt. Und diese verdankten ihren Erfolg ihrem exotischen Akzent und dem damit verbundenen mondänen Flair. Paul Anka sang „Zwei Mädchen aus Germany“, Peggy March „Memories of Heidelberg“, Mireille Matthieu „Hinter den Kulissen von Paris“ oder Rita Pavone mit „Arrivederci Hans“. Salvatore Adamo kam in Sizilien auf die Welt, geht mit drei Jahren nach Belgien, startet seine Karriere in Frankreich und verkauft als Interpret selbstkomponierter Schlager und Chansons Millionen an Schallplatten in Deutschland. 1968 ist er mit dem folgenden Song in Ö3 auf Platz Nr. 1.

Aus Paris kommt France Gall, sie ist als Sängerin sowohl im Schlagerbereich, im Chanson und im Pop tätig. Sie gewann 1965 den Grand-Prix-Eurovision in London und hatte danach auch einige deutschsprachige Hits wie „Das war eine schöne Party“, „Merci, Herr Marquis“ oder „Ein bißchen Goethe, ein bißchen Bonaparte“. Direkt anspruchsvoll ist Madame Gall auch 1968 mit einer Sambanummer aus Brasilien, im Original „A banda“ von Chico Buarque, ein sympathischer und fröhlicher Titel, den sie aber nach Mexiko verlegt und „Zwei Apfelsinen im Haar“ nennt, damit meint sie Orangen, die dort eigentlich nicht wachsen.

1945 kommt im englischen Essex Graham Bonney auf die Welt. Er steht schon im Kindesalter auf der Bühne und wird 1964 nach seiner Gesangs- und Tanzausbildung nach Deutschland eingeladen, um die TV-Musiksendungsreihe „Hits a go go“ zu moderieren. 1966 versucht er selbst sein Glück als Schlagersänger und landet mit „Supergirl“ gleich einen Superhit. Bonney ist interessanterweise im deutschen Sprachraum weit erfolgreicher als in seiner Heimat. Er gilt als Hauptvertreter des „Happy Beat“ im deutschen Schlager der 60er-Jahre. 1968 ist er mit „Neunundneunzig Komma neun Prozent“ erfolgreich.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at