Die Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“

Dieser „Schwerpunkt Zeitgechichte“ beschäftigt sich am Sonntag ab 21.03 Uhr mit der bis heute bekanntesten Oppositionsbewegung gegen das kommunistische Regime ihrer Zeit: Die Bügerrechtsbewegung „Charta 77“.

Das Jahr 1977 war nicht nur das Jahr, in dem in der tschechischen Hauptstadt Prag fleißig an der Metro gebaut wurde, in dem die tschechische Eishockey-Nationalmannschaft wieder einmal die Weltmeisterschaft gewann und man den 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution feierte, sondern auch das Jahr, in dem die bekannteste tschechoslowakische Oppositionsbewegung entstand.

Oben v.l.: Vaclav Havel, Otta Bednarova, Petr Uhl, Jarmila Belikova, Jiri Nemec. Unten v.l.: Ladislas Lis, Jiri Dienstbier, Dana Nemcova, Vaclav Benda, Vaclav Maly

AFP

Die Gründer der „Charta 77“: Oben v.l.: Vaclav Havel, Otta Bednarova, Petr Uhl, Jarmila Belikova, Jiri Nemec. Unten v.l.: Ladislas Lis, Jiri Dienstbier, Dana Nemcova, Vaclav Benda, Vaclav Maly

Unterdrückung publik machen

Am 1. Jänner gründeten in Prag 242 Regimekritiker die Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“. Sie wollte die Unterdrückung seitens der kommunistischen Machthaber in der Weltöffentlichkeit publik machen. Unter Berufung auf die von den Ostblockstaaten unterzeichnete Schlussakte der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, der KSZE, forderten die Mitglieder der „Charta 77“ die Wahrung der Bürger- und Menschenrechte.

Zu den Unterzeichnern gehörten Künstler und Intellektuelle, aber auch Arbeiter und Priester, Christen und Atheisten, Exkommunisten und ehemalige Mitarbeiter des Geheimdienstes. Allen voran der Dramatiker Vaclav Havel, der KP-Politiker und Dissident Jiri Hajek und der später erste tschechische Außenminister nach der Wende, Jiri Dienstbier. Die Chartisten – wie sie genannt wurden – setzten viel aufs Spiel, um eine offene, menschenwürdige Gesellschaft zu erreichen.

Pavel Kohout, 2010 in Wien

APA/Herbert Pfarrhofer

Pavel Kohout, 2010 in Wien

Sendungshinweis:

„Schwerpunkt Zeitgeschichte“, 19.2.17, 21.03 Uhr

„Charta 77“ als Vorbild

Heute ist mit der russischen Besetzung der Krim und dem Konflikt in der Ukraine jene weltpolitisch-polarisierte Situation wieder nachvollziehbar, die man schon überwunden glaubte. Und mit dem neuen amerikanischen Präsidenten scheint die Bereitschaft zu Konfrontation erkenn- und bemerkbar. Mittendrin geraten in einer oft angstbesetzten Gesellschaft Meinungsfreiheit und kritisches Denken unter Druck, gerade in Ländern wie Rumänien, Polen und Ungarn.

Ein guter Grund, sich an diese legendäre Charta 77 zu erinnern, die zum Vorbild für viele Oppositionelle wurde, vor allem in den von der Sowjetunion dirigierten sozialistischen Ländern DDR, Polen und Ungarn, später auch für die „Charta 97“ in Weißrussland.

Část textu Charty 77

Český rozhlas | ČT24

Faksimile des Originaltextes der „Charta 77“

Gemeinschaft verschiedenster Überzeugungen

„Die Charta 77 ist eine freie informelle und offene Gemeinschaft von Menschen verschiedener Überzeugungen, verschiedener Religionen und verschiedener Berufe, verbunden durch den Willen, sich einzeln und gemeinsam für die Respektierung von Bürger- und Menschenrechten in unserem Land und in der Welt einzusetzen. Charta 77 ist keine Basis für oppositionelle politische Tätigkeit. Sie will dem Gemeininteresse dienen wie viele Bürgerinitiativen in verschiedenen Ländern des Westens und des Ostens.“

Kopflose Reaktion der Staatsführung

Das Regime reagierte kopflos mit einer wüsten Diffamierungskampagne gegen die Bürgerrechtler, die an die stalinistische Ära erinnerte und nicht einmal vor antisemitischen Tönen zurückschreckte. Die Chartisten wurden observiert, verhört, wiederholt verhaftet, ihre Wohnungen durchsucht oder sie bekamen Berufsverbot. Einige von ihnen bürgerte das Regime aus, andere entschieden sich selbst zur Ausreise.

Im Oktober 1977 fand der erste Prozess gegen die Signatare der Charta statt. Den vier Angeklagten wurde vorgeworfen, Literatur von in der Tschechoslowakei verbotenen Schriftstellern ins Ausland geschmuggelt zu haben. Die höchste Strafe betrug 3,5 Jahre. Vaclav Havel kam mit einer auf Bewährung ausgesetzten Strafe als einer der ersten Sprecher der Charta davon. Er hatte bereits in Zusammenhang mit der Entstehung der Petition einige Monate in Untersuchungshaft verbracht und war im Mai 1977 entlassen worden. Allen Repressalien und Kampagnen zum Trotz unterzeichneten bis Ende 1977 über 800 Unzufriedene die Charta.

Jiri Dienstbier (li), Pavel Kohout (re), 1989 in Prag

AFP/ Lubomir Kotek

Jiri Dienstbier (li), Vaclav Havel (re), 1989 in Prag

1992: „Aufgabe erfüllt“

Im Dezember 1989 trat das kommunistische Regime nach wochenlangen Demonstrationen und Verhandlungen ab und das Ende der Bewegung nahte. Die Charta 77 erklärte ihre Aufgabe im November 1992 als erfüllt. Ehemalige Aktivisten übernahmen politische Ämter und Vaclav Havel wurde zum Staatspräsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Seit 5. Jänner dieses Jahres verweist ein kleines Denkmal im sechsten Prager Stadtbezirk an ihre Gründung. Es steht in der Straße Gymnazijny an dem Ort, wo der kommunistische Geheimdienst den Dramatiker Vaclav Havel, den Schriftsteller Ludvik Vaculik und den Schauspieler Pavel Landovsky nach einer Verfolgungsjagd verhaftete.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer /ooe.ORF.at