„Schicksalsjahr 1938“ - Teil 1

Im ersten Teil des Programmschwerpunkts zum „Schicksalsjahr 1938“ dreht sich am Sonntag ab 21.03 Uhr in der Sendung „Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“ alles um Rundfunk und Schlager vor 80 Jahren, unter dem Motto „Davon geht die Welt nicht unter.“

Das politische Klima in Oberösterreich war 1938 zwar deutlich besser als in Gesamtösterreich, doch die Polarisierung der politischen Lager war auch hier nicht aufzuhalten. 1927 starben innerhalb eines halben Jahres die beiden großen, auf Ausgleich bedachten Landespolitiker, der langjährige Landeshauptmann Prälat Johann Nepomuk Hauser und der Linzer Bürgermeister Josef Dametz.

Radikalisierte Denkweise baute sich auf

Die Heimwehr, eine paramilitärische Bewegung, die dem christlich-sozialen Lager nahe stand, der republikanische Schutzbund, die Gegenorganisation auf sozialdemokratischer Seite und die nationalsozialistischen Schlägertruppen standen sich immer unversöhnlicher gegenüber. Es baute sich eine radikalisierte Denkweise in den Parteien und bei den Wehrverbänden auf, die es den Nationalsozialisten leicht machte, 1938 eine breite Akzeptanz zu erhalten. Und dann passierte es: der Einmarsch von deutschen Truppen in der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 und die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich, die Reichskanzler Adolf Hitler am 13. März 1938 vollzog. Die Ereignisse waren von zahlreichen Gewaltakten, Verhaftungen, Morden, Entlassungen und Zwangspensionierungen begleitet.

Linz am 12. März 1938

Archiv Linz/Stadtkommunikation

Linz, 1938

Der „Schlager“ tauchte 1870 auf

Im ersten Teil der Trilogie „Hörspuren: Das Schicksalsjahr 1938“ geht es um den Rundfunk, um das Radio, um das Musikprogramm, das vor 80 Jahren zu hören war. Wie hießen die Schlager, die Melodien des Jahres 1938, die aus den Röhrengeräten und Detektor-Apparaten das Publikum erfreuten? Wer waren die Stars in dieser Zeit?

Um den Begriff „Schlager“ definieren oder einordnen zu können, muss man ein ganzes Stück am „Rad der Zeit“ drehen. Die Bezeichnung Schlager tauchte in Österreich so um 1870 auf. Man meinte damit Lieder aus Operetten, die dort durch-„schlagenden“ Erfolg hatten, die sozusagen beim Publikum „einschlugen“. Diese Liedform löste die bisherigen Straßenlieder, Couplets und Gassenhauer ab, die in aller Munde und Ohr, aber kommerziell nicht verwertbar waren. Es war das reiche musikalische Spektrum des Vielvölkerstaates, dass das musikalische Bild vom 19. zum 20. Jahrhundert prägte: Bänkelgesänge der wanderenden Sänger, Couplets und Lieder der Volkssänger, die Polkas der böhmischen Musikanten, die ländlichen Gesänge und Gstanzeln der Fuhr- und Schiffersleute aus den Alpenländern, die strammen Märsche des altösterreichischen Militärs, die Landlerweisen der Tanzmusikanten aus dem Innviertel und aus dem Salzkammergut. Der Begriffswechsel zum Operettenlied markierte den Zeitpunkt, an dem die Komponisten entdecken, dass Musik durchaus vermarktbar ist. Man konnte damals nur Notenblätter kaufen, die mit Text versehen waren, es gab noch keine Tonträger. Der Schlager als Gattung setzte dort ein, wo er zur Ware wird, seine Herstellung und Vertrieb zum Geschäft werden.

Der Schlager wurde massentauglich

Die „Belle Epoque“ mit ihren Operettenfürsten und Chambres separées, ihrer Champagnerlaune und dem Patriotismus der frühen Kriegsjahre ging auf den Schlachtfeldern in Flandern und Galizien zu Ende. Außerhalb dieser allmählich im Verschwinden begriffenen Operettenwelt, in der das aristokratische Milieu der Vorkriegszeit konserviert wurde, verselbständigte sich der Schlager mehr und mehr zu einer Form der eigenen Art. Die Einführung des Rundfunks 1923 in Deutschland und ein Jahr später in Österreich, seine schnelle Verbreitung in den darauffolgenden Jahren löste den Schlager zunehmend aus den Salons und Theatern der Oberschicht heraus und machte ihn einem breiteren Publikum zugänglich. Die 1920er-Jahre tanzten und träumten zu Musik amerikanischer Prägung. Cakewalk, Shimmy, Charleston und Foxtrott werden begeistert aufgegriffen.

