Schreie Zum Himmel – John Coltrane

Jazzmusiker John Coltrane steht im Mittelpunkt der Sendung „Lust aufs Leben – Kultur aus allen Richtungen“ am Sonntag. Unter dem Titel „Schreie zum Himmel“ stellt Michael Huemer das spirituelle Glaubensbekenntnis des Künstlers vor.

Vor fünfzig Jahren verstarb John Coltrane, dessen Einfluss sich kaum ein Jazzmusiker entziehen kann. Mit seinen ekstatischen, endlosen Saxophonsoli und seiner spirituellen Hymnik stieß er zu Lebzeiten noch auf viel Unverständnis. Heute wird er geradezu kultisch verehrt, gehören einige seiner Werke und Schallplatten zu den bedeutendsten des modernen Jazz. Nur zehn Jahre hat Coltrane im Licht der Öffentlichkeit gestanden, dann ist er, nicht einmal 40 Jahre alt am 17. Juli 1967 gestorben.

Blasmusik Saxophon

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Klarinette war sein erstes Instrument

Schon als Kind begann der 1926 geborene John Coltrane Klarinette zu spielen, in der High School lernt er Altsaxophon, inspiriert von seinen damaligen Idolen Lester Young und Johnny Hodges. Aus seiner Biographie geht eindeutig hervor, dass Coltranes Kindheit in geordneten beinahe privilegierten Bahnen verlief. Musik spielt im Hause Coltrane immer eine Rolle, geistliche Lieder und schwarze Kirchenmusik der amerikanischen Farbigen nahmen im Leben der Familie einen wesentlichen Platz ein. Sie waren allesamt gläubig, beide Großväter waren überdies Geistliche.

Der kleine John wuchs also in diesem äußerst stark vom religiösen Weltbild geprägten Milieu auf. Dadurch wird seine spätere Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz und die intensive Beschäftigung mit anderen Weltreligionen verständlich. 1939 wird zu einem schicksalhaften Jahr für den 13-Jährigen. In kurzen Abständen starben Tante, Großeltern und Vater.

Durch Jobs rückt Musik in Hintergrund

Er tröstet seine Mutter, die gezwungen ist, sich mit verschiedenen Jobs durchzuschlagen, und träumt davon, eines Tages ein Topmusiker zu werden. Die Musik rückt endgültig ins Zentrum seines Lebens. Von ihr besessen, beschäftigt er sich in jeder freien Minute mit Üben und Anhören von Jazz. Im Radio konnte man zu dieser Zeit in erster Linie Swing hören, jene Tanzmusik, die sich trotz hervorragender schwarzer Swingbands fest in den Händen von weißen Leuten befand.

John Coltrane

Dutch National Archives

1945 erhält Coltrane seinen ersten Job in einer Tanzband und macht mit dieser unverbindliche Cocktailmusik. Kurz darauf erfolgt seine Einberufung in die Navy, die auf Hawaii stationiert ist, in der er eine Stelle als Musiker erhält. Im folgenden Jahr, als er vom Militärdienst zurückkommt, hatte sich im Jazz eine Menge verändert. Die Bebop-Revolution war in vollem Gange, Bebop als Ursprung des Modern Jazz. Er ist härter und komplizierter als der brave Swing, Bebop wird schnell gespielt und wirkt hektisch. Die Stars der neuen Bewegung sind Dizzy Gillespie und Charlie Parker, die es dem jungen Coltrane besonders angetan haben.

Schallplattenarchiv des ORF OÖ

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Plattenarchiv des ORF OÖ

Noch im selben Jahr im Herbst gingen der Trompeter Miles Davis und John Coltrane zum ersten Mal gemeinsam in die Columbia Aufnahmestudios, um für eine – von dem berühmten Dirigenten Leonard Bernstein kommentierte – Jazzgeschichte Stücke einzuspielen. Im Gegensatz zu Coltrane hatte Davis zu dieser Zeit schon einen jazzgeschichtlichen Beitrag geleistet. Miles war maßgeblich an der Entwicklung des sogenannten Cool Jazz beteiligt.

Gegenteil zum Bebop

Mit seinem lyrischen, völlig vibratolosen Ton war er das genaue Gegenteil zum Bebop und dadurch so etwas wie eine ruhende, ordnende Kraft zu den hektischen Bebopmusikern. Bei seinem Eintritt in das Miles Davis Quintet zieht Coltrane die Aufmerksamkeit von Kritikern und Publikum auf sich, zählt er doch zu den vielen harten Tenorsaxophonisten, die als Antipoden zu den Vertretern des Cool Jazz der gleichen Epoche das Lager der Jazzanhänger zu teils begeisterten, teils ablehnenden Stellungnahmen veranlassen. Die ersten Schallplattenaufnahmen zeigen einen zögernden Coltrane, der noch Mängel hat und überdies heroinsüchtig ist. In dieser Zeit entsteht auch sein Spitzname „Trane“, eine Anspielung auf „train“, einen rasenden Eisenbahnzug.

Miles Davis zieht aufgrund der schweren Heroinabhängigkeit Coltranes nach zwei Jahren die Reißleine und feuert den Saxophonisten. Dieser zieht sich zunächst komplett aus der Öffentlichkeit zurück. Und dann erlebt Coltrane eine Art religiöser Erweckung oder wie er selbst sagt ein spirituelles Erwachen. Er schwört von einem Tag auf den anderen dem Drogen- und Alkoholkonsum ab und radikalisiert sich musikalisch. Er sagt: „Es geht mir in der Musik darum, die Wahrheit zu suchen“. Mit der Wahrheit meinte er den wahren Klang, den wahren Sound.

Suche nach dem absoluten Sound

Coltrane sucht so etwas wie den absoluten Sound. Gleichzeitig mit der Überwindung seiner Süchte findet er neue Kraft für die Suche nach anderen, nach neuen musikalischen Konzepten. Er entschließt sich, nicht mehr auf die gleiche Weise wie zuvor zu spielen. Mit der neu erworbenen Energie übt er unaufhörlich, er war schlussendlich auch kein vom Himmel gefallenes Genie. In der Folgezeit entsteht eine wahre Flut von Aufnahmen, sowohl als Sideman wie auch als Leader. Es kommt zu der bedeutungsvollen Begegnung mit dem Komponisten und Pianisten Thelonious Monk, der für Coltranes weitere Entwicklung äußerst wichtig werden wird. Monk lernt ihm die hohe Kunst des Weglassens, die totale Reduktion auf das Wesentliche und dessen Mitteilung in ätzender Schärfe. Bei Monk lernt Trane vor allem Dinge wie das Ausschöpfen des harmonischen Materials und die Ausweitung technischer Möglichkeiten, zum Beispiel das Spiel mit einem falschen Fingersatz. In dieser Zeit entsteht das Album „Blue train“ am 15. September 1957, aufgenommen in den Studios der Firma Blue Note. Diese Aufnahme wird von vielen verehrt, geschätzt und geliebt, andere verstehen die Aufregung darüber nicht so ganz. Personell stockt Coltrane die Bläsersektion mit Lee Morgan an der Trompete und Curtis Fuller an der Posaune auf, die von der dynamischen, kreativen Rhythmusgruppe Kenny Drew am Klavier, Paul Chambers am Bass und Philly Joe Jones am Schlagzeug angetrieben wird.

Plattenspieler, Nostalgie

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1960 „My favorite things“

1960 nimmt John Coltrane das bahnbrechende Album „My favorite things“ auf. Mit dieser Platte sollte er schlagartig die absolute Führungsrolle im Modern Jazz einnehmen. Die vier Titel der LP sind ausnahmslos Standards, interpretiert mit höchster Qualität, die heute noch beeindruckend wirkt. Sensationell war der Sound auch durch die Verwendung des Sopransaxophons in einer völlig neuen Klangqualität. Coltrane holt beinahe oboenhafte Effekte aus diesem Instrument heraus. Bis zu diesem Zeitpunkt war das Sopransaxophon im modernen Jazz fast nie eingesetzt worden. Das Titelstück „My favorite things“, das dem gesamten Album auch den Namen gab, erhält durch den hypnotischen Vortrag und die eindringliche immer nur geringfügig abgewandelte Wiederholung der Notenfolgen des Themas einen beinahe orientalischen Touch, der durch den energetischen Schlagzeugeinsatz von Elvin Jones eine weitere Steigerung erfährt. Dabei handelt es sich um eine schlichte und im Original ein wenig einfältig wirkende Walzermelodie aus einem Musical von Richard Rodgers.

Die leicht näselnde Tongebung des Sopransaxophons erinnert an Beispiele der indischen und arabischen Musik. Dass ihn diese immer schon interessierte, noch bevor es so etwas wie Crossover oder World Music gab, sagte Coltrane auch und beweist es ein Jahr später. 1961 nimmt er „Olé Coltrane“ auf, eine Platte, die von spanisch-maurischer Musik beeinflusst ist. Nach einer erregenden Basseinleitung setzt donnernd McCoy Tyner am Klavier ein, Coltrane stellt mit fremdartiger Färbung auf dem Sopransaxophon das Thema heraus, Eric Dolphy übernimmt das erste Solo auf der Flöte, Elvin Jones schlägt über die gesamte Länge von über 18 Minuten einen 3/4-Takt.

Bezug zu afrikanischer Musik

Der Hintergrund für Coltranes Interesse und starken Bezug auf Afrika beziehungsweise afrikanische Musik war, dass um 1960 viele afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit erlangten, was den Afroamerikanern ein neues Selbstbewusstsein vermittelte. Im Alltag hatte sich an ihrer Diskriminierung zwar kaum etwas geändert, im Jazz fanden ihre berechtigten Proteste gegen die Benachteiligung in allen Lebenslagen zunehmend ein Ausdrucksventil. Im Titelstück „Africa“ auf dem Album „Africa / Brass“ erzeugen zwei Bassisten – nämlich Reggie Workman und Art Taylor in ihrem Bassspiel zusammen mit Schlagzeuger Elvin Jones einen ungewöhnlich erregenden Sound.

Der Pianist McCoy Tyner rollt sein Pianointro aus, in das die Bläser hineinspielen und einen unwillkürlich an Afrika denken lassen. Die Bläsersection besteht aus zwei Trompeten, einer Posaune, drei Euphonien, fünf Waldhörnern und einer Tuba. In dem 16 ½ Minuten langen Stück spürt man die flimmernde Hitze, eine feuchte Schwüle wie in einer Art Dschungelmusik. Man kann sich durchaus das Trompeten von Elefanten, das Knurren von Tigern und das giftige Zirpen und Surren von Insekten vorstellen. Coltrane schwebt mit seinen Improvisationen auf dem Tenorsaxophon über der tropischen Klangkulisse.

Plattenspieler, Nostalgie

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„Mir ist das Saxophon ausgegangen“

Rashied Ali, der letzte Schlagzeuger in der Band von John Coltrane, schreibt in einem Buch, dass Coltrane in seinen letzten Lebensmonaten immer wieder auf dem Höhepunkt seiner Soli das Saxophon aus dem Mund genommen und dann angefangen hat, sich wie in einem archaischen Ritual auf die Brust zu trommeln und dabei nur noch in das Mikrophon hineingesungen oder gesummt hat. Als Rashied Ali ihn gefragt hat, was er da macht, da sagte er: „Mir ist das Saxophon ausgegangen". Man könnte diesen Satz dahin deuten, dass ihm das Musikinstrument nicht mehr ausreichen würde, er sich damit nicht mehr ausdrücken könne.

Vielleicht wollte er so etwas wie den Urklang finden, wie auf dem Album „Om“ aus dem Jahr 1965, auf der nur mehr der reine Atem durch das Saxophon zu laufen scheint. Coltrane erklärt sein Empfinden über die Platte: „Om“ bedeutet das erste Schwingen, den Klang, den Geist, der alles andere hervorgebracht hat. Es ist das Wort, von dem alle Menschen und alles andere kommt und das alle stimmlich möglichen Klänge in sich trägt. Nach dem gesprochenen meditativen Einstieg trifft eine wahre Flut von Klängen auf den Hörer, die in ihrer brutalen Härte zutiefst aufrühren – geradezu wie ein musikalischer Tsunami, der alles zu vernichten scheint.

“Om” zählt zu den obskursten und seltsamsten Platten von Coltrane, denn das offensichtlich auf einem LSD-Trip basierende Album ist mehr Kollektiv-Meditation als Kollektiv-Improvisation. Der von Coltrane und seinem kompromisslosen zweiten Saxophonisten in der Band, Pharoah Sanders, gelesene Text, stammt aus der Bhagavad Gita, eine der zentralen Schriften des Hinduismus. „Jeder versucht nach seinem besseren Selbst zu streben, seinem vollen Potenzial, und worin es besteht, hängt von jedem Einzelnen ab.“ „Om“ darf als klingendes Bekenntnis zum Klang als erster Manifestation der Schöpfung vor der Musik gelten.

Michael Huemer betrachtet das Eela Craig Plattencover aus dem Archiv von Radio OÖ

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Michael Huemer

Höhepunkt seiner Werke 1964

John Coltrane beschäftigte sich mit Buddhismus und Hinduismus, aber auch mit dem Islam, dem viele seiner musikalischen Weggefährten angehörten. Er sagte: „Ich glaube an alle Religionen“ und meinte damit ihren gemeinsamen Kern. 1964 entsteht eine Platte, die für viele der Höhepunkt im Gesamtwerk Coltranes ist. Der Saxophonist befindet sich auf dem Höhepunkt seines leidenschaftlich virtuosen Spiels am Tenorsaxophon. Diese Platte markiert zudem das Ende einer langen spirituellen Sinnsuche des damals 38-jährigen. Noch heute gilt „A Love Supreme“ als ein wegweisendes Meisterwerk des Jazz.

An einem einzigen Abend, dem 9. Dezember 1964, nimmt Coltrane seine Suite auf, die wenige Wochen später bereits veröffentlicht wird. Diese in ihrer Gestaltungskraft einzigartige Platte wird zum Wendepunkt für Coltrane selbst. Jetzt atmet und betet er durch sein Saxophon. Wie jemand, der fest entschlossen ist, sein Schicksal in die Hände Gottes zu legen, zum Werkzeug des Allmächtigen zu werden, der durch und mit ihm spricht. Für das Meisterwerk brachte Coltrane nur vage Skizzen mit ins Studio, doch es kommt einem wie eine musikalische Antwort vor, eine musikalische Reaktion auf Martin Luther Kings Rede „I have a dream“ vom 28. August 1963. 33 Minuten genügen, um Wesentliches zu sagen – ein einziges großes Gebet von hymnischer Eindringlichkeit.

Arbeiten bis zu Erschöpfung

„Ich kann nichts tun, wenn es nicht in das Extreme geht“, sagte John Coltrane über sich. Er übte morgens vor den Plattenaufnahmen, tagsüber, wenn Besucher da waren, und nachts nach mehrstündigen Konzerten. Er schien getrieben von großer Rastlosigkeit, auf der Suche nach musikalischem Neuland. Ein Großteil seiner Alben, vor allem aus seinen letzten Lebensjahren, schreckt in ihrer überfallhaften Wucht noch heute die Hörer ab. Er verausgabte sich dabei völlig. Das Leberleiden, das die Ärzte als Todesursache am 17. Juli 1967 im Hospital von Huntington feststellten, mag nur den letzten Anstoß in der völligen Erschöpfung gegeben haben. Sein früher Tod versetzte der Jazzwelt einen Schock.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer /ooe.ORF.at