Besondere Messen in „Lust aufs Leben“

Am Ostersonntag widmete sich Michael Huemer dem Gottesdienst. Unter dem Motto „Trommeln und singen für den Herrn“ beleuchtete er zwei besondere Messen: die „Missa Luba“ und die „Misa ritual Hispano-Visigotico“.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben - Kultur aus allen Richtungen“, 1.4.18, 21.03 Uhr

Kennen Sie eigentlich das Königreich Luba? Wahrscheinlich nicht, weil es sich Ende des 19. Jahrhunderts bereits aufgelöst hat. Es gründete sich drei Jahrhunderte zuvor in Zentralafrika und geht auf den mythischen Gründer Kongolo Mwamba zurück. Dieser Gründungsvater hat mehrere Stämme und Ethnien zu einem immer größer werdenden Reich zusammengefügt. Dieses blieb immer instabil und unruhig, weil es von verschiedenen Dynastien beherrscht wurde. Ständige Bürgerkriege um den Herrschersitz ließen das Reich zerfallen, das sich auf dem heutigen Territorium der Demokratischen Republik Kongo befand.

CD-Cover der beiden Messen

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CD-Cover

Aus Luba wird Zaire

Von 1885 bis 1908 wird das Gebiet zum Privateigentum des belgischen Königs Leopold II., der das Land getrieben von der Gier nach Geld, Macht und Ruhm grausam ausbeuten ließ. Erst im Jahr 1960 wird die Kolonie Belgisch-Kongo nach 52 Jahren vom Mutterland unabhängig und nennt sich ab diesem Zeitpunkt Republik Kongo. Elf Jahre später wird es umbenannt auf Republik Zaire, 1997 wird der Name zur besseren Unterscheidung vom Nachbarland, das sich Volksrepublik Kongo nennt, auf Demokratische Republik Kongo geändert. Immerhin handelt es sich um den elfgrößten Staat der Welt.

Die Sendung zum Nachhören:

Luba ist auch der Name eines Gottesdienstes, einer Messe, die der belgische Franziskaner-Missionar Pater Guido Haazen 1958 arrangierte. Vier Jahre zuvor gründete er einen Chor aus 45 Knaben im Alter von 9 bis 14 Jahren und 15 Männern: „Les troubadours du Roi Baudouin“, benannt nach König Baudouin I. von Belgien, das Land war ja zu diesem Zeitpunkt noch belgische Kolonie. Zum Gesangsensemble gehörte auch eine Trommlersektion. Zustimmung zur Namensgebung der Band musste er sich natürlich vorher vom König holen. Guido Haazen hatte vermutlich auch einen missionarischen Hintergedanken, nämlich die Bevölkerung zum katholischen Glauben zu bewegen.

Trommel

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Musik für die Götter

Er wusste wohl auch, dass Afrikaner den Wunsch haben, ihre Götter mit Herz und Seele in dem ihnen verständlichen Musikstil zu preisen. Dabei sind Trommeln ein unentbehrlicher und wesentlicher Bestandteil der Lieder. Mit den von ihnen erzeugten markanten Rhythmen regen sie die Gläubigen an, durchaus während eines Gottesdienstes zu tanzen. Am 23. März 1958 – also vor 60 Jahren – wird die „Missa Luba“ erstmalig auf der Missionsstation St. Bravo in der Ortschaft Kamina in der Provinz Katanga aufgeführt. Diese Messe im kongolesischen Stil für gemischten Chor mit Solo-Tenor und Schlagzeug in der Bearbeitung von Guido Haazen wird im ersten Teil vorgestellt.

Der Aufbau der “Missa Luba” entspricht dem traditionellen Ordinarium, also der Gottesdienstordnung mit den fünf üblichen Sätzen der heiligen Messe der römisch-katholischen Kirche. Pater Guido Haazen beschrieb seinen Zugang zur Komposition als „kollektive Improvisation“, wobei die Texte lateinisch sind. Die Musik ist frei von Einflüssen des europäischen Musikverständnisses, sie kommt völlig aus der kongolesischen Tradition. Sie wird immer „ad libitum“ aufgeführt, d. h. „nach Belieben“. Das eingeschlagene Tempo wird dem Interpreten oder der Gruppe freigestellt, die Musizierenden können spontan improvisieren, vor allem haben die Solisten ziemlich freie Hand.

Pater Guido Haazen und „Les troubadours du Roi Baudouin“ machten die Messe in einer sechsmonatigen Tournee 1958 durch Belgien, Holland und Deutschland bekannt. Bei einem dieser Konzertauftritte entstand die Langspielplattenaufnahme bei Philips. Das „Sanctus“ klingt anfänglich sehr würdevoll. Nach dem letzten „gloria tua“ wird das Zeitmaß allerdings lebhafter, die Trommeln setzen ein und es folgt ein flotter und lauter Abschnitt. Der langsame und gemessene Gesangsteil wird beim Benedictus wieder aufgenommen, um ihn mit einem hohen Ton zu beenden.

Im Rhythmus der Stammestänze

Obwohl die Lieder von nicht berufsmäßigen Sängern dargeboten werden, klingen sie mit ihrem sehr afrikanischen Takt durchaus professionell, rhythmisch fesselnd und attraktiv. Es spiegeln sich die hypnotisierenden Rhythmen der Stammestänze im Gottesdienst wider. Als eigentliche Kraft in der „Missa Luba“ treibt die Perkussion die prägnanten Stücke voran, die wiederum den melodischen Diskurs tragen. Im Vorwort der Partitur heißt es: „Bei Bedarf kann die notierte Fassung der Messe ein geeignetes Sprungbrett für jene sein, die eine eigene Auslegung dieser original afrikanischen Messe wagen wollen.“

Toledo, Spanien

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Toledo

Überwältigende Größe

Wenn man in der spanischen Stadt Toledo der Kathedrale Santa Maria de la Asuncion einen Besuch abstattet, wird man vom Inneren ob seiner Ausstattung und Größe überwältigt sein. Möchte man überdies einer Eucharistiefeier beiwohnen, wird man das auch auf einer Tafel mit den Messzeiten ausfindig machen können. Dabei ist auffallend, dass an jedem Werktag um 9.00 Uhr, für Spanien eigentlich noch in der Früh, eine Messe im spanisch-mozarabischen Ritus in der Fronleichnams-Kapelle gelesen wird, die in Form, Zeremonie und den Priestergewändern von dem des Katholischen verschieden ist.

Diese kleine Kapelle wird auch „Capilla Mozarabe“ genannt, in der sich mitten in Spanien ein historisch alter Ritus bis heute erhalten hat. Dieser altspanische mozarabische Kult stellt eine Besonderheit in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche dar. Man sollte vielleicht vorwegnehmen, dass das Christentum in Spanien Jahrhunderte lang geprägt war vom arianischen Glauben. Der Westgotenkönig Rekkared veranlasste die Konversion, also den Übertritt der Geistlichen und des gesamten Volkes und berief im Jahr 589 das dritte Konzil von Toledo ein. Dieses Konzil war richtungsweisend für die weitere Entwicklung des katholischen Glaubens.

Nach dem Einfall der Mauren 711 in Spanien geriet nahezu die gesamte iberische Halbinsel unter islamische Herrschaft. Damit kam die vorwiegend christliche Bevölkerung unter Druck, da sie den Muslimen nicht völlig gleichgestellt war. So konnte ein Christ den Islam annehmen, doch ein Muslim, der zum Christentum übertrat, wurde dem Henker überantwortet. Christen durften zwar die vorhandenen Kirchen behalten, aber keine neuen bauen. Sie durften Gottesdienste nur innerhalb der Kirchen abhalten.

CD-Cover der beiden Messen

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Diese christlich gebliebenen Einheimischen lebten unter der Bezeichnung „Mozaraber“ mit Muslimen und Juden zusammen, wenn auch meist in getrennten Stadtvierteln. Das Wort „Mozarabes“ stammt aus dem Arabischen für „mustarib“, was soviel bedeutet wie „der ein Araber sein möchte“ oder „der Arabisierte“. Damit meinte man sozusagen „Scheinaraber“. Die in islamischen Gegenden Spaniens lebenden und geduldeten Christen waren in der Lage, ihre Liturgie, ihren Kirchengesang zu erhalten, ja teilweise auszubauen. 1085 wird Toledo den Arabern entrissen, es wird die Hauptstadt des christlichen Spanien.

Nach der Reconquista, der Rückeroberung des gesamten muslimischen Machtbereichs Ende des 15. Jahrhunderts und damit der Rückkehr des Christentums auf die iberische Halbinsel, weigerte sich die mozarabische Bevölkerung, die römische Liturgie zu feiern. Daraufhin erlaubte der Papst einigen Pfarren, den mozarabischen Ritus weiterhin zu praktizieren. Der Gesang wurde von Erwachsenen und Knaben ausgeführt, unter der Leitung des „princeps cantorum“, der einen hohen Rang in der geistlichen Hierarchie einnahm und in neunjähriger strenger Ausbildung sämtliche liturgische Melodien auswendig beherrschen musste, um sie in der Schola den jungen Klerikern und den Chorknaben mit der nötigen Autorität beizubringen. Die Sängerknaben der Abtei Santa Cruz und die Schola Antiqua singen die Messe unter der Leitung von Pater Laurentino Saenz de Buruaga.

Besonderheiten bei Messelementen

Die Besonderheiten des altspanischen Ritus liegen in den variablen Gebeten während der Eucharistiefeier, einigen Messelementen, die aus den orientalischen Kirchen übernommen wurden, in der besonderen Leseordnung und in der Stellung der „laudes“ und der „pax“. Mit „Laudes“ ist das kirchliche Morgengebet, mit „Pax“ der Friedensgruß gemeint. Die Schlichtheit der Messe und die Ausweitung der liturgischen Sprache sind weitere Kennzeichen des mozarabischen Ritus, der auch als westgotischer Stil bezeichnet wird. Die Gebete sind dabei bedeutende Zeugnisse der Spiritualität auf der iberischen Halbinsel. Einige Messtexte weisen auch ausschweifende Formulierungen auf, weshalb sie oft als schwer verständlich angesehen werden. In Rom wurde heftig Klage geführt, dass einige Gebete und Gesänge nicht dem Gebrauch der Gesamtkirche entsprachen. Die Spanische Kirche wies diese Klagen energisch zurück und verweigerte standhaft die Einführung der von Rom angeordneten Neuerungen. Ende des 11. Jahrhunderts jedoch änderte sich die Haltung der Bischöfe, die nun nicht mehr um jeden Preis an der alten Tradition festhalten wollen. So kam es, dass sie im Jahr 1081 auf dem von König Alfons VI. einberufenen Konzil in Burgos beschlossen, der Aufhebung des altspanischen Gesanges zuzustimmen und den gregorianischen Gesang einzuführen.

Kathedrale Toledo, Spanien

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Offener Streit unter Mönchen

Der Widerstand gegen die Einführung des neuen Ritus nahm in einigen Klöstern Formen eines offenen Streites unter den Mönchen an, der die Gemeinschaft in Anhänger der Tradition und Neuerer spaltete. Ende des 15. Jahrhunderts beschloss der Erzbischof und Großinquisitor von Toledo, der Franziskaner Jiménez de Cisneros, der später als Reformator der spanischen Kirche große Bedeutung erlangen sollte, die Anerkennung der mozarabischen Liturgie. Er ließ zu diesem Zweck in der Kathedrale eine eigene Kapelle, eben die bereits genannte Fronleichnamskapelle, „la capilla Corpus Cristi“ errichten. Außerdem setzte er Priester ein, die für die mozarabischen Gemeinden Gottesdienste nach dem altspanischen Ritus feierten.

Der mozarabische Ritus wird zwar selten aber neben Toledo auch noch in Salamanca, bei den Mönchen auf dem Montserrat und in der Abtei Santo Domingo de Silos gefeiert. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde die mozarabische Liturgie durch die Herausgabe des „Missale Hispano-Mozarabicum“, aus dem auch die Musik der Sendung stammt, als eine der römischen Liturgie grundsätzlich gleichwertige und ebenbürtige bestätigt.

Michael Huemer /ooe.ORF.at