Die Stadt Jerusalem in „Lust aufs Leben“

Jerusalem - die heilige Stadt dreier Religionen und zweier Nationen ist das Thema der Sendung „Lust aufs Leben“ am Ostersonntag, 16.4.2017, ab 21.03 Uhr im Programm von Radio Oberösterreich.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 16.4.17

Egal ob katholische, protestantische, armenische, koptische oder griechisch-orthodoxe Christen: Sie alle feiern seit gestern und heute die Auferstehung Jesus Christi von den Toten, wenn auch mit verschiedenen Riten und zeitlich versetzt. In der Stadt Jerusalem soll Jesus auferstanden und seinen Jüngern erschienen sein. Immer wieder erobert, zerstört und erneut aufgebaut, hat kaum ein anderer Ort eine so wechselhafte wie dramatische Geschichte erlebt und erlebt sie noch immer.

Glaubenswelten prallen aufeinander

Allen drei abrahamitischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam, ist Jerusalem eine heilige Stadt. Alle drei betrachten Abraham, auf arabisch „Ibrahim“, auf hebräisch „Awwrahamm“ als ihren geistigen Stammvater. Mose, Jesus und Mohammed werden als seine leiblichen Nachkommen angesehen. In Jerusalem stand das Allerheiligste der Juden, der Tempel, für die Christen ist es der Ort von Jesu Leiden und Auferstehung und für Muslime ist Jerusalem die drittwichtigste Stadt nach Mekka und Medina. Es prallen also unterschiedliche Glaubenswelten aufeinander und damit Leidenschaften, die religiöser Eifer entzünden kann. So wurde der heilige Ort zu einer von Allen angebeteten, lobgepriesenen und begehrten Stadt, Ziel von Pilgern aller Art, die sie friedvoll aufsuchten, aber auch von Soldaten und Heeren, die in kriegerischer Absicht gegen Jerusalem zogen.

Jerusalem

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Der Bibel nach eroberte König David Jerusalem und machte es zum politischen, geistigen und religiösen Zentrum des Israelitenreiches. Vor der Einnahme durch David war der Ort seit vermutlich zwei Jahrtausenden bevölkert gewesen. Die Ureinwohner nannten ihn, wie eine in babylonischer Keilschrift geschriebene Tontafel aus der Bronzezeit belegt, „Urusalim“. Aus „uru“ wird „ir“, das auf hebräisch Stadt bedeutet, und aus „salim“ wird „shalem“, das auf der gleichen Wortwurzel wie „shalom“, also Friede beruht. „Jerushalayim“ ist somit die Bezeichnung für die Stadt des Friedens. Unter dem Nachfolger und Sohn von David, König Salomon soll nach biblischer Geschichtsschreibung der erste Tempel der Juden in Jerusalem erbaut worden sein. Auf dem Gipfel von Moriah, dem von Gott erwählten Berg, brachte er die Bundeslade mit. Sie ist der heiligste Gegenstand des Judentums, die zwei Steintafeln mit den zehn Geboten.

Von Nebukadnezar zerstört

Im sechsten vorchristlichen Jahrhundert wird Salomons Tempel vom babylonischen König Nebukadnezar zerstört. Das israelische Volk wird ins Exil gezwungen. Die Klagen im Psalm 137 erzählen darüber, wie die Sieger Lieder von Zion verlangten und die Harfen der Israeliten an den Weiden Babylons hangen. Sie beschreiben die Sehnsucht der verschleppten Juden nach Jerusalem und dem Zion, also dem Ort, wo der Tempel stand.

73 v. Chr. wird König Herodes I. geboren. Er läßt den Tempel wiederaufbauen, erweitern und verzieren. Um den Tempelberg werden hohe Mauern errichtet. Der wegen seiner Grausamkeit verhasste Herrscher will sich mit dem Ausbau des Tempels die Gunst der Juden erkaufen. Die Gebetsstätte wird zum Magnet. An den Wallfahrtsfesten pilgern Juden aus aller Welt hierher, unzählige Händler im Tross. Jerusalem, wo etwa 70 000 Menschen wohnen, wird kosmopolitisch. In aller Welt richten Juden ihre Gebete gen Jerusalem. Ihre Gebetshäuser, die Synagogen, werden in Richtung dieser Stadt ausgerichtet.

Von den Römern zerstört

63 v. Chr. stürmen römische Legionäre unter dem Kommando des Feldherrn Pompeius Jerusalem, der jüdische Staat wird in das römische Imperium eingegliedert. Der Unmut über die römische Besatzung wächst und führt, zusätzlich angeheizt von einem innerjüdischen Bürgerkrieg, zum Aufstand. Er endet in einer Katastrophe. Nach vier Jahren Rebellion belagert Titus mit 60 000 Soldaten Jerusalem und nimmt verheerend Rache. Die grünen Hügel werden zur Mondlandschaft, im Umkreis von 20 Kilometern stehen keine Bäume mehr. Roms Soldaten brauchen das Holz für Kreuze, an die sie diejenigen schlagen, die aus der Stadt fliehen wollen.

Am 9. Tag des jüdischen Mondmonats Av, an dem auch der erste Tempel zerstört worden sein soll, stecken die Römer den Tempel in Brand und zerstören die Stadt. Jerusalem wird christlich. Für das Judentum bedeutet die Zerstörung Katastrophe und Segen zugleich, da mit der Vernichtung der Priesterkaste das Rabbinertum entsteht. Dieses Amt wird nicht mehr vererbt wie vorher, sondern wird durch Lernen und Studieren erworben. Das Volk des Tempels wird zum Volk des Buches.

Von nun an dürfen Juden Jerusalem nicht mehr betreten, den Tempelberg können sie nur noch von Weitem betrachten, und das nur gegen eine Sondersteuer. Nur einmal im Jahr, am 9. Av, das ist der elfte Monat im jüdischen Kalender, dürfen sie in die Stadt und können vor schadenfrohen Römern und später Christen ihr Schicksal beklagen. Der nunmehr heiligste Ort des Judentums wird so in der westlichen Welt als „Klagemauer“ bekannt. Erst im 5. Jahrhundert werden die Juden wieder sesshaft. An der Seite der Perser erobern sie die Stadt für drei Jahre. Doch Persien verrät die Juden im entscheidenden Moment. Von nun werden Juden bis nach der Staatsgründung Israels 1948 nie mehr die Stadt beherrschen.

Felsendom wird errichtet

Kalif Umar ibn al-Chattab erobert Jerusalem im Jahr 638 und bringt eine neue Religion – den Islam. Dort, wo einst der jüdische Tempel stand, errichten die Muslime 691 ihren Felsendom. Umar verfügt die Änderung der Gebetsrichtung von Jerusalem nach Mekka, wo Abraham den Stein der Kaaba weihte. Die neuen Herrscher sind tolerant, die Juden dürfen in der Stadt bleiben, doch sie sind eine Art Bürger zweiter Klasse. 1095 hält Papst Urban II. eine kriegerische Predigt. Er beruft sich auf die Verfolgungen, denen die zu Tausenden ins Heilige Land strömenden Pilger zum Opfer fielen.

Die Kreuzzüge

Ein weiterer Anlass war geopolitisch begründet: die Bedrohung des Byzantinischen Reichs und damit der christlichen Brüder im Morgenland. Der Papst versprach die sofortige Erlösung der Sünden jener, die ihr Leben auf der Reise oder im Kampf gegen die Heiden ließen. Die Zeit der Kreuzzüge zog sich über vier Jahrhunderte. Nach acht Zügen endete sie erst tatsächlich im Jänner 1492 mit der Eroberung des maurischen Königreichs in Granada. Neun Jahrhunderte später spielen diese christlichen Feldzüge eine bedeutende Rolle in der Symbolik, die die Konflikte im Nahen Osten, auf dem Balkan und in den slawischen Ländern prägt. Der ständig von neuem angefachte Krisenherd im Nahen Osten wird immer noch von dieser Erinnerung getrieben. Für das muslimische Kollektivbewusstsein bedeuten die Kreuzzüge die niemals verheilte Wunde, die in ihren Augen nach wie vor alle Formen des Dschihad rechtfertigt.

