„The good ol’ blues“ in “Lust aufs Leben”

Der Blues ist eine Musik der Rassentrennung zwischen Schwarz und Weiß. Er thematisiert die leidvolle Erduldung von Sklaverei, Armut und Rassismus. Am 13. August geht es in „Lust aufs Leben Sommerreprise“ um den „good ol’ blues”.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 13.8.17

Der Blues entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in den Südstaaten der USA aus einer Verschmelzung afrikanischer und europäischer Musiktraditionen. Die afrikanischen Elemente wurden von den aus Afrika eingeschleppten Sklaven in die neue Welt importiert.

Stark ausgeprägtes Gefühl für Rhythmus

Hauptmerkmale waren das stark ausgeprägte Gefühl für Rhythmus und die Verwendung von „blue notes“ beim Singen. Mit blue notes bezeichnet man die drei für den Blues charakteristischen Tonstufen, die nicht im europäischen Tonsystem verwendet werden. Sie klingen für Europäer schräg und dissonant.

Blues-Legende BB King an der Gitarre

EPA/Stefan Zaklin

Blues-Legende B.B. King an der Gitarre

Die weißen Amerikaner, die in den USA bereits lebten, waren meistens Nachkommen europäischer Einwanderer. Sie brachten ihre Musik in Form von Walzer, Polkas, Volksmusiken der unterschiedlichsten Art und der Klassik ein. Die schwarzen Musiker übernahmen vieles davon, mischten es mit ihrer eigenen Harmonik und Rhythmik und so entstand vereinfacht gesagt der Blues. Der Blues ist eine poetisch-musikalische Gestaltungsform, die durch einen charakteristischen textlichen, melodischen und harmonischen Aufbau gekennzeichnet ist. Als künstlerisches Ausdrucksmittel der afroamerikanischen Bevölkerung in Nordamerika ist er immer eng mit dem Schicksal der amerikanischen Schwarzen und ihren unmenschlichen Lebensverhältnissen verbunden gewesen.

Zahlreiche Bluesstile

Diese Bindung an die jeweiligen Lebensumstände der Farbigen in den USA führte zu einer kaum überschaubaren Vielfalt an regionalen Bluesspielweisen und Bluesstilen. Diese konnten sowohl gesungen werden als auch instrumental zu hören sein.

Im Mississippi-Delta sprach man vom Mississippi-Blues, im Südwesten der USA entwickelte sich der Texas-Blues. Inspiriert durch die Stadt New Orleans verbindet der Lousiana-Blues die Bläser des Dixieland mit karibischen Rhythmen der Cajun und Zydeco Musik. Alle diese Formen werden auch als Country-Blues, als ländlicher Blues bezeichnet. Eine ganz andere Entwicklungslinie nimmt der City Blues. Dieser Stil ist an die Lebensbedingungen in den Großstädten des industriellen Nordens der USA gebunden. Er wird sehr viel härter und erdiger gespielt.

Die Musiker übertrugen ihre traditionellen Spielweisen auf die elektrisch verstärkte Gitarre und entwickelten einen lautstark-aggressiven Bluesstil, in dem sich die Enttäuschung und Verbitterung angesichts der entwürdigenden Bedingungen in den Gettos der Städte wie Chicago, Los Angeles und New York spiegelte. Elmore James lebte von 1918 bis 1963, wurde auf einer kleinen Plantage in Canton, Mississippi, geboren und war schon in seiner Jugend tief beeindruckt von einer Tournee hawaiianischer Gitarristen, die ihr Instrument mit einer kleinen Metallhülse spielten. James wurde bald Experte dieser Spielweise, die man später als Bottleneck-Spieltechnik auf der Gitarre, meistens einer slide guitar, bezeichnen wird.

Elmore James

unbekannt/fair use

Elmore James

Versuche weißer Musiker schlugen zunächst fehl

„Die Weißen können uns alles stehlen“, rühmten sich Amerikas farbige Sänger, „nur nicht den Blues“. Sie sollten ein halbes Jahrhundert lang recht behalten. Alle Versuche weißer Musiker, die harten Getto-Songs aus Harlem und Chicago nachzuspielen, alle Kopien der schwarzen „work songs“ aus dem Mississippi-Delta waren misslungen. Stets entstand ein neuer, europäisch-amerikanisch gefärbter Stil, wenn man an die Unterhaltungsmusik eines George Gershwins denkt, an die Tanzmusik eines Benny Goodman, an Stan Getz und Dave Brubeck im Cool Jazz und an den Rock’n’Roll Elvis Presleys.

In allen Bereichen einer ursprünglich von Schwarzen geschaffenen Musik waren Weiße immer erfolgreicher gewesen, hatten mehr Geld verdient als die kreativen Schwarzen. Das änderte sich. Nach dem Krieg kam durch die Anwesenheit der Amerikaner und zahlloser schwarzer GIs in Europa ein ungewöhnliches Interesse an allen Arten amerikanischer Musik auf, auch am Blues. Da sie die gleiche Sprache und den gleichen kulturellen Hintergrund hatten, waren die Engländer auch die ersten, die diesen Enthusiasmus in die Tat umsetzten und die Musik interpretierten.

Blues-Revival ab 1961

Fast alle erfolgreichen britischen Pop- und Rockmusiker der sechziger Jahre hatten jahrelang schwarze Bluessänger und Bluesinstrumentalisten studiert, imitiert und von dorther zu ihrem eigenen Stil gefunden. Man kann durchaus von einem Blues-Revival sprechen, einer ausgesprochenen Bluesbewegung, angeführt von dem in Wien geborenen, in Frankreich erzogenen, in England lebenden Gitarristen und Vokalisten Alexis Korner. Er gründete 1961 in London die Formation „Blues Incorporated“. Die hier versammelten Musiker werden später zur Keimzelle führender Rockgruppen wie den Rolling Stones, den Animals, Colosseum oder der Band von Manfred Mann.

Der „weiße“ Blues

In London, New York, München und Tokio dröhnt nun der “weiße” Blues aus Transistorradios, Musikautomaten, Tanzlokalen und Diskotheken. Zitat aus dem „Melody Maker“: „Der Blues ist das Gesündeste in der britischen Popmusik“. Vielleicht liegt eine Erklärung darin, dass die weißen Musiker die alten Klagelieder der Schwarzen nicht mehr einfach imitieren. Chicken Shack, Ten Years After, Yardbirds, Moody Blues, The Animals, The Who und wie die Bands alle heißen, sie erweitern die zwölftaktige Bluesform und improvisieren Soli von ekstatischer Gewalt. Sie hängen ihre Gitarren an den Strom und nehmen die Hammond-Orgel in ihre Bands hinein.

Canned Heat

wikipedia/Skip Taylor Productions

Canned Heat im Jahr 1970

Die jungen weißen Briten imitierten ihre schwarzen Idole mit Enthusiasmus und fochten für ihre Anerkennung, indem sie offen ihre Quellen nannten und sichtbar den Kontakt mit dem Blues der Schwarzen suchten. Sie wussten auch nicht viel über den ursprünglichen Konflikt zwischen dem Norden und dem Süden der Vereinigten Staaten, der die Bluesmusik einst ins Leben gerufen hatte. Junge Schwarze hingegen wandten sich eher von dieser Art der Musik ab, sie war in ihren Augen rückständig. Die Band Canned Heat wurde 1966 in Los Angeles gegründet. Der Kalifornier Bob Hite und der in Boston geborene Al Wilson taten sich mit dem Schlagzeuger Bob Cook, dem Gitarristen Henry Vestine und dem Schlagzeuger Larry Taylor zusammen. Sie verliehen der Band soviel Glaubwürdigkeit, wie eine weiße, aus der Mittelschicht stammende Bluesband überhaupt nur haben konnte.

Die Bluesbreakers und Eric Clapton

Die Bluestradition in Richtung eines eigenständigen “weißen” Blues‘ weiterzuführen, war neben Alexis Korner dann vor allem das Anliegen des Engländers John Mayall. Der Sänger, Gitarrist, Mundharmonikavirtuose und Keyboarder betrachtete das Werk von Sonny Boy Williamson und J. B. Lenoir als die „Bibel der Musik“ und wurde zum Lehrer und Missionar des Blues in den frühen 60ern. Zu Mayalls erster Gruppe „Bluesbreakers“, die sich im Februar 1963 zusammenfand, gehörte auch Bassist John McVie, der nach seiner Lehre bei Mayall eine wesentliche Rolle beim Entstehen von Fleetwood Mac spielte. Zwei Jahre später nahm Mayall einen jungen Gitarrenanfänger unter seiner Fittiche: Eric Clapton.

Eric Clapton beim Konzert in der SAP Arena in Mannheim, Deutschland, 24 Juni 2014

APA/EPA/Uwe Anspach

Eric Clapton beim Konzert in Mannheim, Deutschland, 24. Juni 2014

Eric Clapton spielte die „Gibson Les Paul“, eine Gitarre mit vollem, weichem Klang, mit der er aber auch weitaus extremere Töne erzeugen konnte. Clapton verschmähte den vergleichsweise simplen, glattgebügelten Stil von Gruppen wie The Shadows, der bis dato als Nonplusultra des Gitarrenspiels galt. Clapton verließ bald die Band, tat sich mit Jack Bruce und Ginger Baker zusammen, um das Power-Trio „The Cream“ zu gründen.

Peter Green

John Mayall stellt Peter Green als Nachfolger Claptons ein. Green hatte den Ruf, einer der besten britischen Bluesgitarristen zu sein und bleibt für ein Jahr bei den Bluesbreakers. Nur kurze Zeit später verlässt Peter Green gleich mit zwei Kollegen John Mayalls Band, nämlich dem Bassisten John McVie, dem Schlagzeuger Mick Fleetwood und gründet mit dem Gitarristen Jeremy Spencer die Gruppe Fleetwood Mac. Zunächst blieb die Gruppe ein Geheimnis, den sich Kenner mit wissendem Zwinkern weitergaben, bald jedoch entpuppte sich die Band als beherrschende des neuen Blues, der nichts weiter war als die elektrifizierte Variante des alten Blues eines Elmore James oder eines Howlin‘ Wolf. Der zunehmende, aus Erfolg, Tourneen, Geld und LSD erwachsene Druck wirkte sich dahingehend aus, daß Green 1970 mitten in einer Deutschland-Tournee die Band verließ und in England abtauchte. Er wurde Gärtner und arbeitete zeitweilig als Totengräber in London. John Mayall steht nach dem Ausscheiden Peter Greens wieder ohne Gitarristen da, er findet den jungen Mick Taylor, der einmal später bei den Rolling Stones Karriere machen wird. Der Talentesucher Mayall hatte wieder einen Mann der Spitzenklasse gefunden.

Der „weißeste“ Bluesgitarrist

Im Juli 2014 war er noch beim Clam Rock Festival auf der Burg Clam in Oberösterreich zu sehen. Am 17. Juli wurde er tot in einem Hotel nahe Zürich aufgefunden. Er war so weiß, wie sein Name klang, vielleicht der weißeste Bluesgitarrist der Welt, ein Albino mit langem, hellem Jahr: Johnny Winter.

Johnny Winter im Jahr 1990

wikipedia/Masahiro Sumori

Johnny Winter im Jahr 1990

Der Texaner hatte das Gitarrenspiel von den schwarzen Meistern übernommen, er orientierte sich am harten, elektrischen Stil der schwarzen Viertel von Chicago. Sein stark verzerrtes Spiel zeichnete sich durch flüssige, schnelle Melodien aus, das bei Konzerten durchaus zur leeren Virtuosität ausarten konnte. In seinen besten Momenten aber brachte Johnny Winter seine Gibson zum Swingen, dazu sang er mit ausdrucksstarker Bluesstimme.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer