1948: Mit Musik durch schwere Zeiten

In Österreich und Deutschland entwickelte sich ab den 60er-Jahren eine ganze Musiksparte nach diesem Namen, welche deutschsprachige von englischen Titeln unterschied. Da uns mancher Schlager ein ganzes Leben lang begleitet und an schöne und schreckliche Momente erinnert, ist das Grund genug, diesen einmal in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Begriff „Schlager“ kommt vermutlich vom englischen Wort „Hit“ und soll Titel bezeichnen, die regelrecht „einschlagen“.

Nachdem heuer die Achterjahre äußerst präsent in allen Medien vertreten sind - denken wir nur an die Republiksgründung 1918, das „Anschluss“-Jahr 1938, die 68er-Protestbewegungen -, war die Idee, etwas auszusuchen, was eigentlich niemand zum heurigen Gedenk- und Erinnerungsjahr auf seiner Liste hat - nämlich die Achterjahre musikalisch zwischen 1928 und 1988. Nach 1928 und 1938 ist heute 1948 an der Reihe. Die 1940er-Jahre standen im Schatten des Zweiten Weltkriegs, der bis 1945 andauerte und vor allem in Europa zu einer kulturellen Stagnation führte.

Schnulzige Musik des Nazi-Regimes

Während des Krieges hatte die nationalsozialistische Herrschaft die Unterhaltungsmusik für ihre Zwecke instrumentalisiert, Unmengen an Titel verboten, bekannte Interpretinnen und Interpreten für sich gewinnen können, andere und unliebsame Künstler schlicht und einfach lahmgelegt. Ziel war Zerstreuung, Ablenkung und Durchhalteparolen. Mit den Nazis und ihrer Extremisierung der Gesellschaft verschwand der Humor gänzlich aus den Texten der Schlager, die inzwischen auch im Tonfilm ein Medium zur Verbreitung gefunden hatten. Dafür wurden sie romantischer, schnulziger und sentimentaler. Die vom Publikum geliebten Stars wie Heinz Rühmann, Hans Albers, Marika Röck, Zarah Leander, Johannes Heesters, Ilse Werner und andere arrangierten sich mit der Diktatur, um weiter Filme und Schlager produzieren zu können. Marlene Dietrich gehörte zu den Ausnahmen, die sich als Nichtjuden aus Deutschland zurückzogen. Marschhymnen wie „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ hatten vor Kriegsbeginn emotional aufgewühlt. Das Wanderlied „Wozu ist die Straße da, zum Marschieren, zum Marschieren durch die ganze Welt“ wurde wohl von jeder Kompanie der deutschen Wehrmacht gesungen. „Davon geht die Welt nicht unter, sieht man sie manchmal auch grau. Einmal wird sie wieder bunter, einmal wird sie himmelblau“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend Märchen wahr“: allesamt musikalische Propagandamusik, die die Hoffnungen auf den Endsieg aufkochten.

Schallplatte

Austrovinyl

Erst nach der Kapitulation Adolf Hitlers 1945 hatte der deutsche Schlager wieder eine Chance, an die doch recht lebenslustigen 20er-Jahre zumindest musikalisch anzuknüpfen. Ich habe das bereits in einer eigenen Sendung dokumentiert. Swing, Jazz und all die von den Nationalsozialisten verteufelte und verbotene „entartete“ Musik hauchten dem Schlager neues Leben ein. Die britischen und amerikanischen Besatzungstruppen waren an der Förderung der deutschen Schlagerindustrie naturgemäß nicht interessiert. 1948 ist somit das Jahr, aus dem die in der Sendung gespielten Musiktitel original, unbearbeitet und in ganzer Länge zu hören sind. Das ausgezeichnet sortierte Hörfunk-Archiv des Landesstudios OÖ macht das möglich.

Hören Sie hier in einen Vorgeschmack zur Sendung

In der Stunde Null dachte angesichts von Ruinen und drückender Not keiner an Amüsement und Unterhaltung. Auch waren die Organisation und Produktionsstätten der Musikindustrie weitgehend zerstört. Aber wieder einmal bestätigte sich die alte Erfahrung, dass gerade in schweren Zeiten das Bedürfnis nach Ablenkung besonders groß ist. Als angeblich kaum einer was zu lachen hatte, lachten alle über den im Boogie Woogie-Rhythmus näselnden Theo Lingen, der als Charakterdarsteller am Wiener Burgtheater wirkte. 1903 in Hannover geboren, nahm er 1946 die österreichische Staatsbürgerschaft an.

Wie in fast allen anderen Epochen offenbarten auch die Schlagertexte der unmittelbaren Nachkriegszeit zwei grundsätzlich unterschiedliche Tendenzen. Während ein Teil der Texte die politische Situation und das gesellschaftliche Klima gezielt erfaßte und reflektierte, setzte eine nicht unerhebliche Anzahl von Schlagerproduktionen bewusst auf die Verleugnung der Realität und der Flucht aus ihr. Speziell für den Schlager des zweiten Typs entstand Ende der 40er-Jahre die volkstümliche Bezeichnung „Schnulze“. Die Folgen des schrecklichen Krieges, die zerstörten Städte, die wirtschaftliche Not, unsichere Zukunftsperspektiven – die allgegenwärtigen Krisen im Alltag werden durch selbstironische, durchaus humoristische Aufarbeitung in den Texten heruntergespielt.

Unter den Schlagerproduktionen, die von der Alltagssituation ablenken sollten, nimmt der Themenkreis „Fernweh“ einen großen Platz ein, lag doch in der Ferne immer das erträumte Paradies, die in der Heimat verlorengegangene Idylle. Viel hat man ja vom Ausland nicht gewusst, aber abendländische Klischees von der Fremde waren wohl vorhanden. Das Comedian-Quartett begibt sich bei einem ihrer Schlager zwei Strophen lang auf einen heiteren Ausflug in orientalische Gefilde, die genau diesen Klischee-Vorstellungen vom Orient mit Harem, Haremsfrauen und Eunuchen und einem grausamen Sultan entspricht. Das Stück heißt „Skandal im Harem“. Dieses deutsche Gesangsquartett singt noch im Stil der erfolgreichen „Comedian Harmonists“. Diese hatten sich schon Mitte der 30er-Jahre aufgrund ihrer jüdischen Herkunft gezwungenermaßen aufgelöst.

Eine charmante Wienerin begeisterte über Jahrzehnte mit Melodien ihre Zuhörer. Egal, ob sie „heiße“ Titel singt oder ob zarte Liebeslieder ins Mikrophon haucht, Ernie Bieler steht hinter ihren Liedern und ihr Publikum spürt das. Dabei wollte die 1925 Geborene eigentlich gar nicht auf der Schlagerbühne stehen. Ernestine Geisbiegler, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, hatte als Sängerin die Opernbühne im Visier, denn sie entstammte einer musikalischen Familie. 1947 wird sie vom Jazzfieber gepackt, der Saxophonist Hans Koller vom Hot Club Vienna rät ihr zum Probesingen bei der Schallplattenfirma Austrophon, nachdem er ihre wandlungsfähige Stimme gehört hat. Bieler hat Erfolg und bekommt auf der Stelle einen Plattenvertrag.

Erni Bieler

ÖNB, Bildarchiv der US-Informationsdienste in Österreich

Erni Bieler und Peter Alexander

Die Tragik der vielen Heimatvertriebenen und das vielfach noch ungewisse Schicksal der Kriegsgefangenen hinterließ ebenfalls starke Spuren in der Schlagerproduktion zu dieser Zeit. Komponisten und Texter mussten darauf Bedacht nehmen, den Nerv ihrer Klientel zu treffen. Der Themenkreis „Heimat“ erfreute sich daher großer Beliebtheit, verheiratete Frauen warteten auf die Wiederkehr ihrer Ehemänner. 1947 kommt es zum ersten Heimatfilm nach dem Zweiten Weltkrieg. Er heißt „Der Hofrat Geiger“ und sollte einen Blick auf die weitgehend unzerstörte Provinz lenken und zur Bekanntheit der Wachau beitragen. Prominent besetzt mit Paul Hörbiger, Hans Moser, Waltraut Haas wurde der Film der wirtschaftlich erfolgreichste der Nachkriegsjahre. Kurz der Inhalt: Der Hofrat Franz Geiger wurde 1938 beim Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland so wie andere missliebige Beamte aus seinem Amt entfernt. Er heiratet in Spitz Marianne, die von Maria Andergast gespielt wird. Sie singt das unvergessliche „Mariandl“, eine Edelschnulze, die den Ausgangspunkt für ihre zweite Karriere als Sängerin werden sollte.

Internationale Modetänze kopiert

Nicht zu überhören ist der schon anklingende Bigband-Sound, den auch ein gewisser Horst Winter liebte. Der 1914 in Oberschlesien geborene Kapellmeister und Sänger entdeckte schon früh seine Liebe zur swingenden und jazzigen Tanzmusik, wobei Artie Shaw und Benny Goodman, aber auch Glenn Miller zu seinen Vorbildern zählten. Er versuchte, deren Sound nachzuspielen, indem er ausgezeichnete Arrangeure und Solisten für sein Orchester beschäftigte. 1945 kehrt er nach der Kriegsgefangenschaft in der Normandie nach Wien zurück, wird dort zum Österreicher. 1946 konnte man ihn schon mit dem eigens von ihm gegründeten Wiener Tanzorchester hören. 1948 spielte er „Mir kommen Tränen“ ein, Glenn-Miller-Sound à la Austria mit dem hohen Satz und Führung der Klarinette.

Nach der Zeit staatlich verordneter Volks- und Deutschtümelei unter der Naziherrschaft werden internationale – darunter vor allem nordamerikanische – Modetänze und Rhythmen begeistert kopiert. Es ist der Swing, der unmittelbar nach dem Krieg als musikalisches Chiffre für alles Amerikanische galt. Die Briten und Amerikaner brachten ihre Musik mit, in ihren Besatzungszonen und Rundfunkstationen, die sie kontrollierten. General Mark Clark befahl nach dem Einmarsch die Gründung eines Radionetzwerks in Österreich.

Dixie- und Swingfestival 2017

Dixie- und Swingfestival 2017

Eine mobile Sendeanlage wird nach Salzburg geschickt, wo zunächst in einem LKW-Anhänger das erste Studio von „Blue Danube Network“ eingerichtet wird. Später übersiedelte es dauerhaft in das Schloss Klessheim. Von hier aus nahmen die USFA, die Abkürzung für „United States Forces in Austria“ nach und nach sieben Sendeanlagen in Österreich in Betrieb: Drei Sendestudios in Salzburg, Linz und Wien, Übertragungsstationen in Zell am See, St. Johann, Tulln und Innsbruck. Ziel war die Versorgung der amerikanischen Truppen mit Musik und Unterhaltung aus der Heimat.

Regelmäßige Radiosendungen

In Linz befand sich der Sender „Blue Danube Network“ im Mai 1945 am Freinberg. Er selbst war nicht sehr stark, er hatte nur eine Leistung von 7 kW. Anfänglich wurden mit Hilfe dieser schwachen Ausstrahlung die Programme von Blue Danube Network Salzburg übertragen, erst nach einiger Zeit wurde in Linz ein eigenes Sendestudio im Landhaus eingerichtet. Erwähnenswert ist, dass auch gelegentlich österreichische Musiker und Bands in die Programme aufgenommen worden sind, auch Marcel Prawy hatte eine eigene Sendung, die noch nichts mit der Oper zu tun hatte, er moderierte den Sprachkurs „German made easy“. Bud Miller war DJ in Linz und moderierte „Record Shop“, von Montag bis Samstag um fünf nach Drei. Swing gabs in der Sendung “Swingtime”. Sie wurde ebenfalls immer aus Linz jeden Samstag mit Alan Cigan um 14 Uhr ausgestrahlt. Fans der Country und Western Music kamen von Montag bis Freitag auf ihre Rechnung, moderiert von verschiedenen Djs hieß es um 17 Uhr „Hillbilly Jubilee“.

Auch die sowjetische Besatzungsmacht verfügte über eine regelmäßige Radiosendung. Sie hieß „Die Russische Stunde“, erlaubt waren über mehr als fünf Stunden täglich für Propagandazwecke. Das Funkhaus Wien, in der die „Russische Stunde“ produziert wurde, befand sich in der russischen Zone, dadurch konnten die Besatzer sehr einfach Einfluss auf das Radioprogramm ausüben. Als sich in Folge der Intensivierung des Kalten Krieges ab 1947 der Druck verstärkte, wurde zunehmend ganz offen kommunistische Propagandaarbeit betrieben.

michael.huemer@orf.at