Unterhaltungsmusik im Jahr 1958

Unter dem Titel „Was meine Eltern vor 60 Jahren hörten – von Matrosen, Heimweh und der Sehnsucht nach Italien“ widmet sich „Lust aufs Leben“ am Sonntag ab 21.03 Uhr der Unterhaltungsmusik im Jahr 1958.

Sendungshinweis,

Lust aufs Leben, 27.5.2018 ab 21.03 Uhr

Nach den entbehrungsreichen Jahren der Nachkriegszeit entfaltete sich der Schlager und die Unterhaltungsmusik langsam wieder zu voller Blüte und befriedigte die Sehnsucht nach unbeschwerter Harmonie, was ja durchaus verständlich war. Mit seinen Botschaften kanalisiert er nämlich Wunschträume, die von fernen Ländern, dem Meer, unbekannten Schönheiten und einer heilen Welt berichten. Peter Alexanders Liebesballaden, Fredddy Quinns Seemannslieder, ein ewig gut gelaunter Vico Torriani oder die spritzige Caterina Valente – sie rotieren auf den Plattentellern der Musikboxen.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Plakat Katharina Valente

wikimedia/Holger.Ellgaard

Caterina Valente, Plakat von 1958.

Sehnsuchtsort Italien

Eine Subspezies des Fernwehschlagers widmete sich dem Reiseziel Italien. Nach dem Sturz Benito Mussolinis 1943 waren Italien-Schlager zwar tabu, doch die schon während des Krieges komponierten „Capri-Fischer“ feierten ihren Erfolg als erster Hit der Nachkriegszeit. „Bella, bella, bella Marie, bleib mir treu, ich komm zurück morgen früh“, „Florentinische Nächte“ und „Arrivederci Roma“ folgten. Seit den Zeiten Goethes hatte man immer schon zu Italien ein besonderes Sehnsuchtsverhältnis. Der entscheidende Unterschied zu früher war, dass durch den allmählich steigenden Wohlstand breiter Bevölkerungsschichten das Traumland südlich der Alpen erstmals in Reichweite rückte. So fuhr man im VW-Käfer, im Ford Anglia oder im Goggomobil in den Süden auf der Suche nach Wärme, Strand und Pizza. 1958 werden an der italienischen Adria 1,7 Millionen Übernachtungen von österreichischen Touristen gezählt.

„Exotische Länder“ werden nach wie vor besungen

Der Schlager der 1950er-Jahre zeichnete ein Weichbild des Fremden, mehr brauchte er nicht tun. Exotische Länder und Gegenden gehören auch heute zum Reservoir sowohl in der Unterhaltungs- als auch in der Popmusik. Man denke nur an die alljährlichen Sommerhits: „Mambo No. 5“ von Lou Bega 1999, „Bamboleo“ der Gipsy Kings ebenfalls 1999, „Lambada“ von Kaoma zehn Jahre vorher, „Macarena“ der Los del Rio (1996), „Bacardi feeling“ von Kate Yanai (1991), „Do the Limbo dance“ eines David Hasselhoff (1992). 1958 war es eine Instrumentalnummer, die exotischen Touch und Flair besitzt. „Patricia“ komponiert von Pérez Prado aus Kuba. Seine Arrangements lebten von dem Kontrast zwischen einem beißenden fünfstimmigen Trompetensatz und einem vierstimmigen Saxophonsatz, unterlegt von einer feurigen Percussion-Sektion und einer wimmernden Hammondorgel. Damaso Pérez Prado, wie er mit vollem Namen heißt, hat übrigens auch den Mambo No.5 komponiert. „Patricia“ war in Österreich im Dezember 1958 an erster Stelle der Single-Hitparadenliste.

Freddy Quinn, Hamburg 1971

wikimedia.org / Janericloebe

Freddy Quinn, Musikhalle Hamburg.

Weit länger hielt sich auf dem 1. Platz ein weiteres Instrumentalstück. „March from the River Kwai“ heißt ein Titel von Malcolm Arnold, komponiert für den Film „The Bridge on the River Kwai“ mit deutschem Titel „Die Brücke am Kwai“. Schon am ersten Drehtag haderte Regisseur David Lean mit unerwarteten Schwierigkeiten: Der Marsch der zerlumpten englischen Kriegsgefangenen, der den Film eröffnet, entsprach nicht seinen Vorstellungen. Die zweihundert Statisten marschierten holprig und ohne Schwung. Auch nach mehrmaliger Wiederholung der Szene, stellte sich keine Änderung ein und hatte einfach keinen Pepp. Erst nachdem ein Statist die ersten Takte eines Marsches pfiff, pfiffen die Marschierer mit und damit wurde eine gepfiffene Melodie ohne Text zum Weltschlager. Die Originalversion hat der Amerikaner Mitch Miller eingespielt.

Österreich vor 60 Jahren: Als die AUA abhob…

Was tat sich überhaupt vor 60 Jahren in Österreich? Die Austrian Airlines, die AUA nimmt den Flugbetrieb auf dem Flughafen Wien-Schwechat auf und Papst Johannes XXIII. ernennt den Erzbischof von Wien, Franz König, in der Peterskirche in Rom zum Kardinal. Bei den Skiweltmeisterschaften in Badgastein gewinnt Toni Sailer den Weltmeistertitel in der Abfahrt und im Riesenslalom, außerdem siegt er in der Kombination. Der Wiener Sportklub wird österreichischer Fußballmeister. Als erstes Autobahnteilstück wird die fast 24 Kilometer lange Strecke von Mondsee bis zur Salzburger Landesgrenze dem Verkehr übergeben. Auch von Enns bis Sattledt kann man nun die Autobahn benützen.

Von Heimweh und Heimat-Schlagern

Ferne und Heimat – so lautete das klassische Begriffsduo dieser Zeit. Während die Schlager in die Ferne schweiften, träumten andere von der Heimat. Wie die Filmindustrie einen Streifen nach dem anderen mit kitschigen Berg- und Almszenen ausstaffierte, fuhren die Schlagerproduzenten ganze Wagenladungen heimatträchtiger Titel auf: „Das alte Försterhaus“, „Bei mir zu Haus“, „Försterliesel“ und „Ein Häuschen mit Garten“. Ein Österreicher wurde zum Idol der Heimat-und-Ferne-Stimmung, der 1931 in Wien geborene Freddy Quinn. Er hielt schon wochenlang die Hitparaden mit seinen Schlagern „Heimweh“, „Heimatlos“ und „Ich bin bald wieder hier“ besetzt. Serienweise gelingt es ihm, Gefühle von Verlust, Einsamkeit und Heimweh zu verbreiten. Sein Erfolg dürfte sich allerdings nicht nur auf die Texte zurückführen lassen, sondern auch auf das sorgsam gepflegte Image des Interpreten. Welches Bild wäre romantischer, als das des 27 Jahre jungen, von Heimweh geplagten Seemanns, zumal der Durchschnittshörer in Österreich eigentlich selten mit jungen, heimwehgeplagten Seeleuten in Berührung kam. Oder „war es doch die Salzluft, die gut für meine Stimmbänder ist“, wie Quinn einmal behauptete.

„Rock around the clock“

Auf dem amerikanischen Kontinent brach 1956 das Rock’n’Roll-Fieber aus. Der schmalzlockige Bill Haley hatte auf der Suche nach einem neuen Effekt harte, tanzbare Rhythmen aus der schwarzen Musik Harlems mit einprägsamen und immer wiederkehrenden Elektrogitarren- und Saxophonphrasen, simplen und eingängigen Texten zu einem neuen Klang zusammengekocht. Mit dem Film „Die Saat der Gewalt“, dem das amerikanische Außenministerium durch das Verbot für die Biennale in Venedig zu ungeheurer Publizität verhalf, und mit dem Schlager „Rock around the clock“ wurde der Rock’n’Roll salonfähig. Bill Haley fand rasch Nachahmer und einer davon war Elvis Presley. In der ganzen Welt wird das Musikgeschäft durcheinandergeschüttelt. Der Siegeszug von Rock’n’Roll und Beat rüttelt auch in Österreich an Hörgewohnheiten und verschiebt die Geschmacksgrenzen. Der damalige Kinderstar Cornelia Froboess stieg mit der deutschen Version des Paul Anka-Songs „Diana“ ins Rock’n’Roll-Geschäft ein und eröffnete hierzulande die Teenagerwelle.

Die Stunde von Peter Kraus und Ted Herold

Der Erfolg von Bill Haleys “Rock around the clock” war vielleicht so etwas wie ein Versuch der Jüngeren, aus der “heilen”Welt der Eltern auszubrechen. Egal, ob dabei einige Möbel zu Bruch gingen wie beim Auftritt des Amerikaners 1958. Die Schlagersänger Peter Kraus und Ted Herold verkörperten den Typ der Halbstarken – mit Schmalzlocke, Lederjacke und Stiefel ein eher braver Ersatz für den rebellierenden Elvis.

Es lässt sich nicht verleugnen, dass die Schlager, die 1958 in den Radios zu hören waren, nicht nur den Geist der damaligen Zeit widerspiegelten sondern auch die Träume und Hoffnungen dieses Jahrzehnts. Sie lösen auch 60 Jahre später Erinnerungen aus und machen die Vergangenheit wieder lebendig. Die Fifties waren einfach Jahre der beginnenden Neuorientierung, es waren Jahre, in denen jungen Menschen wieder allerlei Freiheiten angeboten wurden und in denen vieles neu bewertet wurde.