Das Beste aus „Lust aufs Leben“

50 Sendungen „Lust aufs Leben“ hat Michael Huemer im vergangenen Jahr gestaltet. Am Sonntag ab 21.03 Uhr gab es ein „Best of“, eine akustische Retrospektive über das abgelaufene Jahr.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 50 Sendungsstunden an diesem Sendeplatz ausgestrahlt, wobei sich das Sendungsprofil vorsätzlich Woche für Woche veränderte. Die Töne und Sounds, das gesprochene Wort und die Musik, die ich in meiner Hauptfunktion als Archivleiter bewahre und bereitstelle, sind Teil des audiovisuellen Gedächtnisses unseres Bundeslandes. Sie bilden Identität mit hoher leidenschaftlicher Bindung. Für die einzelne Hörerin bzw. Hörer bedeutet das „Wiederhören“ von Erlebtem ein emotionales Erlebnis in Bezug auf seine individuellen Erinnerungen und Ereignisse.

Schallplattenarchiv des ORF OÖ
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Inhalte - durchaus gegen den Kamm geschert

Für jüngere Generationen sind unbekannte Audio-Dokumente „neue“ Töne, aus denen sie Erkenntnisse ziehen können. Darüber hinaus ist mir natürlich bewusst, dass die Hörbereitschaft am Sonntag um 21.00 Uhr nicht unbedingt überstrapaziert werden sollte. Ein gutes Radioprogramm kann die Hörenden „durch Raum und Zeit“ bewegen. Es kann neue Erkenntnisse vermitteln und Interesse wecken, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammenführen, Betroffenheit erzeugen, Inhalte durchaus gegen den Kamm scheren.

„Begegnung am Zaun“

Eine Sendung, die mich am meisten psychisch beschäftigt hat, kam Ende Oktober zur Ausstrahlung. „Begegnung am Zaun“ hieß sie, wobei man bei diesem Titel durchaus eine freundliche Begegnung vielleicht zwischen guten Nachbarn assoziieren könnte. Tatsächlich handelt es sich um eine - man kann schon sagen - tödliche Nahtstelle zwischen Arm und Reich, zwischen Europa und Afrika, an einem außergewöhnlichen Ort, der Melilla heißt.

Grenzzaun
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Schwerpunkt Zeitgeschichte

Von Melilla jetzt nach Prag und zur Reihe „Schwerpunkt Zeitgeschichte“. Das Jahr 1977 war nicht nur das Jahr, in dem in der tschechischen Hauptstadt fleißig an der Metro gebaut wurde, in dem die tschechische Eishockey-Nationalmannschat wieder einmal die Weltmeisterschaft gewann und man den 60. Jahrestag der russischen Oktoberrevolution feierte. Es war auch das Jahr, in dem die tschechoslowakische Oppositionsbewegung entstand. Am 1. Jänner gründeten in Prag nämlich 242 Regimekritiker die Bürgerrechtsbewegung „Charta 77“.

Oben v.l.: Vaclav Havel, Otta Bednarova, Petr Uhl, Jarmila Belikova, Jiri Nemec. Unten v.l.: Ladislas Lis, Jiri Dienstbier, Dana Nemcova, Vaclav Benda, Vaclav Maly
AFP

Sie wollte die Unterdrückung seitens der kommunistischen Machthaber in der Weltöffentlichkeit publik machen. Man forderte die Wahrung der Bürger- und Menschenrechte im Land.

Persönlichkeiten aus Oberösterreich

Einen wesentlichen Schwerpunkt nimmt in der sonntäglichen Sendung eine Reihe ein, die sich mit oberösterreichischer Zeitgeschichte beschäftigt. Im Februar startete ich mit einer insgesamt aus acht Teilen bestehenden Porträtserie über Persönlichkeiten aus unserem Bundesland, die ihre Spuren als Wegbereiter und Vordenker nicht nur in Oberösterreich sondern in ganz Österreich hinterlassen haben.

Erwin Wenzl
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Erwin Wenzl

Es war mir beim Produzieren dieser Sendungen ein besonderes Anliegen, zu demonstrieren wie sich die Radioarbeit selbst drastisch verändert hat. Sprachmelodie, Sprachstil, Inhalt und Rhetorik haben sich in der Hörfunkberichterstattung in mehr als einem halben Jahrhundert gewandelt und radikal verändert. Sowohl die Sprechgeschwindigkeit als auch die für heutige Ohren salbungsvoll klingende Ausdrucks- und Sprechweise wären in der Medienvermittlung des 21. Jahrhunderts unvorstellbar.

Der rhetorische Schlagabtausch als Selbstzweck

Darüber hinaus fiel mir bei der Recherche - speziell nach dem letzten Wahlkampf zur Nationalratswahl - ein weiterer Aspekt auf. Heute wird gerne mehr gegenseitiges Zuhören in Interviews sowie der Wunsch nach Gesprächskultur bei „runden Tischen“ eingefordert. Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, dass der rhetorische Schlagabtausch bei Konfrontationen, Elefantenrunden und sonstigen Debatten vordergründig als Selbstzweck empfunden wird.

Sendungshinweis

„Lust aufs Leben“, 7.1.18

Dagegen muten die Rundfunkaufnahmen aus den 60er- und 70er-Jahren vergleichsweise förmlich und pathetisch an: sämtliche Gesprächspartner aber – ob Interviewer oder Interviewte – hatten eines: Respekt voreinander. Umgekehrt vermitteln Interviews von seinerzeit noch epische Breite im Gegensatz zu heute, wo Nachrichten und Informationen im Sekunden- und Minutentakt in Form von newsflashes oder breaking news gefordert sind. Insofern lassen sich an den Tondokumenten Lebensgefühl und Wahrnehmung von Einst und Jetzt vergleichen.

„Warum sogn’s zu dir Tschusch?“

Anfang der 1970er-Jahre sorgte in Wien ein Plakat für Aufsehen. Es sollte für Toleranz gegenüber Gastarbeitern werden, den „Tschuschen“, wie sie von den Österreichern abfällig genannt wurden. “I haaß Kolaric, du haaßt Kolaric. Warum sogn’s zu dir Tschusch?“, fragt ein kleiner Bub einen vor ihm stehenden sehr großen Mann. Seither ist „Kolaric“ der Inbegriff für die Gastarbeitergeneration der 60er- und 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

50 Jahre Gastarbeiter Ausstellung
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Das Thema Fremd- und Gastarbeiter war natürlich auch ein Schwerpunkt in Oberösterreich und speziell in Linz. Zwei Großbetriebe – die „Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke AG“ und die „Österreichische Stickstoffwerke AG“ prägten bereits in den 50er-Jahren das Image von Linz als dynamische Industriestadt. Beide beschäftigten 1974 70 Prozent der Linzer Industriearbeiterschaft.

Von Lausbubengeschichten zu Otto Grünmandl

Der Humor ist eine Seite der Freude, humorvolle Menschen sind ein Segen für andere und sehr viel Freude habe mir speziell drei Sendungen bereitet. Schon im Jänner war ich auf den Spuren der klassischen Musik unterwegs, denen „Lausbubengeschichten anno dazumal“ am Faschingssonntag folgten.

Michael Huemer im Schallplattenarchiv des ORF OÖ
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Am letzten Junisonntag hieß es „Wir Standpunktlosen sind die Mehrheit“, in denen der 2000 verstorbene Kabarettist Otto Grünmandl improvisierte Zwiegespräche über das Absurde im Alltäglichen führte. Der Tiroler hatte eine Vorliebe für penible und möglichst flächendeckende Erklärungsmodelle. Seine Ein-Mann-Auftritte waren geradezu biedermännisch, beinahe emotionslos. Grünmandl führte damit das Genre Kabarett, in dem sonst Pointen krachen, zum Ort des Aberwitzigen und des Nonsens.

John Coltranes „Schreie zum Himmel“

Die Musik zählt zu meinem Steckenpferd und spielt somit in den Sendungen eine große Rolle. Einmal steht eine Künstlerin oder ein Künstler im Vordergrund, die oder der bedeutungsvoll in der Musikbranche ist, ein anderes Mal eine Band, ein Ensemble, eine Band, die für Furore sorgten. Es kann sich aber auch um einen runden Geburtstag oder Todestag berühmter Musiker drehen. Vor 50 Jahren, also 1967, starb John Coltrane. Der Tenorsaxophonist zählt heute noch zu den meistbewunderten Musikern des Jazz. Coltrane spielte Sopran- und Tenorsaxophon, zählte zur Avantgarde des Free Jazz, der sich quasi die Seele aus dem Leib blies. 1957 überwand er seine langwährende Alkohol- und Heroinabhängigkeit und erlebte eine spirituelle Erweckung, die sich unmittelbar auf seine Musik auswirken sollte. Diese musikalische Seite seiner Religiosität wurde in der Sendung „Schreie zum Himmel“ demonstriert.

John Coltrane
Dutch National Archives

Welchen Klang die Arbeit hat

„Schaufeln Schleppen Schuften – Musik und Rhythmus aus harter Körperarbeit“ hieß es am Vorabend des 1. Mai, dem „Tag der Arbeit“. In der Sendung bin ich der Frage nachgegangen, welchen Klang die Arbeit hat. Ob es ein musikalischer ist oder primär ein besonderer Rhythmus sich darin ausdrückt. Viele Arbeitsverläufe zeichnen sich ja durch einen strengen, genau einzuhaltenden Verlauf aus: das Einschlagen von Piloten, das Ausheben von Gräben und auch das, was die Maschinen in der Fabrik vorgeben. Ich begab mich dazu in die Vereinigten Staaten.

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer; ooe.ORF.at

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