„Schicksalsjahr 1938“ - Teil 2

Im zweiten Teil des Schwerpunkts zum „Schicksalsjahr 1938“ dreht sich am Sonntag ab 21.03 Uhr in der Sendung „Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“ alles um das Thema „Als aus Oberösterreich Oberdonau wurde“ – Der Einmarsch in historischen Aufnahmen - erzählt von Zeitzeugen.

Der Ausgang des Ersten Weltkriegs hat das politische System Europas grundlegend verändert. Bis 1914 basieren die internationalen Beziehungen des Alten Kontinents aufgrund der Existenz von sechs Großmächten: Deutschland, Großbritannien, Russland, Frankreich, Italien und Österreich-Ungarn. Nach dem Ersten Weltkrieg Ende 1918 hat sich geopolitisch alles verändert: Die Donaumonarchie hatte sich aufgelöst, ein anderer Großstaat, Russland, stand aufgrund seiner epochalen inneren Umwälzungen völlig im Abseits. Ein Dritter, das Deutsche Reich, war besiegt und ein vierter, Italien, aufgrund seiner innenpolitischen Krise nicht in der Lage, in Europa eine Führungsrolle einzunehmen. Die Briten hatten Probleme mit dem Erhalt des eigenen Imperiums, sodass auf dem Festland Frankreich als einzige militärische Macht übrig blieb. Eine überseeische Staatsmacht, die USA, hatte letztlich den Krieg entschieden.

Strittige Grenzentscheidungen bei Friedenskonferenz

Die Ordnung Europas sollte durch die Pariser Friedenskonferenz geregelt werden, die vom 18. bis 21. Jänner 1919 im Spiegelsaal von Versailles stattfand. Sie wurde von den Siegern beherrscht, und diese verhandelten erst gar nicht mit den Besiegten. Deren Vertreter konnten bloß schriftlich auf die Friedensbedingungen antworten. Damit legte der Pariser Frieden mit seinen strittigen Grenzentscheidungen ungewollt die Basis für zahlreiche Konflikte unter den Staaten Mitteleuropas.

Spiegelsaal Versailles Friedenskonferenz

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Die Staatsoberhäuper im Spiegelsaal von Versailles

Außerdem verhinderte nationalstaatliche Abgrenzungspolitik eine gemeinsame Bewältigung der Probleme, von denen es mehr als genug gab: Gebietsstreitigkeiten, Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, Massenarbeitslosigkeit, Minderheitenfragen, linker und rechter Extremismus, Terror, der Siegeszug der Diktatur über die Demokratie.

Die Ereignisse vor 80 Jahren

Ein kurzer Überblick über die Ereignisse vor 80 Jahren: Reichskanzler Adolf Hitler und die deutschen Nationalsozialisten machten in den 30ern keinen Hehl daraus, dass sie die Unabhängigkeit Österreichs störte. Die Idee, Österreich und Deutschland zu vereinigen, war jedoch nicht nur auf die Nationalsozialisten beschränkt. Die Tatsache, dass der Vertrag von Saint-Germain nach dem Ersten Weltkrieg einen „Anschluss“ explizit untersagte, zeigt, dass der Wunsch in der restlichen Habsburger-Monarchie weit verbreitet war. Das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Ereignisse im März 1938 keinem detaillierten Plan folgten. Die deutschen Pläne sahen nämlich vor, dass Hitler in Personalunion auch das Amt des österreichischen Bundespräsidenten übernehmen sollte. Von Berlin aus wurde die nationalsozialistische Untergrundbewegung in Österreich ermutigt, deren Einfluss immer mehr zunahm.

Das Treffen von Schuschnigg und Hitler

Am Morgen des 12. Februar 1938 kommt es auf Hitlers „Berghof“ in Berchtesgaden am Obersalzberg zum Treffen zwischen dem österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg und Hitler, der sofort auf die österreichische Politik zu sprechen kommt: Österreichs Geschichte sei ein ununterbrochener Volksverrat. Dieser geschichtliche Widersinn müsse endlich sein Ende finden. Er, Hitler, sei fest entschlossen, mit dem allen ein Ende zu machen, seine Geduld sei erschöpft. Hitler drohte schlussendlich mit dem Einmarsch der Wehrmacht, sollte Schuschnigg nicht die Forderungsliste unterschreiben.