Reutter, Albers, Leander oder Rühmann

Otto Reutter, Hans Albers, Zarah Leander, Heinz Rühmann und die Comedian Harmonists waren einige der heute unvergessenen Größen dieser Zeit. In den Zeiten nach dem großen Börsenkrach von 1929 durfte es musikalisch wieder etwas beschaulicher werden. Der Tonfilm setzt sich durch und bringt 1930 den Durchbruch eines Stars, der durch den Film „Der blaue Engel“ über Nacht weltberühmt wurde: Marlene Dietrich. Aber bald hieß es „Rechts schwenkt“, Marsch!“ Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland wurde der Schlager germanisch. Er fällt der Gleichschaltung zum Opfer und muss für Propagandazwecke herhalten. Die leicht frivolen Texte der zurückliegenden Jahre verschwinden, die Film- und Schallplattenindustrie fällt unter staatliche Aufsicht.

Marlene Dietrich

Conde Nast Publications

Komponisten und Texter auf dem Index

Auf den Index der neuen Machthaber geraten nicht nur jüdische Interpreten, sondern auch Komponisten und Texter. Gerade sie beherrschten, ja dominierten die Schlagerproduktion der 30er-Jahre. Das jüdische Element, das den Liedern den eigentlichen Pep gegeben hatte, fehlte nun. Gesangsensembles wie beispielsweise die genannten „Comedian Harmonists“, die „Leipziger Krystallpalast-Sänger“, die „Metropol-Vokalisten“ waren nicht mehr zu hören. Zurück blieb lediglich, was dem „arischen Humor“ entsprach.

„Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zarah Leander, geboren am 15. März 1907, war 1938 gerade 31 Jahre alt und wirkte im Film „Der Blaufuchs“ mit. Sie hat mit ihrer einmalig charakteristischen, dunklen, rauchigen Stimme alle Melodien zu typischen Zarah-Leander-Songs gemacht. Leander singt in ihren Filmen von Liebe und von der Sünde, von Sehnsucht, vom großen Wunder und von den Tränen, die man weint oder nicht weinen sollte. Im „Blaufuchs“ spielt sie an der Seite von Willy Birgel in einer Filmproduktion der UFA. Weitere tragende Rollen sind mit Paul Hörbiger, Karl Schönböck und Jane Tilden besetzt.

Für Leander selbst wurde dieser Film ein Reinfall, da die Handlung zu unwahrscheinlich war, auch das Publikum erteilte dem Film eher eine Absage. Die elegante und gelangweilte Frau eines zerstreuten Professors, die Leander verkörpert, verliebt sich in dessen Freund, einen charmanten Flieger, widersteht aber der Versuchung, bis auch der Gemahl in einer Mitarbeiterin die passende Lebensgefährtin findet. Was im Gedächtnis haften blieb, ist das Lied „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Mit ihrem provozierenden Appeal trifft Leander den androgynen Zeitgeist der dreißiger Jahre.

Zarah Leander

wikipedia.org/FredrikT

Die „Chilenische Nachtigall“ Rosita Serrano

Carl Boese ist der Regisseur des deutschen Films „Schwarzfahrt ins Glück“. Der Automechaniker Hanne hat seine neue Flamme, Erika, ins Kino eingeladen. Sie schauen sich den Film „Die kleine Sünderin“ an. Erika identifiziert sich offenbar übermäßig mit dieser Figur auf der Leinwand und Hanne hätte eigentlich gewarnt sein müssen. Aber Liebe macht manchmal blind und so lässt sich Hanne von Erika an der Nase herumführen. Kaum ist dieser für ein paar Tage aus der Stadt, da flirtet sie schon heftig mit seinem Arbeitskollegen und löst damit Streit zwischen den Freunden aus. Ein Filmorchester unter der Leitung des Komponisten Michael Jary begleitet Rosita Serrano beim Lied „Roter Mohn“. Die chilenische Sängerin und Schauspielerin feierte in den 1930er- und frühen 1940er-Jahren ihre größten Erfolge gerade in Deutschland. Im Gegensatz zu Zarah Leander hatte sie eine glockenhelle Stimme, für den sie den Beinamen „Chilenische Nachtigall“ erhielt.

Rosita Serrano und Gustav Wally

wikipedia.org/Bulver

Rosita Serrano und Gustav Wally

Serrano war nach den Olympischen Spielen 1936 in Berlin die Attraktion. Ab 1938 spielte sie Rollen in Revuefilmen wie „Bel Ami“, „Es leuchten die Sterne“, „Die kluge Schwiegermutter“. Ein Jahr später bekommt sie unter Fürsprache von Joseph Goebbels Auftritte in der Rundfunksendung „Wunschkonzert für die Wehrmacht“. Während einer Konzertreise in Schweden wird sie in Deutschland wegen Spionage denunziert, sie hatte jüdische Flüchtlinge mit den Einnahmen aus einer Wohltätigkeitsveranstaltung unterstützt. Ab dann standen ihre Lieder und Filme bis zum Ende des Krieges auf der schwarzen Liste des Naziregimes. „Roter Mohn“ mit Rosita Serrano, die 1936 als Tochter eines Diplomaten in Berlin ihre Karriere begann, wurde ein Verkaufsschlager.

„Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“

Der bekannte deutsche Schauspieler Heinz Rühmann verkörpert 1938 in der Komödie „Fünf Millionen suchen einen Erben“ einen Staubsauger-Vertreter und Stepp-Tänzer. Als Höhepunkt dieser Verwechslungskomödie gilt eine Filmszene, in der Heinz Rühmann in seiner Rolle das Lied „Ich brech‘ die Herzen der stolzesten Frau’n“ singt. Es wurde so erfolgreich und beliebt und entsprechend vielfach gecovert, oft Jahrzehnte später unter anderem von Rudi Schuricke, Udo Lindenberg oder Max Raabe.

Schellacks waren die „Schlagermacher“

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass nach der Machtergreifung durch die Nazis auch in Österreich die Schlagerproduktion von einigen wenigen Leuten fast monopolistisch beherrscht wurde und das war nicht zu deren Schaden. Die Platzierung von Schlagern erfolgte in erster Linie über den Tonfilm, der den Stummfilm ablöste. Nach der Operette waren Schellacks und Schallplatten die „Schlagermacher“. Dementsprechend waren die damaligen Schlagerstars in erster Linie Schauspieler: Zarah Leander, Rosita Serrano, Heinz Rühmann. Hans Albers, Johannes Heesters, Willy Forst, Ilse Werner, Marika Rökk, Theo Lingen, Gustaf Gründgens wären da auch zu nennen. Es wäre nicht gerecht, den Genannten offene oder verdeckte Kollaboration mit dem Nazi-Regime zu unterstellen, aber dass sich alle ausdrücklich von den Machthabern distanziert hätten, davon kann man eigentlich nicht sprechen.

Sendungshinweis

„Schwerpunkt OÖ Zeitgeschichte“, 4.3.18

Die Beschränkung auf diese wenigen und über die Zeit hin immer gleichen Namen signalisiert eindeutig: die Unterhaltungsindustrie in Deutschland und Österreich war international isoliert. Einflüsse von außen wurden entweder durch ideologietreue Vorzensur abgeblockt oder als „artfremde Elemente“ diffamiert und verboten. Das betraf nicht nur jüdisches Film- und Musikschaffen. In die Schusslinie der NS-Kulturpolitik gerieten auch der Jazz und die ebenfalls als afro-amerikanisch und somit als „rassisch minderwertig“ erachtete lateinamerikanische Musik.

Goebbels Anspruch an den Rundfunk

„Man soll wissen, dass der Rundfunk von der höchsten Spitze bis zum letzten Mann im Senderaum ganz eindeutig nationalsozialistisch eingestellt zu sein hat“. Dieses Motto von Joseph Goebbels stand Pate, als in der Nacht vom 11. zum 12. März 1938 die Zeitenwende für die RAVAG eintrat. Der Name RAVAG ist eine Kurzform der offiziellen Bezeichnung „Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft“, die am 1. Oktober 1924 offiziell in Österreich ihren Radio-Sendebetrieb aufgenommen hatte. Während noch in den Abendstunden des 11. März 1938 das berühmte „Gott schütze Österreich“ des Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg über die RAVAG ausgestrahlt worden war, meldete sich am nächsten Tag um 6.45 Uhr eine Sprecherstimme so: „Der erste Gruß des Nationalsozialistischen Österreichs gilt dem Führer“.

RAVAG

wikipedia.org/Webcyss

Die RAVAG wird umbenannt

Noch am selben Tag wird die RAVAG in „Deutsch-Österreichischen Rundfunk“ umbenannt, und Anfang April 1938 ging auch der letzte Rest von Österreich schon im Titel verloren. Aus dem „Deutsch-Österreichischen Rundfunk“ wurde der „Reichssender Wien“, der der Hauptabteilung 7 der Propagandaabteilung innerhalb der Landesleitung der NSDAP angeschlossen wird. Der Programmbetrieb wird von der deutschen Reichsrundfunkgesellschaft, der Senderbetrieb von der deutschen Reichspost übernommen. Dem RAVAG-Generaldirektor Oskar Czeija war knapp zuvor mitgeteilt worden, dass er von den neuen Machthabern aller seiner Funktionen enthoben worden sei. Hitler erkannte früh die Wirksamkeit des Radios und wie dadurch die Volksmeinung gelenkt und Tatsachen verändert werden können.

Der „Volksempfänger VE 301“ für jedermann

Um aber der Bevölkerung das Radiohören ermöglichen zu können, musste sie mit Rundfunkgeräten versorgt werden. Sie sollten günstig in der Anschaffung sein, wichtig war auch, dass sie nicht fernempfangstauglich waren. Feindsender zu hören war strikt verboten. Die Elektrokonzerne AEG, Siemens und Telefunken waren die wichtigsten Hersteller und entwickelten den sogenannten Volksempfänger VE 301. Die Bezeichnung 301 soll an die Machtergreifung Hitlers am 30. Jänner 1933 erinnern. Der Preis lag bei 65 Reichsmark, den deutschen Kleinempfänger DKE 38 konnte man schon um 35 Reichsmark kaufen. Die Sender in Wien, Graz, Klagenfurt und Linz strahlten das Programm aus Berlin aus.

Goebbels Volksempfänger

wikipedia.org/Bundesarchiv/Jarould

Die vielen Talente der Marika Rökk

Am 3. November 1913 erblickt Marika Rökk das Licht der Welt in Kairo. Sie ist unverkennbar Ungarin, obwohl sie ein Jahrzehnt in Deutschland lebte, von 1934 bis 1944, danach in Österreich. Rökk verstand es, mit ihrem entfesselnden Lachen beim Tanzen, ihren mitreißenden Bewegungen, Wippen, Wiegen, Stampfen und Swingen die Herzen des Publikums zu gewinnen. Von ihr gehen Heiterkeit und Temperament aus, sie ist sportlich, sie braucht kein Double für schwierige Szenen auf dem Pferd, auf dem Trapez oder mit wilden Tieren. Rökk entwickelte sich im Laufe ihrer Filmkarriere zu einer vielseitig begabten Schauspielerin mit einer nur von wenigen Künstlern erreichten, wohlverdienten und hart erarbeiteten Popularität.

Marika Rökk

Rökk

1938 kommt es zur Zusammenarbeit mit Peter Kreuder, der ihr das Lied „Eine Insel, aus Träumen geboren“ auf den Leib schreibt. In seinen Memoiren berichtet Kreuder, dass Marika Rökk einen C-Dur-Tick gehabt und geglaubt hätte, dass sie in keiner anderen Tonart singen könnte. Als sie feststellte, dass das Insellied nicht in ihrer Tonart, sondern einen halben Ton höher, nämlich in Des-Dur komponiert war, beruhigte er sie, versprach, es in C-Dur zu ändern, und als Rökk dann später das überhaupt nicht geänderte Lied sang, war sie äußerst zufrieden. Kreuder beendete seine Anekdote mit „wie ein Kind – aber zauberhaft!“

Hier können Sie die Sendung nachhören:

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Michael Huemer; ooe.ORF.at