Sommerreprisen: griechischer „Blues“

In der Sendung „Lust aufs Leben“ geht es im August um ausgewählte Highlights. Am 6. August verströmt die Sendung richtiges Urlaubsflair mit Musik aus Griechenland, wo der Rembetiko zu Hause ist.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 6.8.17, 21.03 Uhr

In vielen Augen der europäischen Öffentlichkeit ist das Land am Ende, dabei gehört es zu den beliebtesten Ferienländern in ganz Europa. Hellas hat für Reisende und Urlauber viel zu bieten. Sonnenanbeter, Aktivurlauber und Kultursuchende finden auf den griechischen Inseln oder auf dem Festland zahlreiche Möglichkeiten. Musikalisch gesehen sind unsere Kenntnisse über Griechenland relativ bescheiden, bisweilen hatte griechische Musik oft eine schlechte Presse.

Griechenland Urlaub

Guenter Hamich / pixelio.de

Daran sind zum Teil Tonträger schuld, die als Mitbringsel vom Urlaub auf dem Peleponnes neben Metaxa und Lederumhängetaschen mit nach Hause genommen wurden und sich verheißungsvoll „Souvenirs aus Griechenland“ nannten. Sängerinnen und Sänger wie Nana Mouskouri, Costa Cordalis, Vicky Leandros, Georges Dimou oder Melina Mercouri trugen wohl auch nicht zu einem positiveren Bild bei. Vor allem hat eine Figur in einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten das Bild Griechenlands geprägt: Alexis Sorbas.

Urlaub, Griechenland

pixabay.com

Entstanden in Haschischhöhlen und Gefängnissen

Es war ein denkwürdiger Tag, der 4. Juli 2004, als der krasse Außenseiter Griechenland mit einem erstaunlich disziplinierten, flinken und leidenschaftlich aufspielendem Team den Favoriten und Gastgeber Portugal im Finale der Fußballeuropameisterschaft mit 1:0 besiegte. Nach Spielende mischten sich in den Jubel Klänge des Rembetiko, sowohl ältere als auch junge Griechinnen und Griechen tanzten ausgelassen bis zum Morgengrauen. Wahrscheinlich spielten sich ähnliche Szenen in den griechischen Tavernen in der ganzen Welt so ab. Auch bei der Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Sommerspiele, die im selben Jahr in Athen stattfanden, spielte Rembetiko eine große Rolle. Das überrascht insofern, weil der Rembetiko in Haschischhöhlen und Gefängnissen in Griechenland entstand.

„Verpönte Musik“

Als verpönte Musik der Randgruppen und Underdogs verwunderte es, dass zu Zeiten von Hochgefühlen gerade dieser Musikstil eine so große Rolle spielen kann. Doch angesichts der zunehmenden Vereinzelung und Anonymisierung des sozialen Lebens in der westlichen Welt ist es weniger erstaunlich, dass es zur Renaissance einer Musik kommt, die stark gefühlsbetont ist. Sie lädt speziell in ihrer Rhythmik zum gemeinsamen oder soloimprovisierten Tanz ein und in ihrer Ausführung nach zu einer Einheit von Musikern und Publikum. Aber gehen wir zu den Anfängen der modernen griechischen Musik. Sie entstand gegen Ende der osmanischen Herrschaft zu der Zeit, als der griechische Staat geboren wurde.

Griechisch-türkischer Krieg

Während des Ersten Weltkrieges kommt es 1917 zu einem Regierungswechsel und Griechenland kämpft auf Seiten der Entente, also Frankreich, Großbritannien und Russland gegen das Osmanische Reich. Dieses war Mitverbündeter in den sogenannten Mittelmächten mit Deutschland und der österreichisch-ungarischen Monarchie. Als sich im Winter 1918 auf 1919 der endgültige Zerfall des Osmanischen Reiches abzeichnete, schien für die griechische Regierung der Zeitpunkt gekommen, die „Megali Idea“ in die Tat umzusetzen.

Große Autofähre: Warten in Venedig auf Passagiere nach Kreta

Gerald Lehner

Diese nationalistische Idee forderte die Eroberung der Teile Kleinasiens, in denen Griechen lebten, sowie die griechisch bewohnten Restgebiete der Türkei inklusive der Hauptstadt Istanbul. Die Türkei war die Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reiches. 1922 werden die Griechen von den Truppen unter Führung Mustapha Kemals, der später als Atatürk bekannt wurde, zurückgedrängt und flohen nach Smyrna, dem heutigen Izmir. Es geschah das, was Griechen die „kleinasiatische Katastrophe“ nennen. In den ersten Tagen nach der Eroberung der Stadt durch Atatürk wurden 40.000 Einwohner umgebracht und die armenischen und griechischen Viertel der Stadt durch mehrtägige Brände zerstört.

Vertrag in Lausanne 1923

Die Folgen des griechisch-türkischen Krieges waren verheerend, es kam zu Umsiedlungen und Vertreibungen großen Ausmaßes auf beiden Seiten. 1923 wurde im Vertrag von Lausanne im Einvernehmen beider Regierungen ein Austausch der Bevölkerungen beschlossen. Die Zwangsumsiedlung betraf mehr als 1,2 Millionen Griechen und eine halbe Million türkischstämmiger Einwohner Griechenlands.

Als ausschlaggebendes Kriterium wurde die Religion festgelegt, orthodox war griechisch, muslimisch war türkisch. Die damaligen Ereignisse bedeuten für viele Türken und Griechen ein Trauma und sind eine Hauptursache für die bis heute schwelenden Ressentiments zwischen beiden Völkern. Durch den Zuzug der Griechen aus dem anatolischen Festland hatte Griechenland eine Flüchtlingsquote von 25 % zu bewältigen, d. h. jeder vierte Grieche war Flüchtling. Sie ließen sich in den Hafenstädten Athen, Piräus und Thessaloniki in riesigen Elendsvierteln nieder. Die meisten fanden keinen Job, konnten sich bestenfalls als Taglöhner durchschlagen. Und viele tauchten ab in ein Milieu von Kleinkriminalität, Prostitution und Drogen. Auch ihre orientalisch geprägte Musik brachten sie mit: Sie war ein Ventil, sie bedeutete Ausbruch und Therapie.

Orientalische Einflüsse

Rembetika, die Mehrzahl von Rembetiko, waren in dieser oder jener Form seit der Jahrhundertwende vorhanden. Immer schon waren sie die Musik der Armen und Besitzlosen gewesen. Diese kombinierten Musikstile des östlichen Mittelmeeres mit Texten, die von Freud und Leid erzählten, werden oftmals teilweise auf Türkisch gesungen. Die Herkunft des Ausdrucks selbst ist ungewiss, obwohl das alte türkische Wort „rembet“ naheliegend ist, weil es soviel bedeutet wie „aus der Gosse“.

Urlaub, Griechenland

pixabay.com

Es gibt eine simple Wahrheit, die viele Griechen gar nicht so gerne über ihr nationales Musikerbe hören: Die Rembetiko-Rhythmen und –Tänze stammen aus dem Gebiet der heutigen Türkei, die orientalischen Einflüsse sind deutlich auszumachen: Leiernd gesungene Melodien samt schmachtender Melancholie könnte man sich auch in einer Shisa-Bar in Istanbul oder Ankara vorstellen. Die Ursprünge der Rembetika liegen in einer mündlichen Tradition, in der die Improvisation der Musik wie der Texte eine große Rolle spielen. Die Lieder beginnen stets mit einer instrumentalen Einleitung, Taxími genannt, bei dem ein guter Musiker sein Können unter Beweis stellt. Sie läßt auch den Sänger oder die Sängerin wissen, in welcher Tonart das Lied sein würde und legen die Stimmung des folgenden Stückes fest.

Rosa Eskenazi stieg zum Star auf

In den Lieder konnten Anwesende im Publikum erwähnt oder aktuelle Geschehnisse von lokalem Interesse angesprochen werden. Die Sängerin Rosa Eskenazi wurde um 1900 in Konstantinopel, dem späteren Istanbul in einer griechisch-jüdischen Familie geboren. 1922 ging sie nach Athen, sang für Almosen in Cafes, sieben Jahre später folgten die ersten Plattenaufnahmen. Sie arbeitete erfolgreich mit den bekanntesten Komponisten ihrer Zeit. Rosa Eskenazi war und ist eine Legende. Noch bis kurz vor ihrem Tod am 2. Dezember 1980 trat sie öffentlich auf.

Urlaub, Griechenland

pixabay.com

Wie vorerst erwähnt, hatten die Mánges ein hohes Selbstwertgefühl, lebten unkonventionell, liebten ihre Unabhängigkeit und waren von der Staatsmacht nicht zu kontrollieren. Die Welt der Rembetes war männlich geprägt. Doch bei den unzähligen Schallplattenaufnahme aus der damaligen Zeit spielten einige Frauen mit ihren herausragenden Stimmen eine bedeutende Rolle, bis heute unvergessen eben Rosa Eskenazi, die wir zuletzt hörten, wie auch Rita Ambadsi, die größte Rivalin von Eskenazi. Ambadsi wurde 1914 in Smyrna geboren, sie hat eine rauere und mehr strukturierte Stimme als ihre Konkurrentin und strebt anscheinend auch gehaltvollere Liedtexte an.

Dann kam die Bouzouki ins Spiel

Es gab den Rembetiko bereits bevor die Bouzouki das Hauptinstrument wurde. Dieses uralte Instrument war bekannt in prägriechischen Zivilisationen wie Ägypten, Assyrien, China und Indien wie auch im antiken Griechenland. Bis dahin waren die Hauptinstrumente Violine, Sanduri, eine Zither mit über 100 Saiten, die mit zwei Stäben gespielt wird, Kanonaki, eine Art Hackbrett, die Baglamas, eine kleine und gewöhnlich selbstgemachte Bouzoukivariante. Sie konnte von den Rembetes leichter vor den Gefängniswärtern und Polizisten versteckt werden. Später sollten dann Gitarre, Mandoline, Tsuras und Laute dazukommen. Christos Pantelis singt eine Ode an die Bouzouki , die ihm über Jahre immer ein Auskommen geboten hat. „Mein Bouzouki, nur du schaffst es, jedem Verbitterten Trost zu spenden“.

Schwere Zeit für den Rembetiko

Das Ende der dreißiger Jahre wird erneut eine schwere Zeit für den Rembetiko. Der Diktator Ioannis Metaxas schob dem Haschischrauchen einen Riegel vor, 1936 kommt es zum Verbot der Haschischhöhlen und der dort gesungenen Lieder. Metaxas befahl den Plattenfirmen, das Aufnehmen von Drogensongs einzustellen und aus dem Rembetiko eine anständige Unterhaltungsmusik zu machen. Diese Tatsache sowie die neue griechische Leidenschaft für Lieder italienischer Herkunft mit Mandoline und Gitarre, brachte enorme Veränderungen in der Rembetika-Tradition mit sich. Es kamen die großen und kleinen Tonleitern des Akkordeons, des Klaviers und der Gitarre, die nicht jene Vierteltöne spielen konnten, die für das Spielen der alten Lieder von der Straße erforderlich waren. Auf diese Weise verschwand der orientalische Beigeschmack der Rembetika allmählich.

Urlaub, Griechenland

pixabay.com

Vassilis Tsitsanis ersetzte Drogen- durch Liebestexte

Der neue Held heißt Vassilis Tsitsanis. Er war von der Abstammung her kein Rembete, sein Vater war ein Leder- und Silberhandwerker, der von Zeit zu Zeit die Bouzouki spielte, seinem Sohn jedoch verbot, diese auch nur anzufassen. Nach dem Tod seines Vaters versucht es Tsitsanis trotzdem und wurde schon bald ein Meister. Die traurigen Augen dieses schüchternen Mannes, der stets schicke englische Sportjacken trug, waren auf allen Fotografien jener Zeit zu sehen. Es wird behauptet, dass Tsitsanis sogar traurig aussah, wenn er lächelte.

Tsitsanis ersetzte die Drogentexte durch Liebesthemen und ließ den Rembetiko sanfter und die Worte flehender werden. Mit diesen lieblicheren Klängen erreichte er ein viel breiteres Publikum. Seine erste Aufnahme macht er 1937. Er lebte in Thessaloniki und eröffnete – da alle Aufnahmestudios geschlossen waren – eine kleine Ouzeri, in der er allabendlich sang. Während der Besetzung Griechenlands durch die deutsche Armee schrieb er einige seiner schönsten Lieder, darunter „Wolkiger Sonntag“, ein kaum verschleiertes Trauerlied um sein geschändetes Heimatland und seine entmutigten Landsleute. Obwohl es vor 1948 keine Aufnahme dieses Liedes gab, verbreitete es sich durch mündliche Überlieferung rasch und wurde zur Hymne der Besitzlosen.

Als Vassilis Tsitsanis 1984 starb, füllten sich bei seinem Begräbnis die Straßen von Athen mit 200.000 Menschen. Viele seiner Lieder sind auch heute noch sehr populär, die jung und alt auswendig singen können. Es gibt die Haltung, dass es nach den 30er-Jahren, spätestens nach Ende der 40er-Jahre keinen wahren Rembetiko mehr gibt und wegen des nicht mehr existierenden subkulturellen Milieus auch nicht mehr geben kann. Das stimmt nicht ganz, denn er durchlief und durchläuft einen permanenten Veränderungsprozess.

Ideologischen Polarisierungen

Es wird auch nicht bestritten, dass es im Ringen um die kulturelle Identität griechischer Musik immer wieder zu ideologischen Polarisierungen kam: Die orientalisch geprägten Kulturwelten passten nicht in die Europäisierungswelle, die unterschiedliche Machthaber der Gesellschaft verordnen wollten. Und es stimmt auch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg der Rembetiko einige Jahrzehnte eine Randerscheinung blieb und für die Plattenindustrie keine Bedeutung hatte.

Urlaub, Griechenland

pixabay.com

Doch in den letzten drei Jahrzehnten wurde die zwischenzeitlich vergessene exotische Subkultur wieder entdeckt, es kam zu einem Revival. Musikgruppen in Griechenland und im Ausland nehmen wieder Bezug auf diese Musik: teilweise in Neuinterpretationen der alten Klassiker, teilweise mit musikalischen Erneuerungen oder Kompositionen. So eine Gruppe ist Ross Daly und Labyrinth. Daly ist ein in England geborener Ire. Er führt den Hörer wie einen Magier auf eine Traumreise durch das Labyrinth der griechisch-orientalisch-mediterranen Klangwelt.

“Prinz der griechischen Rockmusik”

Pavlos Sidiropoulos gilt als der “Prinz der griechischen Rockmusik” und seine Stimme verkörpert die besten Elemente dieser Musik, die nicht einfach die englischen und amerikanischen Vorbilder kopiert hat. “Der Rembetiko ist der griechische Blues”, sagte Sidiropoulos, und diese Verbindung lebte er mit aller Konsequenz im Leben wie in seinen Liedern. Seine Karriere begann in Thessaloniki der 70er und endete 1990 durch eine Überdosis wie bei Janis Joplin.

Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg und des anschließenden Bürgerkrieges galten die Rembetika-Lieder in den Zeiten der Unterdrückung, der Zensur und der Not durchaus als Ausdruck griechischer Identität. “In den Gefängnissen und Verbannungslagern hatten diese Lieder eine fundamentale Bedeutung für die geistige Haltung der Menschen. Sie waren das Element, das uns einte”, so ein Zitat von Mikis Theodorakis. So teilt eigentlich der Rembetiko das Schicksal mit seinen musikalischen Brüdern und Schwestern, die auch in subkulturellen Milieus von Entwurzelten entstanden sind und überlebt haben. Wie der Fado in Portugal, der Flamenco in Spanien, der Tango in Argentinien, der Blues der Schwarzen in den USA. Rembetiko ist Lebensgefühl, eine Silbe an der richtigen Stelle kann eine Mischung von Schmerz, Sehnsucht, Trauer und Freude zum Ausdruck bringen. Gerade jetzt in der aktuell schwierigen Lage, in der sich Griechenland befindet, könnte der Rembetiko in seiner Tiefe und Vielfalt gerade mit seinen orientalischen Wurzeln eine bedeutende Rolle im neuen Gesellschaftsbewusstsein und im Ringen um nationale Identität und seiner vielen im Exil lebenden Mitbürger spielen.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer