Bilder zum Hören – Musik zum Sehen

Im Mittelpunkt der Sendereihe „Lust aufs Leben“ mit Michael Huemer, steht ein Buch; ein Bilderbuch mit 40 Seiten, in dem versucht wird, Kindern Musik und Bildende Kunst gleichzeitig näherzubringen.

Sendungshinweis:

„Lust aufs Leben“, 17.12.17,
ab 21.03 Uhr

In der etwas sperrigen Anleitung von „Was hörst du?“ heißt es, dass „dieses Buch insbesondere junge Leser dazu anregen soll, Kunstwerke aufmerksam zu betrachten und dadurch besonders intensiv zu erleben“. Es liegt auf der Hand, dass man die Gemälde eigentlich sehen müsste, leider ist das via Radio nicht möglich.

Kinderbücher
ORF

Erste Eindrücke prägen

Illustrationen von Kinderbüchern sind die ersten Bilder, die Kinder interessieren und genauer betrachten. Im Zusammenhang mit ästhetischer Bildung besitzen sie eigentlich hohen Stellenwert. Sie „dienen“ nicht allein der Bebilderung von Texten und erzählen nicht „nur“ Geschichten. Bilder prägen entscheidend unsere Wahrnehmung, formen unseren Geschmack sowie unsere Einstellung gegenüber bildender Kunst. Sie legen einen wichtigen Grundstein zur späteren Kunstbildbetrachtung. Es gibt unterschiedliche Publikationen mit dem Ziel, Kindern Kunst und Kunstgeschichte zu vermitteln, um ihr künstlerisches Tun zu fördern und unterstützen. Sie sollen Anregungen für kreatives bildnerisches Arbeiten und dreidimensionales Gestalten liefern. Es geht eigentlich nur ums Ausprobieren, Reflektieren und um die Freude am Kreativsein.

Sichtungen Hebenstreit
Manfred Hebenstreit

Sehr viele Museen produzieren spezielle Kataloge für Kinder, die vor oder nach einem Ausstellungsbesuch oder währenddessen gelesen werden und kunsthistorisches Wissen vermitteln. Da gibt es Kunstlexika, die die Kunstgeschichte von A bis Z erklären, es finden sich Biografien von und über bedeutende Künstlerinnen und Künstler. Eine sehr direkte Form der Vermittlung von zeitgenössischer Kunst findet beispielsweise über Kunstbücher statt. Das sind meist textlose Bilderbücher, die von Kunstschaffenden gestaltet bzw. illustriert wurden. Eine eigene Kategorie sind auch Bücher über Farbenlehre. Meist wunderbar illustriert, thematisieren sie Farben und erläutern für Kinder Farbtheorien. Aber nicht nur das.

Verschmelzung von Farbe und Ton

Die Idee einer Synthese zwischen Malerei und Musik, Farbe und Ton, also der Fusion verschiedener Sinne, findet in der Musik ihren Ausdruck in Versuchen, Sichtbares in gewisser Weise hörbar zu machen und das Hörbare mit sichtbaren Elementen anzureichern. Die so entstandenen Kompositionen sind inspiriert von Werken bildender Kunst, von Farben, Licht oder anderen visuellen Eindrücken. Erste von Gemälden angeregte Musikstücke komponierte Franz Liszt bereits im 19. Jahrhundert. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts experimentiert Alexander Scriabin mit Farben und Licht, daraus entstanden Farblichtproduktionen. Um eine Farbenmusik in einem vergeistigten Sinn ging es Olivier Messiaen. Zahlreiche weitere Komponisten wie Modest Mussorgsky, Gustav Mahler und Gabriel Fauré beschäftigten sich ebenfalls mit dem Versuch, Kunstwerke in Musik umzusetzen.

Von diesen Vertonungen erlangte besonders Modest Mussorgskys Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ aus dem Jahre 1874 hohe Popularität. Beim Besuch einer Gedächtnisausstellung für den Maler Victor Hartmann wurde Mussorgsky zu diesem Werk inspiriert und wählte zehn Aquarelle und Zeichnungen als Vorlage für seinen Zyklus aus. Diese übersetzte er in Musik, wobei man sagen kann, dass sich ein Bezug zur Vorlage nicht mehr unmittelbar erschließt.

Blasmusik Trompete
pixabay.com

Für ein intensiveres Kunsterlebnis

Überhaupt sind die Beziehungen zwischen Bild und Musik bei vielen darum bemühten Kompositionen nicht zwingend und wirklich schlüssig. Sie erweisen sich oft als allgemein gehalten und rein assoziativ. Die musikalischen Lösungen, die für Vertonungen von Gemälden komponiert wurden, fallen auch sehr unterschiedlich aus. Alle Versuche einte die Idee, die Grenzen zwischen Malerei und Musik aufzuheben, was dem Bestreben vor allem der Romantik nach einer Verschmelzung der Kunstgattungen entsprach. Es war auch damit der Wille verbunden, das Kunsterlebnis zu intensivieren bis hin zu einem Gesamtkunstwerk.

Der Barockkomponist Francois Couperin hat beispielsweise eine „Maskensuite“ für den französischen Karneval komponiert. Diese besteht aus zwölf Couplets mit eigenen Überschriften. Jedes Couplet stellt eine personifizierte menschliche Eigenschaft als Maske von charakteristischer Farbe dar. Die Hoffnung hat die Farbe Grün, die Begierde ist bei Couperin fleischfarben, in „Schwarz“ hat er die Raserei oder die Verzweiflung gehalten.

Immer wieder spielt die Farbe eine herausragende Rolle bei der Umsetzung visueller Eindrücke in Musik. Ein Beispiel aus dem 20. Jahrhundert: Der Komponist Sir Arthur Bliss hat sich 1922 bei der Komposition seiner „Colour Symphony“ von der symbolischen Bedeutung verschiedener Farben anregen lassen. Den 2. Satz seiner Symphonie hat er „Red“ – also „Rot“ genannt. Andere Beispiele tragen Farben und Farbschattierungen bereits im Titel. „Rapsody in blue“ von George Gershwin oder „Chronochromie“ von Olivier Messiaen. „Der gelbe Klang“ von Alfred Schnittke oder „Farben“ von Arnold Schönberg. Die Polka „Farbenspiel“ von Carl Michael Ziehrer. Die Britin Rebecca Saunders, 1967 geboren, Vertreterin also der zeitgenössischen Szene kreiert Klänge, die zu leuchten scheinen, ihre Komposition „Blue and Gray“ und damit sind wir im 21. Jahrhundert weist auf ihre besondere Affinität zu Farben hin.

anonymes Portät, erstellt in der 1. Hälfte 18. Jahrhundert
wikipedia
Francois Couperin

Trilogie der Farben von Kieslowski

Der polnische Regisseur Krzysztof Kieslowski hat in den 1990er-Jahren eine Spielfilm-Trilogie über die Schlagworte der Französischen Revolution – „Freiheit“, Gleichheit“ und „Brüderlichkeit“gemacht. „Trois couleurs“ – „Drei Farben“ hat er diese Trilogie genannt, benannt nach den Farben der französischen Flagge: Blau, Weiß, Rot. Zbigniew Preisner hat die Musik dazu komponiert.

Farbgestalter sprechen von Farbtönen, Musiker von Klangfarben. Es gibt die Harmonie der Töne ebenso wie die der Farben. Es gibt Farbskalen genauso wie Notenskalen und man könnte meinen, dass die Welt der Farben eng verbunden mit der Welt der Töne und der Musik ist. Worauf jedoch diese Verbindung eigentlich beruht, darüber zerbrechen sich Philosophen, Naturwissenschaftler und Künstler seit Jahrhunderten die Köpfe. Es scheint so zu sein, dass Farbe und Musik miteinander zu verbinden, nur subjektiv sein kann, eine Sache der menschlichen Wahrnehmung. Wer Musik hört, die traurig und bedrückend ist, denkt an dunkle Farbtöne, die eine ähnliche Empfindung auslösen.

Rose
ORF/kelp

Eine rote Rose hat in Wirklichkeit eine stoffliche Struktur, die Licht einer bestimmten Wellenlänge abstrahlt. Erst in unserem Gehirn wird daraus die Farbe Rot und das Wissen darum, dass diese Struktur eine Blume ist. Damit werden Emotionen erzeugt, die unsere Nervenzellen bewerten. So kann das Bild einer roten Rose unwillkürlich den Duft der Blume in uns aufsteigen lassen, vielleicht auch die zärtliche Erinnerung an eine große Liebe.

Synästhetiker „sehen“ Farben

Manche Farbkombinationen hinterlassen durchaus einen dissonanten Eindruck wie ein schräger Akkord. Am stärksten ausgeprägt ist diese Verbindung bei Synästhetikern, bei denen Töne oft sehr starke Farbassoziationen auslösen. Sie erleben mehr als andere Menschen. Sie haben einen zusätzlichen Kanal der Wahrnehmung und dadurch beim Sehen, Hören, Riechen oder Schmecken zusätzliche Wahrnehmungserlebnisse.

Hat für den einen der Buchstabe A eine rote Farbe, so kann er für den anderen blau sein. Wieder andere nehmen nur Musik als Farbe wahr und es gibt Synästhetiker, die nur auf Gerüche reagieren. Ähnliche Wahrnehmungen treten auch bei der Einnahme bestimmter Drogen wie LSD auf, aber auch bei Migräne, elektrischer Hirnstimulation, Psychosen und Fieberdelirien.

Buchhinweis: „Was hörst du?“, The Metropolitan Museum of Art
Knesebeck Verlag, München, 2012

Hier können Sie die Sendung nachhören:

Michael Huemer / ooe.ORF.at

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