Lust aufs Leben: Aufweckbläser aus dem Balkan

Blasmusik steht im Mittelpunkt der Sendung „Lust aufs Leben“ am Sonntag. Der Balkan Brass, der im 19. Jahrhundert in Serbien entstand, hat sich über des Landesgrenzen hinaus als Tanzmusik etabliert und die globale Musikszene inspiriert.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben“, 12.3.17,
ab 21.03 Uhr

Noch bis vor mehr als 150 Jahren zählte fast die gesamte Balkanhalbinsel zum Osmanischen Reich. Die türkische Vorherrschaft zeigte sich – im Gegensatz zu heute – tolerant. Sie duldete den kulturellen Austausch und förderte die Vermischung ethnischer Gruppen. Die Regierung garantierte uneingeschränkte Reisefreiheit und achtete darauf, dass in den Verwaltungsbezirken Menschen unterschiedlicher Kulturen zusammengefasst wurden. Diese orientalische Spielart des „Teilens und Herrschens“ führte dazu, dass in allen Teilen des Reiches jahrhundertelang vielfältige musikalische Einflüsse nebeneinander wirken konnten.

Party

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Auf jeder Party

Ein dabei herausragender Stil ist der Balkan Brass, eine Form der Blasmusik, die im 19. Jahrhundert in Serbien entstand und dort hohe Popularität genießt. Das tut sie übrigens auch in Bosnien und Herzegowina, in Montenegro und Mazedonien, in Rumänien, Moldawien und Bulgarien. In den späten 1990er-Jahren wurde die Brass-Musik auch außerhalb ihrer Heimatländer entdeckt und inspirierte die globale Musikszene. Jeder vernünftige Veranstalter hatte regelmäßige Balkanpartys im Programm, die tolle Stimmung und gute Einnahmen brachten.

Energie und ausgelassene Lebensfreude

Die Blaskapellen vom Balkan stehen in den Augen vieler Menschen stellvertretend für die Musik aus diesen Ländern einer sehr bewegten Region. Sie steht für Energie und ausgelassene Lebensfreude und zuweilen sogar für eine gewisse Aggressivität. Obwohl Balkanmusik nicht zwangsläufig Blasmusik sein muss, hat sich im Westen allerdings das Klischee der Brass Musik für den Balkan durchgesetzt.

Blasmusik: Kocani Orkestar

Ajta

Das Kocani Orkestar 2011

Als Goran Bregovic, ein bosnischer Musiker und Komponist, Ende der 1980er-Jahre als junger Rockstar mit der Filmmusik zum dritten Film Emir Kusturicas, „Zeit der Zigeuner“, beauftragt wurde, griff er spontan zur Einspielung seiner Kompositionen auf ein traditionsreiches Orchester mazedonischer Roma zurück: das Kocani Orkestar. Es handelt sich um ein siebenköpfiges Blasorchester aus der türkischsprachigen Roma-Gemeinde in Kocani in Mazedonien. Diese Formation besteht fast ausschließlich aus Blechbläsern und Rhythmusinstrumenten.

Traditionsreiche Musikerfamilie Markovic

1995 spielt in dem Balkan-Film „Underground“ – „Podzemlje“, ebenfalls unter der Regie von Emir Kusturica, die Blasmusikgruppe Boban Markovic Orkestar das legendäre „Kalasnjikov“ zu Beginn und Ende des Soundtracks. Seine Stimmung verdankte der groteske Film nicht zuletzt der fetzig-witzigen Musik von den Markovic-Brüdern. Die Roma-Familie Markovic zählt zu den traditionsreichsten Musikerfamilien mit einer langen Musikantentradition. Bereits der Urgroßvater war im Serbien der 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts ein gefeierter Trompeter, der auch schon zu Ehren von König Alexander aufspielte.

Diese Familientradition gibt er an Bobans Vater weiter, der wiederum seinem Stammhalter bereits in jüngsten Jahren eine Trompete in die Hand drückt. Beständiges Üben bringt ihn ein gutes Stück vorwärts. Nachdem er fünfmal hintereinander beim Blasmusik-Festival in Guca gewinnt, wird er gebeten, in Zukunft nur noch außer Konkurrenz anzutreten. Er hat seinen Platz in der Hall of Fame der Blechbläser sicher. Vater Boban gibt schließlich sein Erbe an seinen Sohn Marko weiter.

Blasmusik Saxophon

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Film mit Magie

1998 veröffentlicht Emir Kusturica die Komödie “Schwarze Katze, weißer Kater”. Anfangs sitzt der westeuropäische Zuschauer mit offenem Mund im Kino und staunt über die absurden Charaktere, die hässlichen Gesichter und die groteske Geschichte. Doch spätestens nach einer halben Stunde hat der Kinomagier Kusturica den Zuschauer in seinen Bann geschlagen.

Eine typische Brassband aus dem Balkan besteht vor allem aus Blechblasinstrumenten wie Trompete, Flügelhorn, Tenorhorn, Tuba und Schlagzeug, dazu kommt noch die ganze Familie der Saxophone. Sehr oft ist die Musik instrumental, es wird aber auch gesungen. Orkestar ist das serbische Wort für Orchester, Kapelle, sie sind bei Festen aller Art wie Hochzeiten und Familienfeiern nicht wegzudenken.

Die Auftritte und Darbietungen sind in der Regel sehr spontan, haben improvisatorischen Charakter und fordern überdies zum Tanz auf. Die asymmetrische Rhythmik zum einen und die mehrstimmigen Moll-Tonarten zum anderen verbinden sich zu einem berauschenden Klangerlebnis. Und damit ist kaum eine Musik besser dazu geeignet, den Zuhörer aus seiner Lethargie zu reißen, weshalb der Balkan-Sound sich einer wachsenden Fangemeinde erfreute, auch über die Grenzen des Balkans hinaus. Die rasante Blasmusik erreicht heute Punks und Headbanger, Jazz- und Funk-fans, Anhänger der Weltmusik oder einfach Menschen, die originelle Musik mögen.

Rumäniens Blasmusikgruppen heißen Fanfaren

Was das Orkestar in Serbien ist, nennt sich in Rumänien Fanfare. Fanfare ist ein französisches Wort, das in der rumänischen Sprache die Bedeutung von Blasmusikkapelle angenommen hat. Die Fanfaren treten bei allen möglichen Festlichkeiten auf, bei Hochzeiten, bei Familienfeiern, bei Begräbnissen. Die Musik, die sie dabei spielen, geht musikgeschichtlich auf die Marschmusik der Osmanen zurück.

Fanfare Ciocarlia ist der Name einer zwölfköpfigen Blaskapelle. Ciocarlia heißt übersetzt Lerche. Ursprünglich war die Gruppe eine traditionelle Dorfkapelle aus einem Kaff namens Zece Prajini in der Region Moldova im Nordosten Rumäniens. Das Dorf liegt zwar an einem Bahngleis, der dort dreimal am Tag vorbeifahrende Zug hält jedoch nicht. Die Passagiere, die zu der kleinen Ansammlung von Häusern gelangen möchten, müssen kurzerhand aus dem fahrenden Zug springen, wobei der Lokführer gnädigerweise das Tempo verlangsamt. Im Oktober 1996 schneit ganz unverhofft ein junger Deutscher namens Henry Ernst, vom Beruf Toningenieur, ins Dörfchen hinein. Die Autodidakten der Band geben ihm eine kleine Kostprobe und Henry engagiert sie vom Fleck weg.

Blasmusik

ORF Lobitzer

Groovige Blasmusik

Aus Vranjska Banja, ein Roma-Dorf von ungefähr 600 Familien in der Grenzregion zwischen Serbien und dem Kosovo, stammt der Trompeter Ekrem Sajdic, er kommt aus einer Musikerfamilie in der 13. Generation. Sein elfköpfiges Blasorchester nennt er Gypsy Groovz und es groovt in der Tat. Mal tanzbar, dann wieder in kaum nachzählbarem Metrum verankert – wie bei dem Stück „Cocek majka“ bemerkbar wird – und auch gleichzeitig traurig – eigentlich auch in diesem Stück hörbar - wie eine New-Orleans-Brass-Brand mit osteuropäischer Tonalität auf dem Weg zum Friedhof.

Kollektive wie individuelle Virtuosität, nicht durch Ausbildung und Studium erworben, sondern durch „learning by doing“, Musik als selbstverständlicher Teil des Alltags, ein Überlebensmittel, Musik als Leidenschaft, als Mittel der Erinnerung und des Zusammenhalts.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich beim Balkan Brass Sound um eine sehr emotional geladene Musik handelt, der man sich nur unschwer entziehen kann. Es ist eine Musik, die eine Lebendigkeit in sich trägt, die Emotionen weckt, die Freude aber auch gleichzeitig Tränen provoziert, weil sie von Musikern vorgetragen wird, die das mit Leib und Seele tun. Das hat im Westen genau den Nerv eines Publikums getroffen, das sich wieder nach hand- und mundgemachter Musik sehnte. Diese Vitalität und Musikalität gepaart mit ein wenig Exotik lässt einem nicht kalt, gerade Mitteleuropäer, die auf Planung, einen kühlen Kopf und Sparsamkeit großen Wert legen, regt sie zum Tanzen an. Trotzdem läuft diese Hochgeschwindigkeitsblasmusik der Brassbands Gefahr, sich zu wiederholen, sich austauschbar zu machen, weil sie trendig wirkt.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer / ooe.ORF.at