Wenn die Massenstimmung plötzlich umschlägt

Im Rahmen der Sendereihe „Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“ steht am Sonntag, 8. April 2018, ab 21.03 Uhr eine Sendung unter dem Titel „1938 und die Lehren der Geschichte“, basierend auf einem Vortrag von Konrad Paul Liessmann auf dem Programm.

Sendungshinweis

„Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“, 8.4.2018, 21.03 Uhr

2018 jähren sich bedeutende politische Ereignisse: Die „Achter-Jahre“ des 20. Jahrhunderts haben Österreich und der Welt einschneidende Geschehnisse beschert. Für Österreich bedeuteten sie zweimal harte Brüche in der Staatsform, sowohl in Richtung Demokratie mit der Ausrufung der 1. Republik 1918, als auch in Richtung Diktatur und Schreckensherrschaft zwanzig Jahre später mit dem Einmarsch der deutschen Truppen und dem „Anschluss“ Österreichs. Die historischen Ereignisse sind unterschiedlich zu bewerten und zu vergleichen. Ein Kriterium, unter denen sie betrachtet werden können, ist die aktive Teilnahme der Bürgerinnen und der Bürger sowie ihre Mitbestimmung am politischen Geschehen.

Die Sendung zum Nachhören:

Viele der Bilder aus dem Fernsehen und der Fotos in der Presse, die uns allen aus dieser Zeit geläufig sind, zeigen Menschenmassen und Menschenansammlungen: Bei der Ausrufung der Ersten Republik 1918 oder auch die höchst unrühmliche Volksmenge, die Hitler zunächst in Linz am Hauptplatz und drei Tage später am Heldenplatz in Wien 1938 begrüßt haben. Denken Sie an 1968, an die Studentenproteste bei Hörsaalbesetzungen und die öffentlichen Diskussionsveranstaltungen für mehr Mitbestimmung und Demokratisierung an den Hochschulen. Es gab Solidaritätskundgebungen für Rudi Dutschke, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und das Schah-Regime in Persien, bei denen es auch zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Zehn Jahre später, 1978, prägten Diskussionen, Massenkundgebungen und die Abstimmung rund um den geplanten Bau des Atomkraftwerkes Zwentendorf die politischen Debatten in Österreich.

Verhängnisvolles 38er-Jahr

Schon weniger laut und kaum wahrgenommen von der Bevölkerung wird 1938 die Errichtung eines Konzentrationslagers im oberösterreichischen Mauthausen durch die Nationalsozialisten. Im Laufe der Zeit sollte es zu einem Lagerkomplex mit 40 Nebenlagern in ganz Österreich ausgebaut werden. Dieses verhängnisvolle 38-Jahr sollte noch ein weiterer düsterer Aspekt prägen. Vom 8. auf den 9. November kommt es zur sogenannten von den Nationalsozialisten bezeichneten „Reichskristallnacht“, einem staatlich inszenierten Pogrom, das einen ersten Höhepunkt der Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen und Juden sowie des Raubes und der Zerstörung jüdischen Eigentums markiert. Dass 1918 das allgemeine Wahlrecht in Österreich für alle Staatsbürgerinnen ab dem 20. Lebensjahr eingeführt wird, dass ein halbes Jahrhundert später die Todesstrafe aus dem Militärrecht gestrichen und sie damit in Österreich vollständig abgeschafft wird, geht dabei fast unter.

Beim Wechselspiel zwischen Politikerpersönlichkeiten und politischen Bewegungen sowie dem Verhältnis zu Autoritäten drängen sich – wo es zu Massenzusammenkünften kommt – Stichworte wie „Mitläufertum“, „Bürgerinitiative“, „Gehorsam“ und „Widerstand“ auf. Die historischen Bilder der jubelnden Menschen im März 1938 in ganz Österreich wirken verstörend und sind Beispiel dafür, wie leicht Menschen in der Masse aufgehen können. Das Jubeln, die Trommeln, das Marschieren, das kann einen besoffen machen, es kann zum Rausch führen, die Wucht eines Menschenpulkes hat eine euphorische Anziehungskraft, die einem offensichtlich den Verstand verlieren läßt.