Archivaufnahme von Adolf Hitler mit Hermann Göring im Berghof auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden

ORF

Hitler mit Hermann Göring am „Berghof“

Dieser unterzeichnete das „Berchtesgadener Abkommen“ und stimmte der Einsetzung von Arthur Seyß-Inquart als Innenminister sowie einer Amnestie für Nationalsozialisten und deren legaler Betätigung in der Vaterländischen Front zu. Seyß-Inquart erlangte damit die Kontrolle über die österreichische Polizei und mit seiner Person gab es eine Regierungsbeteiligung der zuvor illegalen Nationalsozialisten. Am 20. Februar 1938 wird eine Rede Hitlers im österreichischen Rundfunk, damals noch die RAVAG, übertragen.

Schuschnigg betonte Widerstand gegen Hitler

Vier Tage später hält Schuschnigg im historischen Reichsratssitzungssaal des Parlaments in Wien eine vom Rundfunk und auf öffentlichen Plätzen übertragene aufsehenerregende Rede, in der er die Unabhängigkeit und Eigenstaatlichkeit Österreichs bekräftigt und den Willen zum Widerstand gegen Hitler betont. Noch schien er an die Möglichkeit einer österreichischen Souveränität innerhalb des Rahmens des Berchtesgadener Abkommens zu glauben. Er versuchte verzweifelt, die Unterstützung der Großmächte England und Italien zu bekommen – vergeblich.

LKW mit Anhängern Schuschniggs, Wahlaufruf für die Unabhängigkeit, 10. März 1938

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Anhänger Schuschniggs, Wahlaufruf für die Unabhängigkeit, 10. März 1938

Es war eine Verzweiflungstat, als Bundeskanzler Schuschnigg am 9. März 1938 um 8.10 Uhr den Zug nach Innsbruck nahm. Er hatte bereits am Tag zuvor bekanntgegeben, um 19.00 Uhr bei einer Veranstaltung der Vaterländischen Front im großen Stadtsaal eine wichtige Erklärung abgeben zu wollen. Das tat er auch: der Ständestaat-Kanzler kündigte an, dass bereits vier Tage später, am 13. März, einem Sonntag, eine Volksbefragung zur Unabhängigkeit Österreichs durchgeführt werde. Schuschnigg zitierte zum Schluss seiner Rede zwar Andreas Hofer, mit dem berühmten „Mander, es ischt Zeit!“. Doch die Machtergreifung der Nationalsozialisten und der „Anschluss“ ans Deutsche Reich ließen sich zu dem Zeitpunkt nicht mehr aufhalten.

Der Versuch, Österreichs Souveränität zu retten

Der in die Enge getriebene Bundeskanzler versuchte also, die Souveränität Österreichs durch die Ankündigung einer Volksabstimmung zu retten. Inhalt und Ton von Schuschniggs Rede lösten bei Hitler erste Irritationen aus, die geplante Volksbefragung überraschte ihn völlig und brachte ihn zum Kochen. Der Führer ändert seine Strategie, um sein Ziel sofort zu erreichen. Er befahl am 10. März die Mobilmachung der für den Einmarsch vorgesehenen 8. Armee und wies Seyß-Inquart an, ein Ultimatum zu stellen: die Abstimmung sei zu verschieben. Am nächsten Tag, am 11. März wurde der Druck auf Schuschnigg massiv erhöht. Im Kanzleramt spielten sich dramatische Szenen ab. Am Nachmittag wurde - wie die „Reichspost“ in ihrer Ausgabe am darauffolgenden Tag berichtete -, „das ultimative Begehren der Deutschen Reichsregierung, es sei die Volksbefragung aufzuschieben, die Regierung Schuschnigg zu entlassen und eine Regierung Seyß-Inquart einzusetzen“, überbracht.

Ultimatum im Auftrag von Hermann Göring

Diesem folgte ein zweites, auf 19.30 Uhr befristetes Ultimatum im Auftrag von Hermann Göring. Bei Nichtentsprechen würden eine halbe Stunde später 200.000 Mann deutscher Truppen die Grenze überschreiten. Einer Weisung aus Berlin folgend, strömten die österreichischen Nationalsozialisten in das Bundeskanzleramt und besetzten Stiegen, Gänge und Ämter. Der österreichische Bundespräsident Wilhelm Miklas, eigentlich kein mutiger Mann, wies die deutschen Forderungen zunächst zurück. Er hatte vergeblich versucht, Nicht-Nationalsozialisten dazu zu bewegen, die Kanzlerschaft zu übernehmen. Um 18.15 Uhr meldete Radio Wien, dass Schuschnigg die Volksbefragung verschoben habe.

Sendungshinweis

„Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“, 11.3.18

Es verlässt ihn der Mut und er wird zur Amtsniederlegung gedrängt. Um 19.47 gab der Kanzler seinen Rücktritt in einer berühmten Rundfunkansprache im Bundeskanzleramt, Ballhausplatz 2, bekannt, bereits flankiert von zwei SS-Leuten. Miklas akzeptiert den Rücktritt, weigert sich aber, Seyß-Inquart zum Kanzler zu ernennen.

Hakenkreuzfahnen werde gehisst

In Wien und in den Landeshauptstädten begann die Machtübernahme durch österreichische Nationalsozialisten, die noch am Abend des 11. März an zahlreichen öffentlichen Gebäuden Hakenkreuzfahnen hissten, lang bevor der Einmarsch der deutschen Wehrmacht erfolgte. Um 20.15 Uhr spricht Seyß-Inquart in Radio Wien und fordert in seiner Ansprache, beim Einrücken der Soldaten Ruhe und Ordnung zu bewahren. Eine halbe Stunde später um 20.45 Uhr gab Hitler den Einmarschbefehl. Seyß-Inquart wird von Bundespräsident Miklas nun doch mit den Regierungsgeschäften betraut. Das neue Kabinett steht binnen Kürze und wird auch angelobt, eine Hakenkreuzfahne wird auf dem Rathaus aufgezogen. Das Bundeskanzleramt in Wien, wo auch Miklas amtierte, wurde – angeblich zu seinem Schutze – von Bewaffneten umstellt. Das Straßenbild in Wien und den großen österreichischen Städten ändert sich innerhalb von Minuten dramatisch, die Nationalsozialisten beherrschen bald die Lage. Tumultartig beginnt die Jagd auf Gegner, die Züge und Straßen Richtung Grenze sind bald überfüllt.

Seyß-Inquart neben Hitler in Wien (1938)

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Seyß-Inquart neben Hitler in Wien (1938)

Die Nazis rotteten sich zu Jubelmärschen zusammen, der Mob drang in jüdische Wohnungen ein, raubte sie aus und zerstörte Einrichtungen. Die Hellsichtigsten flohen nach Ungarn oder sie nahmen den Arlberg-Express in die Schweiz. In Wien traf um 4.30 Uhr früh des 12. März auf dem Flughafen Aspern der Reichsführer der SS, Heinrich Himmler in Begleitung von SS- und Polizeibeamten ein, um die Übernahme der österreichischen Polizei durchzuführen. Es kommt zu ersten Verhaftungen, unter anderem von Leopold Figl, Franz Olah, Louis Rothschild. Gegen 8.00 Uhr überschritt die 8. Armee die österreichische Grenze bei Passau und Schärding, um 12.00 Uhr verlas Joseph Goebbels im Rundfunk eine Proklamation des Führers.

Einmarsch war nicht generalstabsmäßig geplant

Der Einmarsch der deutschen Truppen in Oberösterreich war alles andere als generalstabsmäßig geplant. Kurz hatte man militärischen Widerstand erwogen, was für die deutsche Wehrmacht durchaus verhängnisvolle Folgen gehabt hätte. Besonders für den oberösterreichischen Raum existierten detaillierte Verteidigungspläne des Bundesheeres. Als am 11. März die deutsche Mobilmachung gemeldet wurde, erhielten die militärischen Einheiten im Auftrag des Bundeskanzlers Schuschnigg die Weisung, keinen Schuss abzugeben. Unter Punkt 5 in dem Papier „Geheime Kommandosache“ für den bewaffneten Einmarsch deutscher Truppen in Österreich war vom obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht, Adolf Hitler, ausdrücklich angeordnet, dass das ganze Unternehmen ohne Anwendung von Gewalt in Form eines von der Bevölkerung begrüßten friedlichen Einmarsches vor sich gehen sollte. Sollte es aber zu Widerstand kommen, so ist er mit größter Rücksichtslosigkeit durch Waffengewalt zu brechen.

Um 15.50 Uhr trifft Hitler in Braunau ein

Von Mühldorf am Inn aus wurde der improvisierte und teilweise chaotisch ablaufende Einmarsch der Deutschen in Österreich koordiniert. In den frühen Morgenstunden des 12. März passierten die ersten größeren Einheiten der Deutschen Wehrmacht die deutsch-österreichische Grenze. Adolf Hitler hatte sich Samstag im Flugzeug von Berlin nach München begeben. Nach kurzem Aufenthalt auf dem Münchner Flughafen begab er sich im Kraftwagen auf die Fahrt nach Braunau. Nach einem mehrstündigen Zwischenaufenthalt in Mühldorf wurde die Fahrt über Neuötting nach Simbach fortgesetzt. Um 15.50 Uhr überquert Hitler die Grenze und trifft in Braunau ein.

Hitler zieht in Braunau ein 1938

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

Das Eintreffen des Führers auf österreichischem Boden, in seiner Geburtsstadt Braunau, war ein Ereignis von unvergesslicher Größe. Die Glocken aller Kirchen läuteten um 15.50 Uhr, während der Wagen des Führers langsam über die große Innbrücke von Simbach kommend, sich dem österreichischen Ufer näherte. Ein Orkan des Jubels und der Begeisterung brach los. Die nach Zehntausenden zählende Menschenmenge, die auf dem Braunauer Hauptplatz aus dem ganzen österreichischen Innviertel zusammengeströmt war, brach in stürmische Begeisterung aus. Im Augenblick umdrängten Tausende den Wagen des Führers, der sich nur mühsam den Weg durch die begeisterten Massen bahnen konnte.

Umjubelter Besuch Hitlers in Ried

Als in den späten Nachmittagsstunden sich die Kunde verbreitete, dass Adolf Hitler nicht nur Braunau, sondern auch Ried besuchen werde, füllten sich rasch alle Straßen und Plätze der in ein Meer von Fahnen und Blumen geschmückten Kreisstadt des Innviertels. Um 17.25 Uhr traf der Führer und Reichskanzler, von tosendem Beifall umbrandet, in Ried ein. Im offenen Wagen stehend, fuhr der Kanzler durch die Reihen der Bevölkerung, die in Jubelstürme ausbrach. Am Hauptplatz, wo eine Begrüßung vorgesehen war, kannte die Begeisterung keine Grenzen mehr, des Führers Wagen wurde von der nationalsozialistischen Frauenschaft umringt und förmlich mit Blumen überschüttet. Ergriffen stand der Führer im Wagen, mit beiden Händen nach den Blumen greifend.

Triumphaler Einzug in Hitlers Jugendstadt Linz

Am Abend des 12. März hält Adolf Hitler gegen 20.00 Uhr persönlich den lang erwarteten, triumphalen Einzug in seine Jugendstadt Linz. Am Hauptplatz war der Jubel der Massen unbeschreiblich. Es waren nicht nur NS-Parteigenossen, die „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ schrien, sondern viele zuvor indifferente Menschen, die sich kritiklos dem Reichsführer überantworteten.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at