„Schlag auf Schlager“: Musik aus 1928

In „Schlag auf Schlager“ in der Reihe „Lust aufs Leben“ widmet sich Michael Huemer am Sonntag der Musik der 1920er-Jahre, unter dem Titel „Was meine Urgroßeltern vor 90 Jahren hörten – Witz, Charme, Lebenslust in den Goldenen Zwanzigern“.

1918, 1938, 1948, 1968 - die „Achterjahre“ stehen aufgrund zahlreicher Gedenktage und Jubiläen im Mittelpunkt des heurigen Jahres. Historische Ereignisse wie 100 Jahre Erste Republik, 100 Jahre Erster Weltkrieg, 80 Jahre „Anschluss“, 80 Jahre Novemberpogrome, 50 Jahre Einmarsch sowjetischer Truppen in die CSSR.

Sendungshinweis:

"Lust aufs Leben – Schlag auf Schlager“, die Goldenen Zwanziger, 15.4.18, 21.03 Uhr

Auch abseits der großen Geschichtsjubiläen gibt es heuer große Jahrestage, die vielleicht nicht allseits bekannt sind: 200 Jahre Aufführung von „Stille Nacht, heilige Nacht“, 100 Jahre Einführung des Frauenwahlrechtes in Österreich, 120 Jahre Inbetriebnahme der Linzer Pöstlingbergbahn, 50 Jahre die größte europäische Jugendrevolte der Nachkriegszeit, 40 Jahre Volksabstimmung über das Atomkraftwerk Zwentendorf, und so weiter und sofort. Die Liste ist schier endlos.

Tanzen 20er

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Tanzveranstaltung im Garten in den 1920er-Jahren.

Die Achter-Jahre musikalischer unter der Lupe

In der siebenteiligen Serie „Schlag auf Schlager“ werden dabei die Achter-Jahre musikalisch von 1928 bis 1988 unter die Lupe genommen, was denn da aus Radioempfängern wie Transistorradios, Volks- und Röhrenempfängern und sonstigen analogen Apparaten dröhnte.

Die historische Entwicklung der Schlagermusik hing und hängt eng mit dem Aufkommen technischer Neuerungen und deren systematischer Nutzung zusammen. Im deutschsprachigen Raum begann der Rundfunkbetrieb zuerst in der Schweiz und Deutschland mit Testsendungen, erste regelmäßige Programmausstrahlungen folgten Ende 1922 und Anfang 1923 durch zwei schweizerische Flugplatzsender. Die „Funk-Stunde AG Berlin“ nahm ihren Betrieb 1924 als erster Hörfunksender in Deutschland auf, in Österreich war es die RAVAG, die Radio Verkehrs AG in Wien, die im selben Jahr startete.

Die Goldenen Zwanziger-Jahre

Die 20er-Jahre gelten als eine Zeit, in der nach den schrecklichen Erfahrungen des ersten Weltkrieges die Menschen wieder aufatmeten. Sie hatten großes Interesse an schmissigen Rhythmen, die für gute Laune sorgen sollten und vor allem tanzbar waren. Die vorher populären Operettenmelodien waren passé. Die Surrealisten kamen mit ihren Werken heraus, die Dadaisten schufen sinnigen Unsinn, es wurde getanzt, und verpönt war, wer das Tanzen nicht beherrschte. Die Bevölkerung wollte ihre neue Freiheit leben und die Nächte durchfeiern. Lebenslust war angesagt, 1929 mit dem New Yorker Börsencrash und der darauffolgenden Weltwirtschaftskrise sollte das bald ein abruptes Ende nehmen. Wenn man es genau betrachtet, den Text und die Machart der Songs, dann geben die Spitzenschlager eines jeden Jahres die jeweilige Publikumsmentalität getreulich wieder. Im Jahre 1931, als Deutschland und Österreich von der Wirtschaftskrise ausgeblutet und von den politischen Wirren durcheinandergeschüttelt wurden, hieß der Schlagererfolg „Das gibt’s nur einmal“ einer Zarah Leander. Als Adolf Hitler 1939 den zweiten Weltkrieg vom Zaun brach, sang Heinz Rühmann „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“.

Marika Rökk

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Marika Rökk

Schlager während des Zweiten Weltkriegs

Der überschwängliche Schlager des Jahres 1940 entspricht genau der Stimmung der Soldaten während des siegreichen Vormarsches. Marika Rökk sang „Für eine Nacht voller Seligkeit“ in dem Unterhaltungsfilm „Kora Terry“, der schon propagandistische Untertöne aufweist. Und was hätte 1944 besser die Empfindungen des Volkes treffen können als das mit höchster Genehmigung durch das Propagandaministerium kreierte „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Dieser Durchhalteschlager wurde vor allem durch die Interpretation von Lale Andersen als Trost- und Hoffnungsspender für die Soldaten berühmt. 1946 nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges und am Höhepunkt der Umsiedlungswelle gab es die erste große Heimatschnulze: „Möwe, du fliegst in die Heimat“, sie wird von einer gewissen Magda Hain mit dünner Koloratursopranstimme besungen – noch lange vor „La Paloma“ eines Hans Albers. 1949 aber, als auf der Basis von Darlehen und Anleihen der Wirtschaftsaufschwung begann, sang Jupp Schmitz und das Comedian Quartett „Wer soll das bezahlen“ als Anspielung auf die durch die Währungsreform ausgelösten Preissteigerungen.

Charleston und Schellack-Platten

Kehren wir in die 20er zurück. Sie tanzten und träumten zu Musik amerikanischer Prägung. Die Charleston-Welle aus den USA hat dank Josephine Baker auch in Europa keinen Stein auf dem anderen gelassen. Jazz und Swing revolutionierten die Musik. Dazu kam noch, dass die ersten Schellack-Platten auf den Markt erschienen und sich so der Schlager bzw. die Unterhaltungsmusik noch rascher verbreiten konnten, als sie es bereits zuvor getan hatten. Der Schlager wurde zum Unterhaltungsfaktor und drang durch die Einführung der Rundfunkanstalten in die Wohnzimmer. Das Hörpublikum genoss die flotten Melodien und Rhythmen und der Schlager wandelte sich abseits der großen Klassiker und den amerikanischen Importen gewaltig. So wurden zum Beispiel zahlreiche Nonsense-Texte gedichtet wie „Wer hat bloß den Käse zum Bahnhof gerollt?“ oder „Mein Papagei frisst keine harten Eier“ oder „Du bist als Kind zu heiß gebadet worden“. Die Einfachheit der Texte lässt sich anhand der Titel oftmals bereits erkennen. So entstanden unter anderem Reime wie „Was macht der Mayer am Himalaya“ und „Unter den Pinien von Argentinien“ oder auch „Mein Onkel Bumba aus Kalumba“. Doch neben der Möglichkeit, einfache Reime in Liedgut zu verpacken, gab es durchaus eine andere Seite des Schlagers, nämlich eine sehr wolllüstig-erotische. Mit spielerischem Charme wurden anzügliche und frivole Texte verpackt. Der Song „Veronika, der Spargel wächst“ hat eine ganz andere Bedeutung, als es auf den ersten Blick scheint.

Josephine Baker, Charleston

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Josephine Baker, 1926

Breites Themen-Spektrum

Auch der Hit „Ich hab das Fräulein Helen baden sehn“ war für die damalige Zeit überaus anrüchig. „Fräulein, wolln Sie nicht ein Kind von mir?“, „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“, „Wenn ich Liebe brauche, dann geh ich zur Pauline“ sind alles Titel, die die etwas freizügigere Moral zum Ausdruck bringen. Die goldenen Zwanziger hatten also insgesamt ein breites Spektrum an unterschiedlichen Themen. In dieser Zeit kam auch der Shimmy auf, welcher als totaler Skandaltanz abgehandelt wurde, weil bei ihm der Körper von Kopf bis Fuß mit Hilfe der Bauchmuskeln geschüttelt wird. Mit dem Foxtrott, dem Black Bottom, dem Charleston und dem Tango – allesamt sehr körperbetonte Tänze, liebäugelte die Jugend, während die ältere Generation diese Modetänze als zu freizügig erachtete. Vor allem die kirchlichen Einrichtungen standen der Bewegung eher kritisch gegenüber und waren nicht begeistert von den Texten, die auf öffentlichen Veranstaltungen durch die Schlagerinterpreten gesungen wurden.

Gebürtiger Linzer: Erster „Star“ des Schlagers

Der 1882 in Linz geborene Sänger Richard Tauber begann im „ernsten“ Fach als Tenor. Er kam durch die Bekanntschaft mit Franz Lehár, der ihm zahlreiche Operettenrollen auf den Leib schrieb, zu Weltruhm. Er war bald viel mehr als eine Stimme: ernster Opernliebling und angeschwärmtes Operettenidol, leidenschaftlicher Liebhaber und treuer Freund, Schallplatten-, Radio- und Filmstar. Man kann ihn durchaus als den ersten „Star“ der Schlagergeschichte bezeichnen.

Der Unterhaltungskünstler Willy Rosen

Willy Rosen war ein deutscher Kabarettist, Komponist und Texter und zählte in den 20er-Jahren zu den bekanntesten Unterhaltungskünstlern in Deutschland. „Was will der Mann da auf der Veranda“ war sein erfolgreichster Titel. Seine enorme Popularität entstand vor allem durch seine öffentlichen Auftritte, bei denen er stets seine Werke mit den einführenden Worten: „Text und Musik von mir“ vorstellte. Sein hoher Bekanntheitsgrad half ihm nichts, er war jüdischer Abstammung. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde Rosen ein Auftrittsverbot erteilt, er emigriert in die Niederlande. Nach der deutschen Besetzung Hollands ist es aus, Rosen wird inhaftiert, nach Auschwitz deportiert und 1944 in einer Gaskammer ermordet.

1928 lachte man über ein Lied, das der in Ostpreußen geborene Walter Kollo geschrieben hatte. Und zwar als Parodie auf die damals modernen Schlagertexte. 1921 war eine Art Blödeltechnik aufgekommen, nachdem ein nebenberuflicher Schlagerlyriker die Gewissensfrage gestellt hatte, wer denn um Himmelswillen irgendeinen Käse zu irgendeinem Bahnhof gerollt habe. Kollo konterte dem Käse mit einem Titel, der trotz aller Parodie selbst ein echter Schlager wurde und den später neben vielen anderen Interpreten auch Billy Mo sang. Zur Verbreitung des Liedes trug übrigens ein Prozess vor einem Berliner Gericht bei, der kurz nach dem Erscheinen des Schlagers stattfand. Eine ältere Frau hatte einer Dienstbotin gekündigt, da diese ihren Papagei mit einem harten Ei gefüttert hatte, woraufhin er gestorben sei. Die Frau beklagte, dass die Gekündigte spätestens nach Erscheinen des Liedes hätte wissen müssen, dass harte Eier keine geeignete Nahrung für Papageien seien.

Friederike Massarik – Vorbild auch für die Mode

Friederike Massarik war schon im Kaiserreich ein Star, in den Goldenen Zwanzigern besaß sie in Berlin Kultstatus: berühmt, hochbezahlt, vielbeschäftigt. Als Tochter aus einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien nervte sie schon als Kleinkind ihre Umgebung mit ihrem Glauben an ihre Berufung als Sängerin, so wie immer und überall kleine Mädchen tanzen, trällern und davon träumen, im Scheinwerferlicht zu leuchten. Sie trat bereits mit 17 Jahren am Linzer Landestheater auf. 1904 geht sie nach Berlin, da ist sie 22 Jahre jung. Am Metropol-Theater gelingt ihr der künstlerische Durchbruch als Sopranistin. Sie wird zur berühmtesten Operettensängerin ihrer Zeit und betörte ihr Publikum als „Lustige Witwe“, „Czardasfürstin“ oder „Madame Pompadour“. Bekannt unter ihrem Künstlernamen „Fritzi Massary“ richtet sich die weibliche Bevölkerung nach ihrem modischen Geschmack. Sie war eine grazile Frau, hatte große, dunkle, ausdrucksstarke Augen in einem ovalen Gesicht. Volle Locken quollen pechschwarz unter ihren ausladenden Hüten hervor, Massary war auf dezente Weise elegant gekleidet. Ihre Karriere beendet ebenfalls der braune Terror der Nationalsozialisten. Sie muss Berlin verlassen, flüchtet nach Wien, wenig später in die Schweiz. Ihrer nach Übersee geflohenen Tochter gelingt es 1939 gegen zahlreiche bürokratische Widerstände die Mutter in die USA zu holen, wo sie 1969 in Beverly Hills stirbt. Am 10. Jänner 1928 nimmt sie das Operettenlied „Im Liebesfall“ auf.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at