Plakat "Juden unerwünscht"

ORF

Es waren ganz normale Menschen, ganz normale Österreicherinnen und Österreicher. Gut gekleidete, biedere Bürger, Mütter mit Kindern, Arbeiter und Angestellte, die vielleicht wie der Fotograf an diesem 14. März freibekommen haben, um an dem großen historischen Ereignis des Einmarsches 1938 teilnehmen zu können. Auf den Schwarz-Weiß-Fotos sind die sogenannten „Reibpartien“ zu sehen, bei denen politische Gegner zu demütigendem öffentlichen Abwaschen und Entfernen politischer Slogans gezwungen wurden. Diese Bilder zeigen, dass die Schaulustigen und Gaffer keineswegs „jene Lemuren oder Halbdämonen waren, die aus dem Schlund der Hölle gekrochen kamen“, wie sie der deutsche Schriftsteller Carl Zuckmayer im Hinblick auf die „Reibpartien“ in seiner Autobiographie beschrieb.

Keiner will dabei gewesen sein

1945 nur sieben Jahre später, nach dem Zusammenbruch des „Tausendjährigen Reiches“ will plötzlich keiner mehr dabei gewesen sein. Will sich keiner mehr erinnern, dass er fröhlich lachte und feixte, als die jüdischen Nachbarn im Sonntagsstaat mit Reibbürsten auf der Straße knieten und schrubbten, zum Gaudium der Umstehenden. An die 60.000 jubelten, brüllten und fahnenschwenkten am Linzer Hauptplatz und viele von ihnen sprachen von einem fast verrückt machenden Glückserlebnis. Es ist beängstigend, dass sie nach der Kapitulation des Deutschen Reiches und den Jahren davor von den Gräueltaten der Nationalsozialisten nichts gehört haben, nichts gesehen haben und damit nichts zu tun haben. Lange, intensiv und mit großer Heftigkeit wurde die Debatte geführt, ob Österreich durch den Einmarsch der deutschen Truppen zu einem Opfer des Nationalsozialismus geworden war oder vorrangig Täter durch die Beteiligung von Österreichern am Zweiten Weltkrieg und an den Verbrechen des Dritten Reiches. Nach einer Reihe von Skandalen, die in der Waldheim-Affäre ihren Höhepunkt fanden, konnte das Tabu der österreichischen Beteiligung am nationalsozialistischen Regime nicht mehr gehalten werden. Die Gesellschaft begann, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Sechs Versuchungen

Es stellen sich geradezu reflexartig Fragen wie, wer hatte Schuld und welche Lehren wurden daraus gezogen. Kann man einen Schlussstrich ziehen, wie das manche wollen? Was lernen wir aus der Geschichte? Am 13. März hielt der Linzer Gemeinderat zum Gedenken an das Jahr 1938 im Alten Rathaus eine Sondersitzung ab, bei der der bekannte Philosoph und Kulturpublizist Konrad Paul Liessmann sich mit der Frage auseinandersetzte, ob heute politische Konzepte um sich greifen könnten, die ein Unrechtsregime wieder an die Macht bringen könnte. Sind in Entwicklungen und Phänomenen unserer Gegenwart womöglich die ersten Anzeichen einer neuen verhängnisvollen Entwicklung schon spürbar. Man spricht von der Krise der Demokratie, vom Aufschwung des Rechtspopulismus, von den möglichen negativen Auswirkungen in den sozialen Netzwerken. Seinen Vortrag „1938 und die Lehren der Geschichte“ hat Radio OÖ mitgeschnitten. Sie hören daraus Auszüge.

Konrad Paul Liessmann spricht von sogenannten sechs Versuchungen, denen viele Menschen unterlegen sind und die uns hier und heute gefährlich werden können: die nationalistische und antisemitische Versuchung, die imperiale und die ökonomische Versuchung sowie die Versuchung des Erfolgs und die totalitäre Versuchung.

Folgende Zitate bzw. Auszüge werden in der Sendung außerdem zu hören sein: „Große Zeiten“ von Erich Kästner, „Der Herr Karl“ von Carl Merz und Helmut Qualtinger, „Das dritte Reich“ von Kurt Tucholsky. Musikbeispiele: „Lied einer deutschen Mutter“ gesungen von Lotte Lenya. Sie nahm dieses Stück 1943 für das Programm der „Voice of America“ auf, komponiert hat es Paul Dessau, der Text stammt von Bertolt Brecht. „Weil die Lichter wieder brennen“ singt Ernst Busch, das Lied entstand unmittelbar nach Kriegsende im Frühsommer 1945.

Michael Huemer