1099 wird Jerusalem unter der Führung des belgischen Heerführers Gottfried von Bouillon erobert. Unter der jüdischen und muslimischen Bevölkerung wird ein Gemetzel angerichtet. Innerhalb weniger Tage töten die Kreuzritter etwa 20 000 bis 30 000 Bewohner. „Die Stadt“, so schreibt der Chronist Wilhelm von Tyrus, „war Schauplatz eines derartigen Blutbades an Feinden, dass die Sieger nur von Furcht und Ekel ergriffen sein konnten“. Er berichtete, wie in der Al-Aqsa-Moschee „die Unseren bis zu den Knöcheln im Blut wateten“. In der Folge wird das christliche Königreich Jerusalem gegründet, das aber keine hundert Jahre Bestand hat.

Die arabische Besetzung dauerte von 1244 bis 1516, ab 1517 werden sie von den Osmanen abgelöst. Jerusalem ist dann für fast 700 Jahre in muslimischer Hand. Nach der religiösen Überlieferung aus dem Koran hat Prophet Mohammed an der Stelle, an der einst König Salomon den ersten jüdischen Tempel baute, ein mystisches Erlebnis. Auf einer nächtlichen Reise, so die 17. Sure des Koran, wird er auf dem Schimmel Buraq in den Himmel und durch sieben Paradiese geleitet, bis er schließlich selbst Gott schauen darf. Bei seiner Ankunft band Mohammed das Reittier in der Nähe der heutigen Klagemauer an. Anhand dieses Kapitels im Leben Mohammeds wird die Stadt unter dem Namen Al-Quds für den Islam heilig.

691 vollendet Kalif Abd al-Malik den Bau des Felsendoms, 701 erbaut Kalif Abd al-Walid auf dem Tempelberg die Al-Aqsa-Moschee, die nach denen von Mekka und Medina die drittheiligste ist.

Osmanen besetzen Jerusalem

1517 besetzen die Osmanen Jerusalem. Die Herrscherdynastie, nach dem dieses Reich benannt wurde, geht auf Osman I. zurück, der sich selbst zum Sultan ernannte. Das Osmanische Imperium trat die Erbschaft des Byzantinischen Reiches an. Unter Sultan Selim I. konnten die Osmanen große Gebiete des Vorderen Orients erobern. 1516 wurden Nordmesopotamien, Syrien und Nordpalästina besetzt, 1517 erfolgt die Eroberung Jerusalems, musikalisch jetzt durch einen prunkvollen Kriegsmarsch dargestellt.

1917 endet mit der britischen Besetzung Jerusalems, die über 1200 Jahre andauernde islamische Herrschaft der Araber und Türken, unterbrochen nur durch die kurze Zeit unter den Kreuzfahrern. Nach Beendigung des Ersten Weltkrieges und der Niederlage des Osmanischen Reiches gehört die heilige Stadt zum britischen Mandatsgebiet Palästina. 1948 sollte der Staat Israel gegründet werden, wobei Jerusalem zur geteilten Stadt wird. Endgültig erobert wird sie 1967 im Sechs-Tage-Krieg, womit die Juden erstmals seit 70 n. Chr. wieder im Besitz der Stadt sind. Die Eroberung Ostjerusalems durch die Israelis war der Beginn der bis heute andauernden Probleme. Der Bau und die Ausbreitung israelischer Siedlungen, die Sabotage des palästinensischen Lebens, die Kappung der Verbindungen zwischen dem palästinensischen Norden und Süden des Westjordanlandes, der Bau des schändlichen Sicherheitszaunes durch Ostjerusalem – all diese Entwicklungen haben die Stadt Jerusalem zu dem immer gefährlichen Ort gemacht, der sie heute ist.

Mitwirkende Ensembles und Musiker:

  • Hesperion XXI
  • La Capella Reial de Catalunya
  • Leitung: Jordi Savall
  • Mahalia Jackson
  • Yagel Harel
  • Lior Elmalich
  • Yair Dalal
  • Erez Shmuel Mounk
  • Omar Bashir
  • Usama Abu Ali
  • Begoña Olavide
  • Dani <Mook E> Niv
  • Alpha Blondy

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer /ooe.ORF.at